Politik

Krempelt Albig den Norden um? Der Unfassbare

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Ein Mann mit zwei Gesichtern: Vertraute Albigs beteuern, er halte nichts von persönlichen Attacken. Journalisten sagen, auf kritische Fragen reagiere er auch mal mit Tiefschlägen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Barschel-Affäre, Heidemörder - die Politik in Schleswig-Holstein ist bekannt für Intrigen. SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig setzt nun alles daran, einen Gegenentwurf zum rauen Machtkampf im Norden zu verkörpern. Als Ministerpräsident könnte er die tiefen Gräben zwischen Bürgern und Politik so schließen. Fraglich ist aber, ob er seinen Versöhnungskurs ernst meint.

Die "MS Hauke" läuft aus dem Büsumer Hafen aus. Der Fischkutter passiert die Schleuse, lässt das Geschnatter der Touristen hinter sich, das Kreischen der Möwen. Draußen auf der Nordsee ist nurmehr das sonore Grummeln des Bootsmotors zu hören. Für den Spitzenkandidaten der SPD in Schleswig-Holstein, Torsten Albig, ist nun die Zeit für Gespräche gekommen. Mit ihm an Bord sind ein paar Dutzend Vertreter der Tourismusbranche.

Albig fällt auf unter all den Funktionären. Er ist groß, kräftig, kahlgeschoren. Manch einer nennt ihn den "roten Kojak von der Küste". Als er am Bug des Schiffes auf einen 19-jährigen Lübecker trifft, der sein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Nationalpark Wattenmeer ableistet, fragt er, was es denn in Schleswig-Holstein zu verbessern gebe. Der junge Mann antwortet: "Bei uns sind drei Viertel der Stellen nicht besetzt, weil es kein Geld gibt." Er fügt hinzu: Dabei sei das Freiwillige Ökologische Jahr doch eine Gelegenheit, um junge Leute auch aus anderen Bundesländern in den Norden zu holen. Der Lübecker spricht vom demografischen Wandel, der die Menschen im ländlichen Schleswig-Holstein besonders besorgt. Albig nickt und hört zu.

Sonntagsfrage im hohen Norden

Laut den letzten Umfragen können die Parteien in Schleswig-Holstein mit folgenden Ergebnissen rechnen:

  • SPD: 31-33 Prozent
  • CDU: 30-32 Prozent
  • Grüne: 12-13 Prozent
  • Piraten: 8-9 Prozent
  • FDP: 6-7 Prozent
  • SSW: 4-4,5 Prozent
  • Die Linke: 2-2,5 Prozent

Quelle: Infratest Dimap, 26. April 2012; Forschungsgruppe Wahlen, 27. April 2012; GMS, 2. Mai 2012

Der Sozialdemokrat steckt mitten im Wahlkampf. Am 6. Mai könnten die Bürger des nördlichsten Bundeslandes ihn zum neuen Ministerpräsidenten machen. Er hat beste Chancen auf den Posten. Laut Umfragen ist er der mit Abstand beliebteste Politiker Schleswig-Holsteins. In den Mittepunkt seiner Kampagne stellt Albig den "bürgernahen" Wahlkampf. 300 Termine in der heißen Phase, meist mit wenigen Teilnehmern. Er nennt das seine "Lieblingslandtour". Albig sagt: "Mein Politikstil ist es, erst die relevanten Informationen zu sammeln, mit den Menschen zusammenzukommen, die Betroffenen ernst nehmen und erst dann zu entscheiden." Wichtig sei ihm aber auch, das eigene Ego zurückzustellen – um für Zusammenhalt zu sorgen. Das sind neue Töne aus Schleswig-Holstein, dem Land, das wie kein zweites für seine politischen Intrigen und persönliche Machtkämpfe bekannt ist, dem Land, in dem lange eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen der Politik und den Bürgern klaffte. Krempelt Albig den rauen Norden um?

Der Tote in der Badewanne

Von den frühen 50ern bis weit in die 80er Jahre hinein regierte die CDU das Land. In drei Jahrzehnten etablierte sie ein Machtmonopol, das die Stimmung in der Schleswig-Holsteiner Politik nachhaltig vergiftete. Die CDU krallte sich verbissen an ihre Regentschaft, platzierte ihre Leute bis hinunter auf die Ebene von Amts- und Schulleitern. Die Opposition erfasste eine immer tiefere Verbitterung. So entstand ein emotionales Gemisch, das nur darauf wartete, sich zu entladen. Kurz vor den Landtagswahlen 1987 war es soweit – in der Polit-Affäre mit Folgen

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"Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind", sagte der frühere CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel. Er machte Schleswig-Holstein mit dem wohl größten politischen Skandal in der jüngeren deutschen Geschichte bekannt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

SPD und CDU attackierten sich gegenseitig in ungekannter Härte. Der damalige CDU-Ministerpräsident, Uwe Barschel, ließ Detektive auf die politische Konkurrenz ansetzen und das Gerücht verbreiten, der SPD-Spitzenkandidat habe Aids. Als die Geschichte aufflog trat Barschel von seinem Amt als Ministerpräsident zurück, neun Tage später fand man ihn tot in der Badewanne eines Genfer Hotels. Die Gründe sind bis heute nicht geklärt.

Spätestens seit dieser Affäre trauen sich die großen Parteien in Schleswig-Holstein nicht mehr. Aber auch in den eigenen Reihen herrscht seit Jahren Argwohn.

Das wohl eindringlichste Beispiel dafür ist die Geschichte des "Heidemörders". Nach den Landtagswahlen 2005 hatte die damalige SPD-Ministerpräsidentin, Heide Simonis, dank der Unterstützung des Südschleswigschen Wählerverbands eine weitere Amtszeit eigentlich sicher. Probeabstimmungen bestätigten ihr ausreichend Stimmen. Doch bei der konstituierenden Sitzung des Landtages entzog ihr einer der Abgeordneten die Unterstützung. Der "Heidemörder" bekannte sich bis heute nicht zu seiner Tat.

Die letzte Große Koalition zerbrach, weil sich der Unions-Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen und der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner nicht ausstehen konnten. Carstensens designierter Nachfolger, Christian von Boetticher stolperte über Boetticher beklagt sich Seine Partei ließ ihn fallen. Es gibt etliche Geschichten wie diese aus dem Norden.

Und dann kam Albig.

Duell mit dem "Biest"

Albig wird 1963 in Bremen geboren. Er studiert Jura in Bielefeld, tritt dort in die SPD ein. Er kommt nach Bonn, dann nach Berlin. Als Sprecher vermittelt er die Politik von drei SPD-Finanzministern: Oskar Lafontaine, Hans Eichel und Peer Steinbrück. 2002 dann zieht er nach Kiel. Albig kandidiert für das Amt des Oberbürgermeisters und gilt seit seiner Wahl 2009 als neue Hoffnung der Nord-SPD.

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Ralf Stegner, das "Biest". CDU-Politiker sagen über Albigs Parteikollegen, sie würden nur eine Koalition mit der SPD eingehen, wenn er keine tragende Rollen mehr einnehmen würde.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kaum 15 Monate später bewirbt er sich um den Posten des Spitzenkandidaten für die Landtagswahlen. Beim Kampf um das Amt macht er erstmals deutlich, dass Politik in Schleswig-Holstein nicht bedeuten muss, den politischen Gegner zu zerstören.

Albig tritt Albig gewinnt Kandidatenkür gegen den polarisierenden Landesvorsitzenden der Sozialdemokraten, Stegner, an. Medien charakterisierten Stegner als "Biest", Politiker anderer Parteien wollten mit ihm keine Koalitionen bilden und in der Nord-SPD gab es etliche, die nur darauf warteten, dass Albig nach einem Sieg mit ihm abrechnen, ihn wegbeißen würde – ganz in Schleswig-Holsteiner Tradition. Stattdessen bietet Albig ihm nur Stunden nach der Auszählung der Stimmen in der Landesgeschäftsstelle der SPD in Kiel an, gemeinsam in den Wahlkampf zu ziehen. Die Reaktionen reichen von Überraschung und Irritation bis hin zur Fassungslosigkeit und Wut.

Ein kluger Schachzug

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In Schleswig-Holstein nennt manch einer Torsten Albig den "Kojak von der Küste".

(Foto: picture alliance / dpa)

Nur ein paar Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Albig das Duell gegen Stegner gewann, sitzt Wilhelm Knelangen in seinem Büro der Christian-Albrechts-Universität. Der Politikwissenschaftler beobachtet seit Jahren, was sich in den Parteien in Schleswig-Holstein abspielt. "Im Hinblick auf die Wahlkampfauseinandersetzung war das auf jeden Fall ein kluger Schachzug", sagt der 40-Jährige über Albigs Entscheidung, Stegner nicht wegzubeißen.

Stegner mit einzubinden habe die Reihen in der von starken Flügeln geprägten Nord-SPD geschlossen, sagt er. "Innerhalb der Partei ist eine gewisse Ruhe eingekehrt." Und Knelangen glaubt, dass es bei den Bürgern Schleswig-Holsteins ein Bedürfnis nach Versöhnung gibt. Der Politikwissenschaftler zögert einen Moment, dann fügt er hinzu: "Albig versucht natürlich auch, das Bild des Mannes, der alte Gräben zuschüttet, in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes zu stellen." Ist Albigs Image des Brückenbauers womöglich bloße Inszenierung?

Manch einer in Schleswig-Holstein sagt, Albig habe sich als Sprecher von drei Finanzministern darin "professionalisiert", ein nützliches Image zu "verkaufen". Sie sagen, er könne das besser als alle anderen. Albig ist unter Journalisten zudem bekannt dafür, dass er auf kritische Fragen zu seinem Umgang mit Stegner oder seinem Wahlkampfkonzept wirsch reagiert. Wer das einmal miterlebt hat, tut sich schwer, an den großen Versöhner zu glauben. Albigs freundliches Lächeln verwandelt sich dann in ein überhebliches. Manchmal setzt er gar eine völlig feindselige Miene auf. Statt seine Politik zu erklären, sucht er dann nach Schwächen seines Gesprächspartner, versucht ihn auch persönlich zu treffen. 

Menschen, die Albig gut kennen, Menschen, die er selbst zu seinen engsten Vertrauten in der Schleswig-Holsteiner Politik zählt, beschreiben den Auftritt des SPD-Manns dagegen als integer und echt. Die SPD-Bürgermeisterin von Elmshorn, Brigitte Fronzek, kennt Albig seit jenen heißen Tagen des Zweikampfes mit Stegner. Sie war damals eine Mitkonkurrentin um den Posten des Spitzenkandidaten, trat aber als wenig aussichtsreiche Bewerberin kaum in Erscheinung. Trotzdem glaubt Fronzek seither zu wissen, wie es sich anfühlt, Albig herauszufordern. Sie sagt: "Torsten ist fest der Auffassung, dass man nichts zu gewinnen hat, wenn man einander persönlich angreift." Auch die Bürgernähe, die er mit seiner "Lieblingslandtour" so sehr in Szene setzt, hält die erfahrene Kommunalpolitikerin für echt. "Ich glaube nicht, dass man das über so viele Veranstaltungen hinweg spielen kann."

Albig muss auf Zusammenhalt pochen

Inszeniert oder echt? Auch Politikwissenschaftler Knelangen und seine Kollegen von der Christian-Albrechts-Universität zerbrachen sich darüber schon den Kopf. Eine abschließende Antwort fanden sie bis heute nicht. Und vielleicht spielt es auch nur eine untergeordnete Rolle, ob Albigs versöhnlicher Kurs nun seinem Charakter entspricht oder nicht. Denn er kann vermutlich gar nicht anders als an ihm festzuhalten.

Vor allem, weil der Landesvorsitzende Stegner das Bild der SPD in Schleswig-Holstein Jahre lang prägte. Der geniale, aber spitzzüngige Harvard-Absolvent, der gern auch mal eine Fliege trägt, löste bei vielen Bewohnern des bodenständigen Schleswig-Holsteins Abneigung aus, er fuhr 2009 als Spitzenkandidat mit nur 25 Prozent der Stimmen das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Nord-SPD ein. Doch Stegner ist stark verwurzelt in der Schleswig-Holsteiner SPD. Neben etlichen Gegnern hat er viele Unterstützer.

Ohne Stegner als Partner an der Spitze der Partei dürfte es Albig schwer fallen, Flügelkämpfe in der Partei einzudämmen. Mit Stegner könnte die SPD manch einen Wähler noch immer abschrecken. Albig muss daher demonstrieren, dass er die Partei unter seiner Führung geeint hat.

Albigs Kampagne, die betonte Bürgernähe und der demonstrative Zusammenhalt, ist vor diesem Hintergrund auch für Knelangen völlig nachvollziehbar. Viele Schleswig-Holsteiner bezeichnen Albig als nett und nahbar. Bei einer Umfrage Anfang April zeigten sich 55 Prozent der Norddeutschen zufrieden oder gar sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Doch der Politikwissenschaftler benennt auch die Kehrseite der Strategie. "Es ist nicht mehr so richtig erkennbar, wofür die SPD eigentlich steht, was ihre Positionen sind", sagt er. Themen spielen nach Angaben des Politikwissenschaftlers nur eine untergeordnete Rolle.

Sozialdemokrat mit piratischen Zügen

Es riecht nach Bier und Rostbratwurst auf dem Altstädter Markt in Rendsburg. Am Rande der mit Kopfsteinen gepflasterten Fläche stehen rund 100 Bürger, eine Fressbude und ein Boxring. Eine Bühne für Albigs Kontrahenten im Kampf um den Kieler Landtag. Beim "Politboxen", einer Wahlkampfveranstaltung der FDP stellt sich der Grüne Robert Habeck dem liberalen Spitzenkandidaten Wolfgang Kubicki. Eigentlich sollen sie sich gegenseitig verbal zu Boden ringen, doch ihre Schläge treffen auch immer wieder den Mann der SPD.

Der Moderator wirft den Verbalboxern eine Frage zu: "Macht es mit Blick auf die finanzielle Situation in Schleswig-Holstein überhaupt einen Unterschied, ob CDU oder SPD den Ministerpräsidenten stellt?" Die Grünen haben die SPD in Schleswig-Holstein zu ihrem Wunschkoalitionspartner erklärt. Doch Habeck prustet zunächst etwas abfällig, grübelt sichtlich, erst dann sagt er "Ja". Kubicki antwortet prompt "Nein".

In der nächsten Runde sollen die Duellanten drei Punkte im Haushalt nennen, an denen sie künftig sparen wollen. Das strukturelle Defizit Schleswig-Holsteins beträgt nach Angaben des hiesigen Finanzministeriums rund eine Milliarde Euro. 2020 muss es bei null liegen, um die Regeln der Schuldenbremse einzuhalten. Planstellen im Landesdienst streichen, ein Ende der Übernahme der Fahrtkosten für Schüler, Behörden mit Hamburg zusammenlegen. Kubicki und Habeck zählen prompt die für sie wichtigsten Posten auf und zeigen, was Knelangen meint, wenn er sagt: Es sei nicht erkennbar, wofür die SPD steht.

Denn fragt man Albig nach konkreten Sparplänen, verengen sich für einen kurzen Moment seine Augen zu schmalen Schlitzen. Dann sagt er: Man könne Haushalte nicht sinnvollerweise über drei Positionen sanieren. Fragt man ihn, ob er denn die wichtigsten Positionen nennen könnte, bilden sich Falten zwischen seinen Augenbrauen und er antwortet: "Ich kann 500 Posten nennen, aber das ist völlig irrelevant." Es sei ja geradezu eine Laune derzeit, nach Haushaltspositionen zu fragen.

"Ich werde dieses Land voranbringen", sagt er, "indem ich mit den Menschen in diesem Land das Land stark mache und in jedem einzelnen Prozess erkläre, wie wir es besser machen." Es sei eine Mär der Konservativen, den Menschen glauben machen zu wollen, mit Zehn-Punkte-Kürzungsplänen könnte man Haushalte sanieren. "Einen Haushalt saniert man nachhaltig nur über seine ganze Breite - mit Sparsamkeit und begleitet von Verwaltungsreformen." Dem Fragesteller wirft er vor, sich allzu leicht vom Wahlkampfgetöse der Grünen und der FDP beeindrucken zu lassen.

Mit leeren Netzen in den Heimathafen

Die Besatzung der "MS Hauke" wirft die Netze aus, um Spitzenkandidat Albig zu zeigen, wie Nordseefischer Sprotten und Makrelen einheimsen. Als das Netz wieder auftaucht, ist es fast leer. Kein guter Fang. Der Kutter nähert sich wieder seinem Heimathafen. Die Schleuse ist in Sicht, das Kreischen der Möwen ist wieder da.

Torsten Albig hat mit fast allen Männern und Frauen an Bord gesprochen. Der 19-jährige Lübecker steht noch an der Reling. Auf die Frage, ob Albig sich seine Bitte um mehr Geld für Stellen im Freiwilligen Ökologischen Jahr zu Herzen genommen habe, ob er glaubt, dass der Spitzenkandidat der SPD nun etwas für ihn und den Nationalpark tue, reagiert er mit einem verlegenen Lachen. "Keine Ahnung", sagt er. Alles, was Albig ihm gesagt habe, sei: Er wolle sich die Sache "mal angucken". Der Lübecker schmunzelt.

Quelle: n-tv.de

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