Politik

IPCC-Klimabericht in Arbeit Deutschland hat 1,5 Grad schon überschritten

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Bei der Diskussion im IPCC am Montag standen die jüngsten Überschwemmungen in Deutschland und andere Extremwetterereignisse weltweit im Zentrum.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Der Weltklimarat stellt derzeit seinen neuen Sachstandsbericht fertig. Darin wird vor schweren Naturkatastrophen gewarnt, sollte der Klimawandel nicht eingedämmt werden. In Deutschland ist die Veränderung schon mehr als anderswo spürbar.

Seit Montag verhandeln die 195 Mitgliedsstaaten des Weltklimarats IPCC über den ersten Band des neuen Sachstandsberichts, der am 9. August erscheinen soll. Wie immer hat das IPCC für den Report Tausende Studien ausgewertet und die zentralen Erkenntnisse daraus zusammengefasst. Wegen der Corona-Pandemie findet die Konferenz in digitaler Form statt.

Noch sind die Ergebnisse des insgesamt sechsten Sachstandsberichts vertraulich. Allerdings zitiert die Nachrichtenagentur AFP aus einem Entwurf, in dem die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor schweren Naturkatastrophen warnen, falls der Klimawandel nicht eingedämmt wird. Der Zusammenbruch ganzer Ökosysteme, Wasser- und Lebensmittelknappheit und Krankheiten als Folgen der Erderwärmung werden demnach in den kommenden Jahrzehnten immer schneller um sich greifen.

Bis zum 6. August bewerten Regierungsvertreterinnen und -vertreter die in den vergangenen drei Jahren erarbeiteten Vorlagen der Wissenschaft und erstellen die endgültige Version der "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger". Dabei dürfen sie aber nur in dem eigentlichen Bericht enthaltene Fakten einbeziehen.

Welt bereits um 1,1 Grad erwärmt

Vor sechs Jahren hatten sich die Staaten der Welt im Abkommen von Paris geeinigt, den globalen Anstieg der Temperaturen auf deutlich unter 2 Grad, möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter hat sich die Erde bereits um 1,1 Grad erwärmt. Umso stärker drängt die Zeit.

In Deutschland ist die Temperatur bereits um rund 1,6 Grad seit 1881 angestiegen, wie IPCC-Mitautorin Astrid Kiendler-Scharr vom Forschungszentrum Jülich der Deutschen Presse-Agentur sagte. Weitere Kennzahlen für Deutschland: Sonnenscheindauer plus 17 Prozent seit 1981, Anzahl heiße Tage plus 196 Prozent seit 1951, Anzahl Tage mit Starkregen plus fünf Prozent seit 1951, Meeresspiegel plus 42 Zentimeter in Cuxhaven seit 1843.

Weltweit waren die vergangenen sechs Jahre - 2015 bis 2020 - die wärmsten seit Messbeginn. Der Berichtsentwurf, der AFP vorliegt, zeichnet bei einer globalen Erwärmung um 2 Grad schwerwiegende globale Folgen für Menschen und Natur vor. Ohne zusätzliche Gegenmaßnahmen steuert die Erde derzeit auf eine Erwärmung um rund 3 Grad zu. "Bei 3 Grad landen wir in einer ganz anderen Welt", sagte die Generalsekretärin des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC, Brigitte Knopf. "Schon bei einer Erderwärmung um 1,5 Grad werden sogenannte Kipppunkte im Klimasystem angestoßen, die die Erderwärmung noch einmal beschleunigen. So ist, wenn das arktische Meereis schmilzt, die Oberfläche dort nicht mehr weiß - das Sonnenlicht wird weniger stark reflektiert, der Ozean erwärmt sich noch mehr, das Eis schmilzt noch schneller und der Meeresspiegel steigt noch stärker."

"Wichtig für die ganze Welt"

Bei der Diskussion im IPCC am Montag standen die jüngsten Überschwemmungen in Deutschland und andere Extremwetterereignisse weltweit im Zentrum. "Allein die letzten sechs Wochen haben uns eine Reihe von verheerenden Ereignissen gebracht, Hitze, Überschwemmungen, Brände, Dürre und mehr", unterstrich die UN-Klimabeauftragte Patricia Espinosa die Dringlichkeit des Handelns. Politische Entscheidungsträger müssten dies endlich begreifen.

IPCC

Das Intergovernmental Panel on Climate Change wurde 1988 von der UN-Umweltorganisation (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Politik neutral über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimaveränderung und über mögliche Gegenmaßnahmen zu informieren. Dem IPCC gehören 195 Staaten an. Die IPCC-Berichte werden von tausenden Wissenschaftlern zusammengestellt, darunter neben Klima- und Meeresforschern auch Statistiker, Ökonomen und Gesundheitsexperten. Das IPCC betreibt keine eigene Forschung zum Klimawandel, sondern wertet Studien aus und fasst die zentralen Erkenntnisse daraus zusammen. Der fünfte Sachstandsbericht erschien 2013/2014.

Vom sechsten Sachstandsbericht seit "eine bessere Zuordnung von Extremwetter zum Klimawandel" zu erwarten, sagte der IPCC-Vorsitzende, der südkoreanische Wirtschaftswissenschaftler Hoesung Lee. Eine große Rolle sollen auch regionale Vorhersagen zum Klimawandel spielen. "Die Welt wartet darauf, was der Weltklimarat zu sagen hat."

Ähnlich äußerte sich der Chef der Weltwetterorganisation der Vereinten Nationen, Petteri Taalas. "Der Bericht, den Sie fertigstellen werden, wird sehr wichtig für die ganze Welt sein", sagte der finnische Meteorologe. Für die Weltklimakonferenz im November in Glasgow sei er "entscheidend". Bei einem Vorbereitungstreffen in Glasgow sagte der deutsche Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth, die Erwartungen an den Klimagipfel seien hoch, "und das ist mehr als angemessen angesichts der immer deutlicher zutage tretenden Auswirkungen des Klimawandels".

Im kommenden Jahr sollen zwei weitere Berichte des IPCC zu Folgen des Klimawandels und Möglichkeiten der Anpassung sowie zu Wegen zu einer Minderung der Treibhausgasemissionen folgen. Den Abschluss bildet ein Synthesebericht, der Kernaussagen der drei Teile sowie aktueller IPCC-Sonderberichte zusammenfasst.

Quelle: ntv.de, hvo/AFP/dpa

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