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"Unternehmen Walküre" Deutschlands gescheiterte Selbstbefreiung

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Hermann Göring (helle Uniform) Hitlers Kanzleichef Martin Bormann (links) begutachten den zerstörten Raum der Kartenbaracke.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Jahr 1944 ist klar, dass Adolf Hitler Deutschland in den Untergang führt. Eine Widerstandsgruppe um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg versucht am 20. Juli, den Diktator auszuschalten. Doch dieser Umsturzversuch schlägt fehl.

"Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen", sagt Claus Schenk Graf von Stauffenberg kurz vor dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Für den 36-jährigen Oberst gibt es kein Zurück mehr. Dem Kriegsversehrten - Stauffenberg wurde am 7. April 1943 bei einem britischen Tieffliegerangriff in Nordafrika schwer verwundet und verlor das linke Auge sowie die rechte Hand - kommt bei dem Umsturzversuch eine Schlüsselrolle zu.

Der Adelsspross, der lange Zeit ein glühender deutscher Nationalist war und 1932 bei der Reichspräsidentenwahl Hitler dem Amtsinhaber Paul von Hindenburg vorzog, ist es, der die Tasche mit der Bombe zur Lagebesprechung in die Baracke der Wolfsschanze bringt. Stauffenberg und sein Adjutant Werner von Haeften erfahren erst bei ihrer Rückkehr in Berlin, dass das Attentat auf den obersten Verbrecher fehlgeschlagen ist. Durch die Explosion um 12.42 Uhr platzen Hitler lediglich die Trommelfelle, zudem trägt der Diktator Prellungen und kleinere Verbrennungen davon. Sein Überleben sorgt für ein Andauern des Massensterbens in Europa bis zum Mai 1945.

Als Stabschef des Allgemeinen Heeresamtes hat Stauffenberg Zugang zu Informationen über die militärische Situation an den Fronten und kennt die aussichtslose Lage, in der sich Hitlerdeutschland befindet. Zudem nimmt er an Hitlers Lagebesprechungen teil und erlebt, wie der Tyrann die Divisionen verheizt und Soldaten in aussichtlosen strategischen Situationen zu Hunderttausenden sinnlos opfert. Spätestens seit die Alliierten im Rahmen der "Operation Overlord" am 6. Juni 1944 in der französischen Normandie gelandet sind, ist klar, dass eine Weiterführung des Krieges zur Niederlage Deutschlands führen würde. Bereits zweieinhalb Monate später fällt Paris in alliierte Hände. Auch in Italien befindet sich die Wehrmacht auf dem Rückzug.

Keine Demokraten

Noch schlimmer sieht es für die deutschen Truppen an der Ostfront aus. Dort sind sie seit der Vernichtung der 6. Armee in Stalingrad im Winter 1942/43 in der Defensive. Im Juli 1943 folgt eine weitere schwere Niederlage in der bislang größten Panzerschlacht bei Kursk ("Operation Zitadelle"). Ein Jahr später zerschlägt die sowjetische Armee bei der "Operation Bagration" die deutsche Heeresgruppe Mitte, die Wehrmacht verliert 28 Divisionen (eine Infanterie-Division hat eine Sollstärke von 15.000 Mann). Die Rote Armee stößt schnell nach Westen vor: Sie nimmt Galizien ein, weiter nördlich erreicht sie die Grenze Ostpreußens.

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Adolf Hitler sollte getötet werden, um das Massensterben zu beenden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Skrupellosigkeit, mit der Hitler Deutschland der totalen militärischen Niederlage entgegenführt, ist es, die den Widerstand gegen sein verbrecherisches Regime befördert. Die Tatsache, dass der Führer bereit ist, das deutsche Volk zu opfern, lässt Personen, die ihm - wie Stauffenberg auch - aus soldatischem Gehorsam lange Zeit folgten, gegen die Nationalsozialisten aktiv werden. Sie sind größtenteils keine Demokraten, sondern kommen aus dem Adel, aus der Wehrmacht oder der Verwaltung. Viele von ihnen sind als Offiziere in der ersten Phase des Zweiten Weltkrieges an den deutschen Eroberungsfeldzügen beteiligt, die meisten von ihnen in der Sowjetunion.

Die militärischen Niederlagen der Jahre 1943/44 sind ein wichtiges Motiv der Verschwörergruppe zum Handeln. Doch bereits im Frühjahr 1938 gibt es Spannungen zwischen der Wehrmacht und Hitler. Der Diktator entlässt Reichskriegsminister Werner von Blomberg und entmachtet die Wehrmachtführung, die seine gezielte Kriegsvorbereitung nicht mitmachen will. Einige Monate später tritt der Chef des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Ludwig Beck, zurück. Er soll die Pläne für die Besetzung der Tschechoslowakei ausarbeiten. Pläne für einen Staatsstreich existieren. Doch ausgerechnet der britische Premierminister Neville Chamberlain mit seiner Politik des Appeasement (Beschwichtigung) macht den Verschwörern im Herbst 1938 einen Strich durch die Rechnung, indem er Hitler freie Hand bei der Besetzung des Sudetenlandes gibt. Wenig später annektiert das Deutsche Reich die gesamte Tschechoslowakei. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sorgt für eine Zurückstellung der Umsturzpläne.

Antisemit wird zum Hitler-Gegner

Nicht wenige Verschwörer gehen zunächst von einem deutschen Sieg aus. "Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen. Aber dann, wenn wir nach Hause kommen, werden wir mit der brauen Pest aufräumen", sagt Stauffenberg vor dem "Barbarossa"-Feldzug gegen die UdSSR. Eine bemerkenswerte Äußerung. Noch zu Beginn des Polenfeldzuges schreibt er im September 1939 an seine Frau: "Die (polnische - Anm.d.R.) Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun." Doch 1941 erhält er Kenntnis über die deutschen Verbrechen hinter der Ostfront, wie die massenhafte Ermordung von sowjetischen Kriegsgefangenen und Juden, die seine Soldatenehre verletzen. Stauffenberg wird vom Hitler-Anhänger zum Hitler-Gegner.

Gemeinsam mit seinem Vorgesetzten im Allgemeinen Heeresamt, General Friedrich Olbricht, Generalmajor Henning von Tresckow und Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim wird ein Plan zum Sturz Hitlers erarbeitet. "Unternehmen Walküre", das eigentlich zur Unterdrückung eines möglichen Aufstandes gegen das NS-Regime gedacht war, wird umfunktioniert. Mit aufgenommen wird die Verhaftung von Führungspersonen der SS, der NSDAP, des Sicherheitsdienstes (SD) und der Gestapo. Um eine totale Niederlage Deutschlands zu verhindern, die verbunden mit einer Besetzung durch ausländische Truppen wäre, wollen die Verschwörer Schluss mit der braunen Pest machen.

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Ludwig Beck

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Doch wie soll Deutschland nach Hitler aussehen? Die verschiedenen Widerstandsgruppen müssen in dieser Frage zusammenfinden. Der von Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg geführte Kreisauer Kreis, der Mitglieder aus verschiedenen Schichten hat, will einen reformierten Staat und keine Restauration der Zustände vor 1933, also auch keine Monarchie. Deutschland soll in Europa integriert werden.

Die Berliner Widerstandsgruppe um Ludwig Beck und  den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler, der sich von Tresckow angeschlossen hat, ist dagegen nationalkonservativ. Sie will ein sofortiges Ende des Krieges und der Judenverfolgung sowie die Wiederherstellung des Rechtsstaats auf dem Stand vor Hitlers Machtantritt. Der Großteil der Verschwörer ist gegen eine parlamentarische Demokratie. Dazu gehört auch Stauffenberg. Der Widerspruch: Er will auch den SPD-Politiker Julius Leber in der Regierung haben. Allerdings befindet sich dieser Anfang Juli 1944 in Haft. Einig sind sich die Verschwörer darin, dass Goerdeler Übergangskanzler und Beck Staatsoberhaupt werden sollen.

"Walküre" sieht vor, dass in Deutschland stehende Wehrmachtsverbände innerhalb von anderthalb Tagen die Staatsgewalt übernehmen. Das Hitler-Regime, die NSDAP, die SS und die Gestapo sollen ausgeschaltet werden. Ziel der Verschwörer ist die politische Neuordnung Deutschlands.

Etwas mehr als drei Stunden nach dem Attentat, um 15.45 Uhr, landet Stauffenberg im südlich von Berlin gelegenen Rangsdorf. Eine Dreiviertelstunde später befindet er sich im Bendlerblock in der Reichshauptstadt. Zwischendurch übermittelt Stauffenberg seinem Vorgesetzten General Olbricht die Nachricht von Hitlers Tod - ein verhängnisvoller Irrtum. Bereits kurz nach dem Attentat kabelt der General der Nachrichtentruppe, Erich Fellgiebel, von der Wolfsschanze nach Berlin: "Es ist etwas Furchtbares passiert, der Führer lebt." Die Verwirrung im Bendlerblock ist groß.

Hitlers grausame Rache

Die Verschwörer versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Pausenlos gehen Fernschreiben raus, die Telefondrähte zu den Wehrkreisen glühen. Umsonst, denn die Befehle werden nicht befolgt. Die wichtigsten Schaltzentralen des Regimes wie Reichskanzlei, Propagandaministerium, Rundfunk und Reichssicherheitshauptamt werden nicht besetzt. Am späten Abend des 20. Juli 1944 umstellt ein Wachbataillon unter der Leitung des glühenden Hitler-Anhängers Major Otto Ernst Remer den Bendlerblock. Der Staatsstreich gegen Hitler ist gescheitert.

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Roland Freisler während der Urteilsverkündung.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Regime übt grausame Rache an den Verschwörern. Bereits kurz nach Mitternacht werden General Olbricht, Stauffenberg, sein Adjutant Haeften und Mertz von Quirnheim im Innenhof des Bendlerblocks erschossen. General Beck wird zum Suizid gezwungen. General Henning von Tresckow lässt sich am 21. Juli 1944 an die Front fahren und bringt sich dort selbst um. Gegen andere Verschwörer wie Goerdeler und Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben wird ein Schauprozess unter Vorsitz des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, inszeniert. Für die Angeklagten gibt es keine Gnade. Sie werden in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee erhängt.

Das Scheitern des Umsturzes ist verhängnisvoll. An den Fronten sind die Verluste an Menschenleben enorm. Das Morden in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern geht weiter. Viele deutsche Städte werden durch alliierte Bombenangriffe zerstört. Vom Umsturzversuch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sterben fast ebenso viele Menschen wie in den ganzen Kriegsjahren zuvor. Hitler interpretierte das Scheitern des Attentats als Vorsehung. Die Goebbels-Propaganda strickt daraus neue Durchhalteparolen. Das Land geht der Katastrophe entgegen.

Der Umsturzversuch hat das Naziregime allerdings völlig überrascht. Wie die Historikerin Linda von Keyserlingk-Rehbein in ihrem Buch "Nur eine 'ganz kleine Clique'?" schreibt, geht es nach dem Putschversuch sofort in die Offensive. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels lässt das Ereignis runterspielen und suggeriert der deutschen Bevölkerung, dass nur eine zahlenmäßig kleine Gruppe hinter dem Umsturzversuch stand. Dabei ist dem nicht so. Von Keyerlingk-Rehbeins Analyse zeigt, was die NS-Ermittler tatsächlich über das große und komplexe zivile und militärische Netzwerk vom 20. Juli 1944 wussten. Der Naziführung war bekannt, dass der Widerstand von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen wie Offizieren, Verwaltungsbeamten, Diplomaten, Juristen, Industriellen, Theologen et cetera ausging.

Es gelingt den Deutschen nicht, sich aus eigener Kraft von der Hitler-Barbarei zu befreien. Der Sturz des Regimes erfolgt durch die militärische Niederlage gegen die Armeen der Anti-Hitler-Koalition und der daraus folgenden Besetzung Deutschlands. Dennoch ist der 20. Juli 1944 ein wichtiges Datum in der deutschen Geschichte, denn mit ihm verbindet sich der Widerstand gegen eine totalitäre Diktatur, aus der heraus Massenverbrechen begangen wurden. Im geteilten Nachkriegsdeutschland tut man sich lange Zeit schwer mit der Bewertung. Noch in den 1950er-Jahren werden die Widerständler in der Bundesrepublik diffamiert, werden ihren Angehörigen Pensionen und Renten verweigert. Erst 1953/54 gibt es die ersten öffentlichen Würdigungen. Die DDR-Propaganda hebt den kommunistischen Widerstand gegen Hitler hervor, die Ereignisse des 20. Juli 1944 werden nur am Rande erwähnt. Eine Umbewertung der Ereignisse erfolgt nach der Wende 1989/90. 

Heute beruft sich die Bundeswehr in ihrem Traditionsbild auf den Geist der Verschwörer, die beim Staatsstreichversuch ihr Leben riskierten und es anschließend lassen mussten. Deshalb ist der 20. Juli ein Tag, an dem die Soldaten ihr feierliches Gelöbnis ablegen.

Quelle: n-tv.de

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