Politik

Symbol für das Grauen in Butscha Die Frau mit den roten Fingernägeln: Wer sie war, wie sie starb

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Foto mit Symbolcharakter: Die Hand von Iryna Filkina.

(Foto: REUTERS)

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Nach der Befreiung von Butscha geht das Foto einer toten Frau mit roten Fingernägeln um die Welt. Die Identität der Frau ist inzwischen geklärt. Ein Video zeigt die letzten Momente im Leben der 52-Jährigen.

Nach dem Abzug russischer Truppen aus dem Kiewer Vorort Butscha, bot sich den nachrückenden ukrainischen Soldaten vor wenigen Tagen ein Bild des Grauens. Auf den Straßen der Kleinstadt lagen Dutzende, teils gefesselte Leichen. Ein Foto, welches kurz nach der Befreiung Butschas entstand, zeigt die rot lackierten Fingernägel einer Frau, die tot auf der Straße liegt. Das Bild ging um die Welt und wurde schnell zum Symbol für die russischen Gräueltaten in der Stadt. Mittlerweile sind die Identität der Frau sowie die Begleitumstände ihres Todes geklärt.

Bei der Toten handelt es sich um Irina Filkina. Die Visagistin Anastasia Subatschewa war eine der ersten, die die 52-jährige Mutter von zwei Töchtern identifizierte - anhand ihrer markanten Nägel. "Irina ging zu mir, um Make-up-Unterricht für sich selbst zu nehmen. Jedes Mal, wenn sie bei der Arbeit war, saß sie da und übte unsere Lektionen so fleißig. Sie wollte nur leben, wie viele meiner Freunde und Kunden", wird Subatschewa von ukrainischen Medien zitiert.

In der vergangenen Woche schrieb Subatschewa zudem einen ausführlichen Instagram-Post, mit dem sie an die verstorbene Filkina erinnerte. "Sie war überglücklich, sie übte immer so fleißig, wie niemand sonst", so die Kosmetikerin. "Sie erzählte immer wieder, wie sehr ihr Make-up von Bewunderern geschätzt wurde." Und weiter: "Sie sagte: 'Ich habe endlich das Wichtigste verstanden - man muss sich selbst lieben und für sich selbst leben. Und endlich werde ich mein Leben so wie ich will leben.'"

Video zeigt Moment des Todes

Das Bild der toten Frau mit den auffälligen Fingernägeln erreichte auch Olga Shchiruk. Nach Tagen der Ungewissheit war ihr deswegen klar: Ihre Mutter ist tot. "Wir lebten alle zusammen im Dorf Mychajliwka-Rubeschiwka, 15 Minuten von Butscha entfernt", sagte Filkinas jüngste Tochter der "Bild"-Zeitung. "Bevor die Russen kamen, hatten wir ein Leben wie alle anderen auch. Wir gingen arbeiten, waren zu Hause und im Urlaub, haben uns mit Freunden getroffen. Mama hat in einer Heizungsanlage die Geräte gesteuert und überwacht."

Doch mit Beginn der russischen Invasion geriet das Leben der Familie aus den Fugen. Wie der Sender CNN berichtete, beschlossen ihre Töchter nach Polen zu fliehen. Filkina blieb jedoch zurück und versorgte in einem Einkaufszentrum in Butscha Menschen, die dort Schutz suchten. Am 5. März habe sie versucht, die Stadt in einem Auto zu verlassen. Da jedoch alle Plätze belegt waren, beschloss sie, mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren.

Shchiruk sagte dem Sender, sie habe ihre Mutter gebeten, nicht mit ihrem schwarzen Fahrrad nach Hause zu fahren, sondern stattdessen den Zug aus der Stadt zu nehmen. "Ich habe ihr gesagt, dass es dort unsicher ist. Die Russen haben das ganze Dorf besetzt - sie haben Menschen getötet", so die 26-Jährige. "Olga, kennst du deine Mama nicht? Ich kann Berge versetzen", soll Filkina am Telefon geantwortet haben. Es war das letzte Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Wenig später war Filkina tot.

Ein von CNN-Reportern überprüftes Video, welches vergangene Woche veröffentlicht wurde, scheint den Moment des Todes festgehalten zu haben. Es zeigt eine Person, die ein schwarzes Fahrrad auf der Yablunska-Straße in Butscha schiebt. Nachdem die Person um eine Ecke biegt, wird sie von einem russischen Panzerwagen niedergeschossen.

Das Bild als "ein Symbol für Neuanfänge"

Dass auf ihre Mutter geschossen wurde, habe sie schnell erfahren, schrieb Olga Shchiruk auf Instagram. Sie habe sie nicht mehr telefonisch erreichen können. Nach mehreren Wochen Hoffnung, dass Irina Filkina doch noch leben könnte, sah ihre Tochter Anfang April die Fotos der Getöteten aus Butscha. Auf einem davon war die Hand ihrer Mutter zu erkennen.

"Der Krieg kam nicht nur in mein Land, er kam in mein Haus und nahm, oder besser stahl mein Universum", schrieb Shchiruk in Andenken an ihre Mutter auf Instagram. Mit einer Stiftung will die Tochter nun andere Kriegsopfer in der Ukraine unterstützen. "Ich möchte, dass das Bild ihrer Hand ein Symbol für Neuanfänge ist", sagte Shchiruk im Gespräch CNN. "Dieses Symbol sagt den Besatzern, dass sie uns alles antun können, aber die Hauptsache nicht nehmen können: Liebe."

Quelle: ntv.de

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