Politik

Interviews am laufenden Band Die Journalistin, mit der Varoufakis nicht spricht

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(Foto: AP)

In seiner Zeit als Finanzminister gab Yanis Varoufakis Interviews am laufenden Band. Nur mit mir sprach er nicht. Das ist meine Geschichte.

Ende Januar dieses Jahres passierte mir etwas Seltsames. Ich wurde für 72 Stunden berühmt, zumindest in Athen. Dieser plötzliche und unerwartete Ruhm war das Ergebnis des Versuchs, ein Interview mit dem damaligen griechischen Finanzminister zu bekommen, mit Yanis Varoufakis.

Damals hatte Syriza gerade die Wahlen gewonnen, es herrschte Hoffnung und alle waren aufgeregt. Natürlich wollte jeder ein Interview mit dem Mann der Stunde, und er schien diese Erwartungen gern zu befriedigen. Die Menge seiner Interviews war beeindruckend. Das war vor den nervtötenden Monaten von Varoufakis' Verhandlungen, vor dem berühmten Mittelfinger und vor "Liebling, ich habe die Banken geschlossen".

Alle wollten ein Interview mit Varoufakis. Ich auch. Ich bin freiberufliche Journalistin und bot der Zeitung "USA Today" an, für sie ein Interview mit dem neuen Finanzminister zu führen. Ich dachte, länger als zwei Wochen würde es nicht dauern, einen Monat im Höchstfall.

Ich legte los. Nach ein paar Tagen stellte ich allerdings fest, dass ich nicht weiterkam. Aus Frustration schickte ich ihm eine Nachricht per Twitter: "Wenn Sie mir ein Interview geben, bekomme ich Geld dafür. Das werde ich dann in die griechische Wirtschaft stecken. Es ist für einen guten Zweck!"

Noch am selben Tag machten die griechischen Boulevardzeitungen aus dem Tweet eine Geschichte, die sich im griechischen Internet verbreitete. Ich bekam das erst am Nachmittag mit, als der Fernsehsender SKAI anrief und mich in sein Programm einlud. Langsam wurden die Dinge verrückt. Ich war durch einen Zufall berühmt geworden. Zwei Nachrichtensender interviewten mich am Telefon, am folgenden Tag war ich live bei SKAI.

Für immer "das Varoufakis-Mädchen"

In der Regenbogenpresse las ich derweil unschöne Kommentare über mich. Am Abend vor dem SKAI-Interview saß ich am schwarzen Kieselstrand von Lavrio und war überzeugt, dass mein hart erarbeiteter Ruf als Journalistin im Schmutz lag. Ich würde nun für immer "das Varoufakis-Mädchen" sein.

Gegen den Rat von Kollegen zog ich das Interview durch. Die Klatschzeitungen hatten ihren Spaß mit mir und ein paar anspielungsreichen Überschriften gehabt. Mit einem Live-Auftritt würde ich die Chance haben, mich zu rehabilitieren. Und dann würde ich das Interview mit Varoufakis bekommen.

Es kam anders. Mein flüchtiger Ruhm verflog, aber an dem Interview blieb ich dran. Immer wieder rief ich seinen Pressesprecher an, der mir immer wieder sagte, bald sei es so weit. Immer wieder schrieb ich E-Mails an Varoufakis. Irgendwann gab "USA Today" die Hoffnung auf. Sie fragten nicht mehr, wann mein Stück kommen würde, wenn wieder einmal eines der zahlreichen Varoufakis-Interviews erschienen war.

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Omaira Gill arbeitet als freiberufliche Journalistin in Athen.

(Foto: privat)

Je mehr Interviews Varoufakis gab, umso entschlossener war ich, auch eines zu bekommen. Und dann würde ich daraus den besten Artikel machen, der je über Varoufakis geschrieben wurde.

Schließlich kreuzten sich unsere Wege

Die Monate vergingen. Auf Twitter verfolgte ich Kollegen, für die Varoufakis' Tür weit offen zu stehen schien, und ich brannte vor Neid. Dass er mir nicht antwortete, erklärte ich mir damit, dass er seine Mails nicht mehr las. Ich versuchte auf alle möglichen Arten, seine Aufmerksamkeit zu erlangen - unter anderem schickte ich ihm eine Interviewanfrage in Form eines Haiku. Ohne Erfolg.

Als Varoufakis als Finanzminister zurücktrat, bekam ich einen Wutanfall. Er hatte den meisten Medien in der westlichen Hemisphäre Interviews gegeben und mich dabei konsequent ignoriert. Ich wollte nicht die einzige Journalistin sein, die kein Interview von dem Mann bekommen hatte, der angeblich zehn pro Tag gab.

Schließlich, ungefähr vor zwei Monaten, kreuzten sich unsere Wege durch Zufall. Ich traf mich mit einer Rechtsanwältin, die als Teil einer Solidaritätsaktion mit anderen Anwälten und Abgeordneten aus Großbritannien nach Griechenland gekommen war. Später saß ich im Kreis der gesamten Delegation am Ende eines schwach erleuchteten Tisches. Die Anwältin beugte sich zu mir und sagte: "Da drüben ist Varoufakis!"

Er war es wirklich. Höchstpersönlich. Der Schatten, den ich monatelang gejagt hatte, sprach zu einem faszinierten Publikum, zu dem ich selbst gehörte.

Im Geiste hatte ich diesen Moment schon so oft durchgespielt. Wie ich selbstbewusst zu ihm rüberschlendern würde, ihm die Hand reichen würde, einen festen Händedruck abliefern würde und irgendetwas unfassbar Geistreiches sagen würde. Und wie er gnädig akzeptieren würde, dass die Zeit für mein wohlverdientes Interview gekommen war.

Als ich endlich die Gelegenheit hatte, ihm meinen Fall von Angesicht zu Angesicht zu schildern, ihn zu bitten, ein Interview wenigstens zu erwägen, als Ausgleich für all die Monate, die ich gewartet hatte, und dafür, dass mein Name dabei durch die Schützengräben der Boulevardzeitungen gezogen worden war - da war ich sicher, dass er Ja sagen würde.

Er sagte nicht Ja. Er gab mir eine ausweichende Antwort und ging. Neun Monate, nachdem mein Streben begonnen hatte, hatte ich nichts - keine Bestätigung meiner Anfrage, keinen Zeitrahmen für das Interview. Nicht mal ein freundliches "Hallo Stalker!"

Ich hatte gefragt. Wichtigere Freunde von mir hatten für mich gefragt. Ich war zwischendurch berühmt geworden. Nichts hatte funktioniert. Varoufakis gab weiterhin jedem ein Interview. Nur mir nicht.

Ich gebe normalerweise nie auf. Aber ich musste mich damit abfinden. Wahrscheinlich bin ich die einzige Journalistin in Europa, die es nicht geschafft hat, ein Interview mit dem Politiker zu bekommen, der die meisten Interviews auf dem gesamten Kontinent gibt. Ich kann damit leben.

(Aus dem Englischen von Hubertus Volmer)

Quelle: ntv.de

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