Politik

Interview mit Dirk Emmerich "Die Panzer rollen weiter nach Debalzewo"

Die Waffenruhe hält mehr oder weniger, aber auf beiden Seiten fehlt die Überzeugung, dass dieser Zustand von Dauer ist, sagt n-tv Korrespondent Dirk Emmerich. Am Sonntag beobachtete er Panzer auf dem Weg zum Kessel von Debalzewo.

n-tv.de: Du bist derzeit in Donezk - hält die Waffenruhe, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Kraft getreten ist?

Dirk Emmerich: Soweit ich das von hier aus einschätzen kann: Ja. Es gibt zwar eine Reihe von Verletzungen der Waffenruhe, aber mein Eindruck ist, dass sie insgesamt hält - vor allem im Gegensatz zu dem, was wir in der vergangenen Woche hier erlebt haben. Noch am Samstag war in den letzten Stunden vor der Waffenruhe rund um Donezk Gefechtsfeuer zu hören. Im Augenblick ist es ruhig. Am Sonntagmorgen sind wir hier zum ersten Mal nicht von Artilleriedonner geweckt worden, sondern von Vogelgezwitscher.

Weißt du, wie die Lage in der Gegend des umkämpften Eisenbahnknotenpunktes Debalzewo ist, wo mehrere tausend ukrainische Soldaten eingekesselt sind?

Wir waren gestern rund um Debalzewo unterwegs und haben immer wieder Geschützfeuer gehört. Die Separatisten, mit denen wir gesprochen haben, gaben der ukrainischen Armee die Verantwortung für den Bruch der Waffenruhe. Später habe ich mit Kollegen telefoniert, die auf ukrainischer Seite unterwegs waren. Sie berichteten, die ukrainischen Soldaten würden den Separatisten die Schuld geben. Meine Einschätzung ist: Die Waffenruhe hält mehr oder weniger, aber auf beiden Seiten fehlt die Überzeugung, dass dieser Zustand von Dauer ist.

Im Waffenstillstandsabkommen von Minsk wurde vereinbart, dass beide Seiten ihr schweres Kriegsgerät zurückziehen. Konntest du einen solchen Abtransport beobachten?

Wir haben gestern zwei Panzer gesehen, die allerdings nicht von der Front weg, sondern in Richtung des Kessels von Debalzewo gefahren sind. Wir konnten auch mit der Besatzung sprechen - der Panzerkommandant gab freimütig zu, dass sie aus Russland kämen. Er sagte, er sei ein Freiwilliger und seit August 2014 im Donbass im Einsatz. Schon sein Großvater habe gegen die Faschisten gekämpft, "und ich mache das auch". Als ich ihn fragte, wo sie mit dem Panzer hinwollten, sagte er: "Wir fahren nach Debalzewo."

Am Samstag ist ein Geschoss ganz in deiner Nähe eingeschlagen, als du gerade eine Live-Übertragung mit n-tv gemacht hast. Was ist da passiert?

Das war zehn Stunden vor Inkrafttreten der Waffenruhe. Bereits vor der Schalte hatten wir gehört, dass es in Donezk Beschuss gab, und haben überlegt, ob wir die Übertragung machen können. Wir haben uns dann dafür entschieden, weil wir dachten, das Feuer sei weit genug entfernt. Bei der zweiten Frage gab es einen Einschlag in etwa 400 Meter Entfernung, bei dem, wie wir später erfuhren, drei Menschen ums Leben kamen. Es hatte in der vergangenen Woche immer wieder Angriffe im Stadtzentrum gegeben; erst drei Tage zuvor war eine Bushaltestelle getroffen worden, anderthalb Kilometer von unserem Standort entfernt. Dort sind vier Menschen getötet worden. Das ist die schreckliche Realität des Krieges. Was wir da erlebt haben - mein Kameramann, ich und mittelbar auch die Zuschauer von n-tv -, das hat die Zivilbevölkerung hier bis zum Eintreten der Waffenruhe jeden Tag durchgemacht.

Weißt du, wer geschossen hat?

Es gibt viele Spekulation, am Ende lässt sich das nicht aufklären. Nach allem, was wir wissen, war das ein Geschoss, das eine maximale Reichweite von drei bis vier Kilometern hat. Das würde bedeuten, dass es nicht die ukrainische Armee gewesen sein kann, denn Donezk steht vollständig unter Kontrolle der Rebellen.

Ist zu befürchten, dass eine Seite die Waffenruhe gezielt boykottiert?

Das ist eine große Gefahr. Wenn man diese Waffenruhe nicht will, dann ist es ein Leichtes, sie zu sabotieren. Wir haben gestern mit dem Kommandeur einer Artilleriebatterie der Separatisten gesprochen, der sagte, er habe den Befehl erhalten, nicht mehr zu schießen. Er habe sich auch etwas zurückgezogen. Aber Frieden mit der Ukraine, nach allem, was passiert sei? Daran glaube er nicht.

Wird der russische Präsident Putin die Waffenruhe brechen oder für ihre Einhaltung sorgen?

Klar ist: Wenn Putin nicht will, wird diese Waffenruhe nicht halten. Ohne Nachschub aus Moskau würden die Separatisten nicht überleben. Ich glaube, für Putin ist diese Waffenruhe nur ein taktisches Manöver. Wenn er glaubt, dass es ihm nutzt, wird er den Konflikt wieder anheizen, denn im Kern will er diese Waffenruhe nicht.

Gilt das nicht auch für die ukrainische Führung?

Wenn man die ukrainische und die russische Führung auf eine Ebene stellt, dann lässt man außer Acht, dass es einen Angreifer gibt und einen Verteidiger. Richtig ist, dass die Ukraine nicht bereit ist, ihre territoriale Integrität aufzugeben, um diesen Krieg zu beenden.

Mit Dirk Emmerich sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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