Politik

Jónsdóttir greift nach Islands Macht Die Piratin von der Vulkaninsel

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Die Piratin Birgitta Jónsdóttir will Premierminsterin von Island werden.

(Foto: AP)

Vom Skandal um die Panama Papers hat sich Island noch nicht erholt. Nun haben die Inselbewohner die Möglichkeit, die alte Machtelite abzuwählen. An die Spitze der neuen Regierung könnte eine schrille Internetpionierin kommen.

Einmal das Althing von innen sehen und vielleicht sogar Platz auf der Regierungsbank nehmen – der Ausflug ins Parlament ist für viele isländische Schüler etwas ganz Besonderes. Nicht aber für Birgitta Jónsdóttir. Die 14-Jährige hat kein Interesse am Zentrum der Macht, bleibt im Bus sitzen und lässt dort ihre düsteren Gedanken schweifen. Auf eine Papiertüte schreibt sie das Gedicht "Schwarze Rosen" - ein Text über die Welt nach einem nuklearen Holocaust.

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Mehr als 30 Jahre später ist Jónsdóttir über die Grenzen Islands hinaus eine Berühmtheit. Die junge Anarchistin von einst geht im Althing mittlerweile ein und aus. Seit sieben Jahren sitzt sie in der Opposition des ältesten bestehenden Parlaments der Welt. Nun steht die 49-jährige Spitzenkandidatin der Piraten möglicherweise kurz davor, Premierministerin ihres Landes zu werden.

Bisher ist Jónsdóttir eine von drei Abgeordneten der Piratenpartei Píratar. Bei der vorgezogenen Parlamentswahl am Samstag könnten die Piraten die Anzahl ihrer Sitze laut Umfragen allerdings verfünffachen. Mit 19,1 Prozent liegen sie knapp hinter der konservativen Unabhängigkeitspartei, die auf 21,9 Prozent kommt.

Piratin der ersten Stunde

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Birgitta Jónsdóttir in ihrem Althing-Büro.

(Foto: REUTERS)

Der Erfolg der Piraten ist untrennbar mit Birgitta Jónsdóttir verbunden. Vor nicht einmal vier Jahren gründete sie Píratapartýiš gemeinsam mit einigen Internetaktivisten - aus Protest gegen das sogenannte Establishment, das die Opposition für den Finanzcrash wenige Jahre zuvor verantwortlich macht. Bei den Wahlen 2013 erreicht die junge Partei unter Führung Jónsdóttirs auf Anhieb 5,1 Prozent. Es ist weltweit das erste Mal, dass Piraten der Einzug in ein nationales Parlament gelingt.

Politik ist für Jónsdóttir jedoch mehr als nur der Protest gegen den globalen Kapitalismus. Wie kaum eine andere Frau in ihrem Land - möglicherweise sogar in Europa - erkennt sie früh das Potenzial des Internet. Die Gründung der Piraten im November 2012 ist für die Mutter von drei Kindern eine Herzensangelegenheit.

Nordische Exotik

Jónsdóttir ist eine Internetpionierin. Bereits im Jahr 1995 kreiert sie ihre eigene Homepage. Ein Jahr später stellt sie den ersten Livestream Islands auf ihre Seite. "Das Internet ist meine zweite Heimat geworden", schreibt sie dort. Dass dieses Zuhause für jeden offen steht, ist für sie selbstverständlich. Die Transparenz, die sie stets von Politikern, Banken und Unternehmen einfordert, setzt sie auch für sich als Maßstab.

Beim Blick auf ihre schrille Internetseite this.is/birgitta/ erfährt man viel über die Frau, die am 17. April 1967 in Reykjavik geboren ist. Etwa, dass sie sich wie ein Chamäleon fühlt. Tatsächlich ist nicht nur ihr Aussehen nordisch-exotisch. Seit "Svartar rósir" sind zahlreiche Gedichte, Geschichten und Blogeinträge entstanden, die zu einem schrillen Gesamtkunstwerk verschmelzen.

Seit Ende der 2000er Jahre ist sie zunehmend in der Politik aktiv - und macht sich dabei das Internet zunutze. Im Jahr 2009 trifft sie den Wiki-Leaks-Gründer Julian Assange und gründet daraufhin die Isländische Initiative zu modernen Medien (IMMI), um die Pressefreiheit im Internet rechtlich zu stärken. Ein Jahr später ist die zeitweilige Wiki-Leaks-Sprecherin an der Veröffentlichung eines Videos beteiligt, das einen Angriff der US-Luftwaffe in Bagdad dokumentiert. Zu diesem Zeitpunkt sitzt sie bereits seit einem Jahr als Abgeordnete der Protestpartei Borgarahreyfingi im Parlament.

Panama Papers als Wahlwerbung

Nun steht Jónsdóttir vor dem größten Erfolg ihrer politischen Laufbahn. Geholfen hat ihr dabei sicherlich der im Frühjahr enthüllte Skandal um die Panama Papers, in den zwei Minister sowie Ex-Regierungschef Gunnlaugsson verwickelt sind. Die Dokumente hatten offenbart, dass viele einflussreiche Isländer ihre Gelder heimlich in Steuerparadiesen geparkt hatten. Gunnlaugsson hatte damals keine andere Wahl, als seinen Rücktritt zu erklären. Was ihn nicht daran hindert, wieder für die Fortschrittspartei zu kandidieren.

Die Píratapartýiš profitiert nun von der allgemeinen Proteststimmung auf der Vulkaninsel. "Die Menschen in Island haben Korruption und Nepotismus satt", sagt Jónsdóttir, die unter anderem in Dänemark Schweden, England, den USA und in Australien gelebt hat. Für sie ist ein "fundamentaler Systemwandel" das erklärte Ziel: "Wir definieren uns nicht als links oder rechts. Sondern vielmehr als eine Partei, die das System unter die Lupe nimmt. Wir sehen uns als Hacker unseres veralteten Regierungssystems."

Quelle: n-tv.de

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