Politik

Reisners Blick auf die Front"Die Russen müssen Kräfte Tausende Kilometer weit verlagern"

27.04.2026, 19:35 Uhr UnbenanntEin Interview von Frauke Niemeyer
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Ein russischer Soldat der Einheit Zapad West beim Training. (Foto: IMAGO/SNA)

Eine ukrainische Drohne fliegt fast 2000 Kilometer über russisches Gebiet. Wie konnte das ohne Abschuss gelingen? Oberst Reisner erklärt, welcher Aufwand hinter solchen Erfolgen steckt und warum die Russen sich manches bei Kiews Armee abschauen.

ntv.de: Herr Reisner, am Wochenende ist es der ukrainischen Armee erstmals gelungen, mit einer Drohne russisches Gebiet im Ural anzugreifen. Zeigt das eine neue Qualität des Drohnenkriegs?

Markus Reisner: Die Ukrainer profitieren davon, dass Russland ein so großes Staatsgebiet hat. Nun müssen die Russen also Kräfte selbst in das tausende Kilometer entfernten Ural verlagern, um der Gefahr dort wieder Herr zu werden. Zudem tut der Kreml dasselbe wie schon die Ukraine: Er versucht, ein Flugmeldesystem aufzubauen.

Da sind die Ukrainer den Russen bisher voraus?

Ja. Sie haben eine Mischung aus akustischen Sensoren, die über das ganze Land verteilt sind, und aus Radarsystemen, die fremde Flugkörper frühzeitig erkennen. Hinzu kommen auch Luftbeobachter, und aus dem Zusammenspiel ergibt sich ein gutes Bild der Gesamtlage. Russland sehen wir nun auch Kräfte mobilisieren, um ein solches Flugmeldesystem zu errichten, auch mit Kräften, die um gefährdete Objekte herum platziert werden und die einfachste Mittel nutzen wie etwa Maschinengewehre und Maschinenkanonen.

Um bis zu dem angepeilten Objekt zu kommen, um also wie im Fall des Ural-Angriffs erstmal 1800 Kilometer weit unbehelligt über russischem Gebiet zu fliegen, muss man im Hintergrund enorm viel Aufwand betreiben, oder?

Die russische Fliegerabwehr erfolgt in mehreren Stufen. Die Systeme unmittelbar an der Front wehren taktische Drohnen auf dem Gefechtsfeld ab. Luftverteidigungssysteme entlang der Grenze schützen das Territorium vor einfliegenden Systemen, die tiefer im Land angreifen oder aufklären sollen. Die wichtigsten Rüstungsobjekte auf russischem Gebiet werden zudem um sie herum angelegte Ringe von Systemen geschützt. Eine wichtige Taktik der Ukrainer, um trotz der feindlichen Abwehrsysteme ein Ziel zu treffen, ist, saturierend zu wirken. Also nicht eine Drohne auf ein Ziel zu schicken, sondern zehn gleichzeitig. Wenn von den zehn Flugkörpern nur acht abgeschossen werden, weil die Abwehrsysteme von der Menge überfordert waren, kommen immer noch zwei ins Ziel.

Saturieren ist also ein Teil der Taktik. Was gehört noch dazu? Die nötige Aufklärung kommt weiter von den US-Satelliten?

Die USA haben zwar ihre militärische Unterstützung mit Blick auf die Lieferung von Waffensystemen zurückgefahren, sie unterstützen die Ukrainer aber weiterhin bei der Zielaufklärung und bei der Auswertung. Zudem gibt es mittlerweile Berichte, dass auch Frankreich und Großbritannien auf diesem Gebiet im großen Stil unterstützt. Vor größeren Angriffen identifizieren die Ukrainer mithilfe der Aufklärungsdaten ganz gezielt die russische Fliegerabwehr. Dann versuchen sie schon im Vorfeld, die Abwehrsysteme auf der geplanten Route gezielt auszuschalten, um den Weg für die eigenen Drohnen freizumachen.

Markus-Reisner
Der promovierte Historiker und Oberst Markus Reisner bildet an der Theresianischen Militärakademie in Wien Offiziere des österreichischen Bundesheers aus. Für ntv.de analysiert er jede Woche Entwicklungen im Ukraine-Krieg.

Wie detailliert sind die Aufklärungsdaten?

Schon 2023 konnten wir anhand der Discord Leaks sehen, wie tief die Unterstützung durch US-Aufklärung damals bereits ging. Da wurden einzelne Dokumente veröffentlicht, die russische Störsysteme auf der untersten taktischen Ebene auflisteten. Die Aufklärung war also äußerst detailliert und ist es sicherlich heute noch immer. Denn die Abwehrsysteme hinterlassen durch ihre Radare Spuren im elektromagnetischen Spektrum. Durch diese Signaturen lässt sich ihr Standort ziemlich exakt bestimmen.

Aber sind die russischen Abwehrsysteme mobil und darum schnell an einem neuen Standort? Oder stehen sie fixiert?

Sie sind mit Masse mobile Systeme. Die Abwehrsysteme für Moskau stehen zum Teil auf Plattformen, also kleinen Türmen, die ihnen eine bessere Beobachtungs- und Reichweitenmöglichkeit bieten. Von dort sind sie nur schwer zu entfernen. Je näher die Abwehrwaffen zur Front stehen, desto mobiler werden sie. Für den Einsatz braucht ein solches Abwehrsystem aber Zeit an einem Ort. Es muss über eine gewisse Zeitspanne stillstehen, den Radar einschalten und sich damit auch exponieren. In einer solchen Phase kann es aufgeklärt werden.

Und wenn vielversprechende Aufklärungsdaten die Ukrainer erreichen, geht es darum, so schnell wie möglich zuzuschlagen?

Die Ukrainer entscheiden aufgrund diverser Parameter. Neben der Aufklärung können sie zum Beispiel auch anhand der Flugrouten ihrer Drohnen erkennen, wo die russische Abwehr lückenhaft ist. Auf der Route, auf der die größte Zahl eigener Drohnen durchkommt, liegt offensichtlich kein Schwergewicht der feindlichen Abwehr. Sie ist also für einen weiteren Angriff erfolgversprechend. Zudem ist gut erkennbar, dass die Ukraine die russische Seite selbst dazu bringen will, Schwergewichte zu bilden. Das bedeutet dann ausgedünnte Abwehrkräfte an anderer Position, und dort schlägt man zu. Der Ural-Angriff wird ja auch zur Folge haben, dass die russische Armee dort Abwehrsysteme installieren muss.

Sammeln wir mal, was die Ukrainer für ihre Luftangriffe nutzen: Aufklärungsdaten der Amerikaner, Franzosen und Briten, Auswertung der Flugrouten eigener Drohnen, gezielte Beeinflussung der russischen Seite mit Blick darauf, wo sie Systeme konzentrieren und wo sie ausdünnen. Noch was?

Die ukrainischen Drohnen nutzen noch einen wichtigen Vorteil: Sie fliegen verhältnismäßig tief und haben teils einen kleinen Radarquerschnitt. Das macht es schwierig, sie zu erkennen. Alle fünf bis zehn Tage gelingt den Ukrainern auf diese Art ein schwerer Luftangriff an überraschender Stelle. Oft springen sie mit den Drohnen-Attacken in Russland geografisch vom Norden in den Süden oder nach Mittelrussland.

Mit messbarem Erfolg? Wie bewerten Sie die Angriffe der letzten Wochen?

Es sind einige bemerkenswerte Angriffe auf kritische Infrastruktur gelungen. Die waren konkret erfolgreich, weil diese Art kritischer Infrastruktur, Öldepots zum Beispiel, wichtig ist, um Geld in die Kassen des Kremls zu spülen. Ein effektvoller Angriff erfolgte auf Ostluga, einen Hafen in der Nähe von Sankt Petersburg, wo Ölfrachter be- und entladen werden. Satellitenaufnahmen nach dem Angriff zeigen, dass 24 Öltanks beschädigt sind. Das ist mehr als die Hälfte der vorhandenen Tanks. Das Lager ist also zur Hälfte ausgeschaltet worden. Auch Tuapse am schwarzen Meer wurde schwer getroffen.

Letztlich sind die strategischen Luftangriffe beider Seiten - die Russen haben ja in der Nacht zu Samstag einen massiven Angriff mit zehn Toten gefahren - fast die einzige Bewegung derzeit in diesem Krieg, oder? Die Front ist weiter im Patt erstarrt?

Ja, an der Front, also auf der taktischen Ebene, sehen wir seit Monaten das Vor und Zurück, wo um wenige Quadratkilometer sehr blutig gekämpft wird. Mit punktuellen Erfolgen ohne strategische Dimension. Vielleicht wird sich das Blatt mit einer Sommeroffensive wenden, aber derzeit kann Russland trotz hoher Verluste an Personal nur geringe Erfolge vorweisen.

Was könnte sich denn im Zuge einer Sommeroffensive ändern, wenn die Todeszone weiter komplett von Drohnen kontrolliert bleibt?

Die Russen könnten planen, in einigen Abschnitten saturierend gegen die Ukrainer zu wirken. Also eine Drohne nach der anderen zu schicken, um die ukrainischen Abwehrkapazitäten zu schwächen. Bislang hat das aber nicht funktioniert. Die Ukrainer haben es geschafft, vor allem durch dezentrale Fertigung und Unterstützung aus dem Ausland einen konstanten Fluss von Drohnen an die Front sicherzustellen. Angriffsdrohnen, Aufklärungsdrohnen, Abwehrdrohnen. Im Abnutzungskrieg Russlands hält die Ukraine also erfolgreich dagegen. Die Vegetation im Sommer wird Bewegung an der Front erleichtern. Aber was technische Fähigkeiten angeht, sehe ich die Ukrainer in diesem Sommer sogar besser aufgestellt als letztes Jahr.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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