Politik

Reisners Blick auf die Front"Die Russen versuchen, den Ukrainern die Luft abzudrücken"

19.01.2026, 19:06 Uhr
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Ukrainische Artillerie operiert in der Nähe von Pokrowsk (Foto: IMAGO/Anadolu Agency)

Russische Drohnen stürzen in ukrainische Umspannwerke. Die Bevölkerung muss besonders in Städten wie Kiew und Charkiw enorme Belastung aushalten. Doch von der Front kommt eine Erfolgsmeldung, sagt Oberst Reisner ntv.de.

ntv.de: Herr Reisner, die Ukraine leidet gerade unter einer Kältewelle. Zugleich attackiert Russland die Infrastruktur massiv. Kollabiert Kiew?

Markus Reisner: Der Höhepunkt der jüngsten Angriffe war am 13. Januar, da haben wir 318 Drohnen, Marschflugkörper und Raketen gezählt. Die Kreml-Armee legt das Schwergewicht auf die Gas- und Stromversorgung. In den russischen sozialen Netzwerken laufen Videos von Geran-2-Drohnen, die sich zum Beispiel in ukrainische Umspannwerke hineinstürzen und diese zu zerstören versuchen. Das Ergebnis sind massive Stromabschaltungen. 16 bis 20 Stunden am Tag, zum Teil haben die Haushalte gar keinen Strom. Zudem fehlt der Strom auch an den Pumpstationen für Trinkwasser.

Dennoch gibt es keine große Fluchtbewegung in Richtung Westen, wie sie von Russlands Machthaber Wladimir Putin mit diesen Angriffen wohl intendiert wird?

Nein. Die Situation in den Ballungszentren wie Kiew oder Charkiw wird durch die Menge an Bewohnern natürlich erschwert, das ist wirklich eine Herausforderung. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Stadt zu verlassen, weil das die Lage dort auch etwas erleichtern würde. Erkennbar ist jedoch, dass die Menschen sich mit der Situation arrangiert haben. Sie suchen individuelle Lösungen, versuchen, sich Wärme und Strom zu organisieren.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Das ist auf dem Land vermutlich einfacher, oder? Da steht dann noch ein Ofen rum, in dem man Holz verfeuern kann.

Wer kann, nutzt dieser Tage seine Datsche außerhalb der Städte, und da haben offenbar viele Ukrainer eine Möglichkeit. Darum bleibt die befürchtete Fluchtbewegung aus dem Land heraus bisher noch aus. Die Frage ist natürlich: Wie lange ist eine solche Situation durchzuhalten? Wenn der Druck so stark bleibt, werden die Menschen vermutlich irgendwann doch gezwungen sein zu gehen. Denn die Fähigkeiten der Ukraine, die massiven russischen Luftangriffe abzuwehren, werden sich nicht verbessern. Händeringend versuchen die Ukrainer, die Europäer davon zu überzeugen, ihnen mehr Munition und Systeme für die Fliegerabwehr bereitzustellen.

Wie sind die Zahlen derzeit?

Sehr niedrig. Die Amerikaner, und die machen den Unterschied, haben in den vergangenen Monaten oft nur zweistellige Zahlen von Fliegerabwehrraketen geliefert. Vor allem vom System PAC III für das Patriotsystem. Das sind Stückzahlen von zehn bis 40 pro Monat, auf Rechnung der Europäer. Es soll 2025 einen Fall gegeben haben nach einem schweren Luftangriff der Russen: Da soll US-Präsident Donald Trump persönlich angeordnet haben, dass zehn Fliegerabwehrraketen vom Typ PAC III für Patriot geliefert werden. Aber diese Zahlen sind viel zu gering. Und das schränkt natürlich die Möglichkeiten der Ukraine drastisch ein, anfliegende ballistische Raketen oder Marschflugkörper abzuschießen.

Wie sieht es bei der Drohnenabwehr derzeit aus?

Gegen russische Geran-2-Drohnen setzen die Ukrainer vor allem eigene Abfangdrohnen ein. Sie sind sehr innovativ auf diesem Gebiet und nutzen auch unkonventionelle Mittel. Beispielsweise lassen sie alte Propellermaschinen aufsteigen, die neben dem Piloten ein zweites Besatzungsmitglied an Bord haben. Dieser zweite Soldat hat die Aufgabe, feindliche Drohnen mit Maschinengewehrsalven vom Himmel zu holen. F-16-Kampfjets werden ebenso eingesetzt. Mit all diesen unterschiedlichen Methoden erreicht die ukrainische Luftwaffe eine Abschussquote von 75 bis 80 Prozent bei Drohnen.

Das klingt gar nicht mal schlecht, oder?

Das ist ein guter Wert. Gegen Marschflugkörper und ballistische Raketen sind die Abschusszahlen allerdings wesentlich geringer. Hinzu kommt der Doppelbedarf: Die Ukraine braucht die Luftverteidigung zum Schutz der kritischen Infrastruktur in der Tiefe des Landes und zugleich an der Front gegen die russischen Gleitbomben. Im letzten Jahr soll die russische Armee 45.000 eingesetzt haben.

Weiß man, wie viele der 45.000 die Ukrainer abfangen konnten?

Gleitbomben im Flug? 22 Stück … laut ukrainischer Angaben.

Da müsste man also eigentlich nicht die einzelnen fliegenden Bomben attackieren, sondern die Jets, die sie tragen oder die Flugplätze, von denen aus die Kampfflugzeuge starten?

Ja, und das entscheidende auch für solche Attacken wären messbare Ergebnisse. Jede militärische Aktion braucht für den Erfolg ein messbares Ergebnis. Auf russischer Seite ist der Erfolg der strategischen Luftangriffe messbar. Sie zerstören Woche für Woche, Monat für Monat kritische Infrastruktur der Ukraine und die Menschen frieren. Die Ukraine wiederum kann einen Erfolg ihres Abwehrkampfes im Osten für sich verbuchen. Denn dort gelingt der russischen Armee kein operativer Durchbruch. Die Ukrainer schaffen es immer wieder, dagegenzuhalten.

Dann steht die Ukraine im Donbass also keineswegs vorm Kollaps - wie zuweilen behauptet wird?

Nein, das würde ich so nicht sehen. Auch da müssten wir messbare Ergebnisse sehen, die zeigen, dass sich der Geländegewinn beschleunigt. Wir sehen an der Front - und das ist tragisch - ein langsames Sterben. Die Russen versuchen, den Ukrainern wie eine Würgeschlange die Luft abzudrücken. Und das wird weitergehen. Laut Aussage des ukrainischen Generalstabschefs Syrskyj hat der Kreml seine Mobilisierungspläne für 2025 zu hundert Prozent erfüllt. Die Armee hat mehr als 406.000 Vertragssoldaten rekrutiert. Für 2026 streben die Russen an, elf neue Divisionen zu bilden, wofür weitere 409.000 Soldaten benötigt werden. Syrskyj ist überzeugt, dass Putin auch diese Zahl erreichen wird.

Und trotzdem bleibt es für die Russen zäh an der Front?

Im Kampf um Kupjansk ist es den Ukrainern nach eigener Aussage gelungen, bis zu 90 Prozent der Stadt wieder unter die eigene Kontrolle zu bekommen. Die Russen behaupten, dass die Stadt von ihnen besetzt sei. Beide Seiten verbreiten Videos, die zeigen, wie in der Stadt gekämpft wird. Diese typische Grauzone kennen wir auch aus den Kämpfen um Pokrowsk. Lange war es auch dort nicht klar, welche Seite das städtische Gebiet beherrscht.

Wie ist die Lage im Raum Pokrowsk?

Dort sind die Kämpfe momentan abgeflacht. Die Ukrainer versuchen von Norden beständig, auch hier wieder Fuß zu fassen. Südlich von Pokrowsk in Richtung Saporischschja sehe ich das russische Schwergewicht der Front. Das ist die erste operative Angriffsrichtung der derzeit laufenden Winteroffensive. Die Russen versuchen dort, entlang des Dnepr bis Saporischschja vorzustoßen, damit sie die Stadt in Reichweite der glasfasergesteuerten First-Person-View-Drohnen und weitreichender Artillerie bringen. Zudem versuchen sie, südlich von Pokrowsk weiter Richtung Westen zu stoßen, um hinter die ukrainische Verteidigungslinie zu kommen. Aufgrund des gläsernen Gefechtsfelds befindet sich der Krieg nach wie vor in einer Pattsituation. Der Angreifer rückt langsam vor, die Verteidiger verzögern aber den Vormarsch. Große operative Bewegungen sind derzeit immer nicht möglich.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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