Politik

Das Dritte Reich im Todeskampf Die Schlacht um Berlin

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Sowjetische Soldaten hissen die rote Fahne auf dem Reichstag. Das Foto wurde einige Tage nach den Kämpfen für die Kameras nachgestellt.

(Foto: picture alliance / ---/Tass/dpa)

Im Frühjahr 1945 steuert das deutsche NS-Regime dem Untergang entgegen. Während im Westen die US-Amerikaner zur Elbe vorrücken, stoßen von Osten über eine Million Rotarmisten auf Berlin vor. In den Trümmern der Hauptstadt sterben noch Zehntausende einen sinnlosen Opfertod.

Die letzte große Militäroperation gegen Nazi-Deutschland beginnt in den frühen Morgenstunden des 16. April 1945, rund 80 Kilometer östlich von Berlin. Es ist genau 3 Uhr, als rote Leuchtkugeln den Himmel über der Oder bei Küstrin erhellen. Für einen kurzen Augenblick tauchen sie den angeschwollenen Fluss in ein unheimliches Rot. Dann leuchten im sowjetischen Brückenkopf westlich der Oder rund 140 Flakscheinwerfer auf. Ihre Lichtkegel zielen direkt auf die deutschen Stellungen. Es herrscht Totenstille.

Plötzlich steigen drei grüne Leuchtkugeln auf und die fast 9000 Geschütze der Roten Armee eröffnen das gewaltigste Trommelfeuer des ganzen Krieges. Ein ohrenbetäubendes Donnern erschüttert die Talniederung. Erde, Beton, Stahl und Bäume fliegen durch die Luft, ganze Wälder gehen in Flammen auf. Die Wirkung des Artilleriebeschusses ist so stark, dass noch in den östlichen Vororten Berlins Häuser beben und Bilder von den Wänden fallen. Im Schutze des Feuerhagels stoßen die Einheiten der 1. Weißrussischen Front unter Befehl von Marschall Georgi Schukow aus dem Brückenkopf vor. Unter ihnen sind erfahrene Truppen, die sich in Leningrad, Stalingrad und vor Moskau bewährt haben. Über Tausende von Kilometer haben sie sich bis an die Oder gekämpft. Mit dem Ruf "Nach Berlin!" setzen sie zum Sturmangriff an.

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Endphase des Zweiten Weltkriegs: Die Lage im April 1945.

(Foto: ntv.de)

Vor 75 Jahren beginnt mit der sowjetischen Offensive an der Oder die Schlacht um die Reichshauptstadt und damit das letzte Kapitel Nazi-Deutschlands. Für die "Berliner Operation" zieht die Rote Armee 2,5 Millionen Soldaten, 41.000 Geschütze und fast 6300 Panzer an dem Fluss zusammen. Zwei Armeegruppen hat Stalin für den Angriff auserkoren: die 1. Weißrussische Front unter Schukow und die 1. Ukrainische Front unter Marschall Iwan Konew.

Obwohl der Krieg längst verloren ist, leistet die Wehrmacht noch immer verzweifelten Widerstand. Den Weg nach Berlin blockieren 130.000 Mann der deutschen 9. Armee unter General Theodor Busse. Der Großverband besteht in der Mehrheit aus Resten aufgeriebener Einheiten, die hastig mit Leichtverwundeten, unerfahrenen Rekruten und Volkssturmkompanien aufgefüllt wurden. Überall mangelt es an Treibstoff, Ausrüstung und Munition.

Doch trotz der gewaltigen Übermacht kommen Schukows Truppen am Morgen des 16. April nur mühsam voran. Denn in der Nacht haben sich die Deutschen still und heimlich aus den vorderen Stellungen zurückgezogen. Der gigantische Artillerieschlag läuft dadurch ins Leere. Zudem wirkt sich Schukows Idee, den Feind mit seinen Scheinwerfern zu blenden, als Nachteil aus. Durch das künstliche Licht sind die Silhouetten seiner Panzer und Infanteristen für die Verteidiger klar zu erkennen. An den steilen Hängen der Seelower Höhen, die sich bis zu 80 Meter hoch über dem Oderbruch erheben, läuft sich der Angriff fest.

Schukow flucht, als er vom Scheitern seiner Truppen erfährt. Er weiß, dass Stalin die Eroberung Berlins Konew überträgt, wenn ihm nicht der Durchbruch gelingt. Als er auch noch erfährt, dass sein Rivale weiter im Süden die Neiße ohne größere Probleme überquert hat und bereits bei Cottbus auf die Spree zusteuert, verfällt er in Hektik. Ohne Rücksicht auf Verluste befiehlt Schukow Angriff auf Angriff auf die sandige Hügelkette. Als er schließlich auch noch seine Reserven in den Kampf wirft und massive Luftunterstützung anfordert, bricht der deutsche Widerstand zusammen. Am Vormittag des 18. April erreichen seine Panzerspitzen schließlich die Reichsstraße 1. Der Weg nach Berlin ist offen. Busses 9. Armee zieht sich fluchtartig zurück.

Berlin fehlt es an Truppen und Befestigungsanlagen

In der Reichshauptstadt bereitet sich die Bevölkerung derweil auf die Ankunft der Roten Armee vor. Weil Propagandaminister Joseph Goebbels eine Evakuierung verboten hat, leben noch ungefähr 2,5 Millionen Menschen in Berlin. Viele ahnen, dass die Katastrophe unmittelbar bevorsteht. Vor den Lebensmittelgeschäften bilden sich lange Schlangen. Frauen werden Übungen im Pistolenschießen angeboten, die Männer zum Bau von Barrikaden abkommandiert. Dazu werden Straßenbahnwagen und Güterwaggons mit Trümmerschutt gefüllt und in den Straßen platziert. An vielen Stellen wird das Pflaster aufgerissen, um Schützenlöcher zu schaffen. Im Hotel "Adlon" schenken die Kellner den sonst rationierten Wein in Massen aus. Für die Eroberer sollen keine Flaschen übrig bleiben.

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Zum letzten Aufgebot Berlins gehören greise Volkssturmmänner und Halbwüchsige mit Panzerfäusten.

(Foto: imago/United Archives International)

Gemäß den Plänen wird Berlin in acht Verteidigungsabschnitte unterteilt. Die äußere Abwehrlinie verläuft entlang der Ringbahn und umfasst das Stadtzentrum. Die innere Verteidigungszone trägt den Namen "Zitadelle" und liegt im Bezirk Mitte innerhalb des Landwehrkanals und der Spree. Sie umfasst alle wichtigen Verwaltungs- und Regierungsgebäude, wie den Block des Oberkommandos des Heeres (OKH) in der Bendlerstraße, die Anlagen der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße und den Reichstag. Hier soll bis zum letzten Mann Widerstand geleistet werden. Daneben gibt es am Humboldthain, am Friedrichshain und im Zoo riesige Flaktürme aus Beton, die Tausenden Zivilisten auch als Notunterkunft dienen.

Doch die von der Propaganda hochstilisierte "Festung Berlin" ist nicht mehr als eine Farce. Trotz der sich abzeichnenden Niederlage im Osten hatte das Nazi-Regime in den vergangenen Jahren darauf verzichtet, die Hauptstadt zu befestigen. Zudem mangelt es an Truppen. Für die Verteidigung der riesigen Metropole stehen nur 60 Panzer und ein buntes Sammelsurium an Einheiten bereit. Neben ausländischen Verbänden der Waffen-SS, Polizeieinheiten und Flakmannschaften besteht der Großteil der mehr als 80.000 Verteidiger aus schlecht ausgerüsteten Volkssturmleuten und minderjährigen Hitlerjungen.

Unerwartete Verstärkung erhält Berlin durch das 56. Panzerkorps, welches im Zuge der Abwehrkämpfe in die Stadt gedrängt wird. Als ihr Befehlshaber General Helmuth Weidling erfährt, dass er wegen Feigheit erschossen werden soll, besteht er auf eine Audienz im Führerbunker. Offenbar beeindruckt vom Auftreten des Artillerieoffiziers widerruft Hitler das Todesurteil und ernennt ihn zum Erstaunen der Anwesenden prompt zum Stadtkommandanten.

"Jeder Rückzug nach Westen ist ausdrücklich verboten"

Fünf Tage nach dem Angriff an der Oder überschreiten Schukows Einheiten die Stadtgrenze bei Marzahn. Berlin ist nun Frontstadt. Sowjetische Granaten schlagen in der Innenstadt ein. Das Brandenburger Tor wird getroffen. Im Schloss und am Reichstag brechen Feuer aus. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Fabriken und Geschäfte schließen. Die Post wird nicht mehr zugestellt, Straßenbahnlinien stellen den Betrieb ein. Erstmals in seiner Geschichte wird auch das 100 Jahre alte Telegrafenamt geschlossen. "Viel Glück für euch alle", lautet das letzte Telegramm, welches die Stadt erreicht. Es kommt aus Japans Hauptstadt Tokio.

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Hitler in den Räumen der zerstörten Reichskanzlei. Der Diktator weigert sich bis zuletzt, aus Berlin zu fliehen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In seinem Führerbunker unterhalb der Reichskanzlei träumt Hitler weiterhin von der Kriegswende. So befiehlt er der bei Eberswalde liegenden Armeegruppe unter SS-General Felix Steiner einen Gegenangriff in die Nordflanke von Schukows 1. Weißrussischer Front. "Sie werden sehen, die Russen erleiden vor den Toren von Berlin die größte Niederlage ihrer Geschichte", tönt Hitler am Telefon. "Jeder Rückzug nach Westen ist ausdrücklich verboten. Offiziere, die diesen Befehl nicht bedingungslos ausführen, sind zu verhaften und auf der Stelle zu erschießen." Was der Diktator nicht wahrhaben will: Die Armeegruppe Steiner besteht nur noch aus drei abgekämpften Bataillonen.

Als Hitler am folgenden Tag erfährt, dass Steiner nicht zum Angriff angetreten ist, überkommt ihn ein Wutanfall. Bei der mittäglichen Lagebesprechung tobt der Diktator und wirft der gesamten SS Verrat vor. Zum ersten Mal gibt er zu, dass der Krieg verloren sei. Seine Umgebung versucht, ihn zu beruhigen und schlägt vor, nach Bayern zu fliehen. Doch der Diktator lehnt ab und spricht davon, sich erschießen zu wollen. Von Goebbels wieder etwas aufgerichtet, setzt Hitler wenig später seine Hoffnungen auf General Walther Wenck, der mit seiner 12. Armee den Amerikanern an der Elbe gegenübersteht. Doch Wenck hat andere Pläne. Mit seinem Ersatzangriff will er nicht Berlin und den "Führer" retten, sondern einen Fluchtweg für die Reste von Busses 9. Armee öffnen, denen bei Halbe die endgültige Vernichtung durch sowjetische Truppen droht.

Konew stößt auf unerwarteten Widerstand

Während Schukow zwei Armeen gegen Lichtenberg und Köpenick schickt, beginnen seine restlichen Einheiten die Stadt in nördlicher Richtung zu umfassen. Stalin besteht auf einer vollständigen Einkreisung der Stadt. Er befürchtet, dass die Amerikaner ihre Meinung doch noch ändern könnten und vor seinen Streitkräften in Berlin einmarschieren. Schukow drängt seine Truppen zur Eile, da Konews Vorauseinheiten bereits auf Steglitz zusteuern. Doch Schukow weiß nicht, dass sein Kontrahent im Wettrennen um die Stadt auf unerwarteten Widerstand gestoßen ist. Teile von Busses 9. Armee tauchen bei ihrer Flucht durch den Spreewald plötzlich im Rücken der 1. Ukrainischen Front auf und verlangsamen deren Vormarsch. Etwa zeitgleich geraten Schukows Panzer auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof inmitten ausgebrannter Flugzeuge in heftige Kämpfe mit skandinavischen SS-Freiwilligen der Division Nordland.

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Beide Seiten nutzen die Tunnel des S- und U-Bahnnetzes, um ihre Einheiten zu verlegen. Deshalb kommt es auch unter der Erdoberfläche zu Kämpfen.

(Foto: imago images / Photo12)

Stadtkommandant Weidling hat seine wenigen erfahrenen Einheiten auf die einzelnen Verteidigungsabschnitte verteilt, doch bewirkt damit wenig. Volkssturm, Hitlerjugend und reguläre Kampftruppen kämpfen zwar Seite an Seite, doch unter verschiedenen Kommandeuren, die häufig widersprüchliche Befehle erteilen. Eine zusammenhängende Verteidigung existiert nirgends. Zwar kämpfen einige Widerstandsnester verbissen, doch an etlichen Stellen ergreifen die Verteidiger schnell die Flucht oder werden von ihren Befehlshabern nach Hause geschickt. Im Olympiastadion löst ein Bataillonsführer des Volkssturms seine komplette Einheit auf. Für ihre deutschen Gewehre hatte man den Männern italienische Munition gegeben.

Im Bezirk Weißensee, der vor Hitlers Machtergreifung stark kommunistisch war, wird in einigen Vierteln sofort kapituliert. Pankow kann zwei, Wedding drei Tage gehalten werden. Zehlendorf fällt nach kurzem Widerstand. Je näher die Rote Armee dem Stadtzentrum kommt, desto brutaler agiert das Naziregime. SS-Patrouillen und Feldjäger durchkämmen die Straßen nach Deserteuren und "Drückebergern". Uniformierte, die im Verdacht stehen, ihre Einheit verlassen zu haben, werden auf der Stelle erschossen oder zur Abschreckung an Laternenmasten gehängt. Während sich am 25. April Rotarmisten und Amerikaner an der Elbe bei Torgau die Hände reichen, vereinigen sich Konews und Schukows Vorauseinheiten bei Ketzin, nordwestlich von Potsdam. Berlin ist eingekesselt.

Matratzen als Schutz gegen Panzerfäuste

Von allen Seiten strömen die sowjetischen Einheiten nun in die Stadt und werfen die schwachen Verteidigungseinheiten zurück. Die sowjetischen Panzer zerschießen die Häuser lieber gleich, statt sie nach feindlichen Scharfschützen zu durchkämmen. Als Schutz gegen die deutschen Panzerfäuste bestücken die Besatzungen ihre Fahrzeuge mit Matratzen, deren Spiralfedern die Geschosse vorzeitig zur Detonation bringen. Barrikaden werden mit Nahschüssen in die Luft gejagt. Sobald ein Viertel erobert ist, rückt die Artillerie nach und bringt ihre Geschütze und Raketenwerfer, die sogenannten Stalinorgeln, in Stellung. Meter um Meter nehmen sie die inneren Bezirke unter heftigen Beschuss. Am Ende der Schlacht sind mehr als 1,8 Millionen Granaten auf die Stadt niedergegangen.

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Das sowjetische Oberkommando ist bemüht, schnell eine Ordnung in der Stadt zu etablieren.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Wegen des starken Artilleriefeuers verbringt die Zivilbevölkerung die meiste Zeit in Kellern, Luftschutzräumen und U-Bahnhöfen. Die Wasser- und Gasversorgung ist zusammengebrochen. Viele Menschen sterben oder werden schwer verletzt, als sie an den handbetriebenen Straßenpumpen nach Wasser anstehen. Die vorpreschenden sowjetischen Kampftruppen behandeln die Einwohner Berlins oftmals kühl und distanziert. Doch mit den nachrückenden Einheiten kommt es auch immer häufiger zu Plünderungen und Übergriffen. Die Charité und das Kaiserin-Auguste-Victoria-Krankenhaus schätzen später, dass in der Stadt zwischen 95.000 und 130.000 Frauen einer Vergewaltigung zum Opfer fallen - viele von ihnen sogar mehrmals. Insgesamt gibt es in Berlin aber weniger Gewalt gegen Zivilisten als noch während des Feldzuges in Ostpreußen.

Die sowjetische Führung bemüht sich schnell, eine Ordnung in der Stadt zu etablieren. Während die Kämpfe noch toben, laufen in den eroberten Straßenzügen bereits die Aufräumarbeiten. Aus sowjetischen und erbeuteten deutschen Beständen erhält die Bevölkerung Lebensmittel. Generaloberst Nikolai Bersarin wird am 28. April zum Stadtkommandanten ernannt. Berlin hat damit für vier Tage einen deutschen und einen sowjetischen Befehlshaber.

Busse und Wenck vereinigen sich

Im Morgengrauen des 30. April setzen Schukows Truppen zum Sturm auf den Reichstag an. Die "Höhle der faschistischen Bestie", wie sie Stalin nennt, wird von einer Mischung aus skandinavischen und französischen SS-Freiwilligen, Hitlerjungen und einigen Matrosen, die wenige Tage zuvor mit Transportmaschinen auf der Ost-West-Achse im Tiergarten gelandet waren, verteidigt. Hitler weiß nun, dass das Ende nahe ist. Am Nachmittag verabschiedet sich der Diktator von den Insassen des Führerbunkers und zieht sich in seine Privaträume zurück, wo er sich mit Eva Braun, die er Stunden zuvor geheiratet hat, das Leben nimmt.

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Ein gefangengenommener deutscher Soldat vor den Ruinen des Reichstages.

(Foto: imago/United Archives International)

Während am Abend die rote Fahne auf den Ruinen des Reichstages weht, trifft Goebbels als neuer Reichskanzler die Entscheidung, Verhandlungen über einen Waffenstillstand aufzunehmen. Unterhändler werden zu den sowjetischen Linien geschickt. Doch Stalin teilt Schukow mit, dass nur eine bedingungslose Kapitulation infrage komme. Daraufhin begeht auch das Ehepaar Goebbels, nachdem es seine sechs Kinder vergiftet hat, Selbstmord. In der Nacht versuchen einige Kampfgruppen, aus der Stadt auszubrechen. An der Charlottenbrücke am Olympiastadion und der Weidendammer Brücke im Bezirk Mitte kommt es zu schweren Panzergefechten. Nur wenige schaffen es durch die feindlichen Linien.

Etwas mehr Glück hat General Busse. Etwa 25.000 Überlebende seiner 9. Armee kommen mit mehreren tausend Flüchtlingen am 1. Mai völlig erschöpft aus den Wäldern bei Beelitz, wo sie auf Divisionen der 12. Armee treffen. Wencks Männer benutzen jedes noch intakte Fahrzeug, um die Soldaten zur Elbe zu befördern, damit sie nicht in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten. Am Abend verkündet der in Hamburg stationierte Deutschlandsender mit Trauermusik den Tod Hitlers.

Weidling bietet die Kapitulation an

Für die Verteidiger der Stadt scheint die Lage absolut hoffnungslos. Unter den Linden und in der Wilhelmstraße stehen bereits sowjetische Panzer, die U-Bahnstationen Alexanderplatz und Friedrichstraße sind besetzt. Trotzdem sprengen fanatische SS-Pioniere noch einen Stadtbahn-Tunnel unter dem Landwehrkanal. Dutzende Zivilisten und verwundete Soldaten, die dort Schutz gesucht haben, ertrinken in den Wassermassen.

Weidling, der nun die alleinige Verantwortung über die Stadt trägt, sieht keine andere Möglichkeit und bietet in der Nacht zum 2. Mai die bedingungslose Kapitulation an. Eine Stunde später verkünden Lautsprecherwagen in der Stadt das Ende der Kämpfe. "Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten", lautet Weidlings auf Tonband gesprochener Appell. "Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich euch auf, sofort den Kampf einzustellen."

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Am Nachmittag des 2. Mai tritt die Kapitulation in Kraft. Die Schlacht um Berlin ist beendet.

(Foto: imago stock&people)

In den nächsten Tagen kommt es noch zu vereinzelten Schießereien, doch offiziell ist die Schlacht um Berlin beendet. Die Sowjetunion bezahlt für die Eroberung der Stadt einen hohen Preis. Die Rote Armee zählt mehr als 350.000 Tote und Verletzte in ihren Reihen. Allein in den Kämpfen um die Seelower Höhen fallen 30.000 Soldaten der 1. Weißrussischen Front. Die Verluste auf deutscher Seite sind nicht genau zu ermitteln, schätzungsweise werden in den zwei Wochen 320.000 Soldaten getötet oder verwundet. Auch Zehntausende Zivilisten finden in der Stadt den Tod. Berlin ist nach den intensiven Häuserkämpfen eine Trümmerlandschaft. Mehr als eine Million Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf, 95 Prozent der Straßenbahnschienen sind zerstört.

Während Wenck und Busse am 7. Mai mit rund 100.000 Mann an der Elbe in amerikanische Kriegsgefangenschaft gehen, unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl in Reims die Gesamtkapitulation aller deutschen Streitkräfte. Auf Wunsch der Sowjetunion wird die Zeremonie in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai in Berlin-Karlshorst im Beisein von Schukow wiederholt. Damit ist der Zweite Weltkrieg in Europa endgültig zu Ende. Hitlers "Tausendjähriges Reich" ist bereits nach nur zwölf Jahren Geschichte.

Quelle: ntv.de