Politik

Gift-Produzent packt aus "Die Skripals werden sterben"

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Soldaten tragen bei den Untersuchungen zur Vergiftung des Ex-Doppelagenten Skripal und dessen Tochter Schutzanzüge.

(Foto: picture alliance / Andrew Matthe)

London macht Russland dafür verantwortlich, die Skripals mit dem Gift Nowitschok vergiftet zu haben. Ein ehemaliger Chemiker gibt dem nun neue Nahrung. Er räumt ein, für die UdSSR das Gift entwickelt zu haben. Für die Skripals sieht er keine Überlebenschance.

Ein inzwischen pensionierter Chemiker namens Wladimir Uglev hat in einem Interview mit dem russischen Online-Magazin "The Bell" darüber gesprochen, wie er für die damalige Sowjetunion Nervengiftstoffe produziert hat. Zwischen 1972 und 1988 habe er in einem sowjetischen Labor für chemische Waffen gearbeitet. Zusammen mit seinen Kollegen entwickelte er vier Kampfstoffe unter dem Codenamen "Foliant".

Der Name "Nowitschok" beschreibe nicht eine einzelne Substanz, sondern eine Reihe von Giftstoffen, sagt Uglev in dem Interview. Zwar unterschieden sich diese in ihrer Anwendung, alle hätten jedoch gemein, schwerste Lähmungserscheinungen zu verursachen. Das Gift kann über die Atemluft und durch Hautkontakt aufgenommen werden. Ein Nervengift aus dieser Serie wurde beim Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter benutzt.

Aktuell befinden sich Skripal und seine Tochter im Koma. Auch wenn sich ihr Gesundheitszustand aus der Ferne schwer einschätzen lässt, räumt Uglev den beiden nur geringe Überlebenschancen ein. Wenn sie eine tödliche Dosis der drei jüngsten Nowitschok-Entwicklungen erhalten hätten, dann gebe es kein Gegenmittel. "Ich kann mit fast 100-prozentiger Sicherheit sagten, dass Skripal und seine Tochter sterben werden, wenn die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet werden. Sie werden nur noch künstlich am Leben erhalten."

"Nowitschok ist extrem hartnäckig"

Auf die Frage, wer die Formel für Nowitschok kenne, sagt Uglev: "In Russland, schätze ich, mehrere Dutzend Personen." Allerdings bestreitet er, dass die Substanz in der Sowjetunion oder später in Russland produziert wurde.

Der russische Vize-Außenminister Sergej Riabkow hatte beteuert, dass es "weder in der Sowjetunion noch in Russland Programme zur Entwicklung chemischer Kampfstoffe mit dem Namen Nowitschok" gegeben habe. Das Nervengift könne auch in Großbritannien, Schweden, in der Slowakei, der Tschechischen Republik oder den USA hergestellt worden sein. Ohnehin bezweifelt das russische Außenministerium, dass es sich beim eingesetzten Gift tatsächlich um den Stoff Nowitschok handelt.

Es sei möglich, dass Nowitschok mit den Nervengasen Soman und Sarin verwechselt werde, sagt Uglev, allerdings nur bevor der Stoff im Labor untersucht werde. Nowitschok sei "extrem hartnäckig" - und damit offenbar im Labor zu identifizieren. Uglev sagt weiter, es sei möglich, das Blut der Vergifteten zu untersuchen und so genau herauszufinden, wo und vom wem das Gift produziert wurde.

Sollten die Untersuchungen ergeben, dass es sich bei dem verwendeten Gift tatsächlich um Nowitschok handelt, könnte der Konflikt zwischen Großbritannien und Russland weiter eskalieren. London könnte Moskau nach den Regeln der Organisation für das Verbot chemischer Waffen dazu auffordern, Ermittlern innerhalb von 36 Stunden Zugang zu seinen Laboren zu gewähren.

Anfang März wurde der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal zusammen mit seiner Tochter auf einer Parkbank in Südengland bewusstlos aufgefunden. Großbritannien, die EU und die USA gehen davon aus, dass die beiden mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurden. Sie machen Russland für das Attentat verantwortlich.

Während des Kalten Krieges wurde Nowitschok als chemische Waffe entwickelt. Der Vorteil an dem Gift war, dass die Inhaltsstoffe auf keinen Kontrolllisten geführt werden mussten und in der Industrie weit verbreitet waren. Im Vergleich zu anderen Nervenkampfstoffen wie dem amerikanischen VX, mit dem Kim Jong Uns Halbbruder vergangenes Jahr getötet wurde, ist Nowitschok zehnmal giftiger.

Quelle: ntv.de, tje