Politik
Um 4 Uhr morgens werden die Bewohner von Damaskus aus dem Schlaf gerissen.
Um 4 Uhr morgens werden die Bewohner von Damaskus aus dem Schlaf gerissen.(Foto: dpa)
Samstag, 14. April 2018

Dirk Emmerich in Damaskus: "Die Stimmung ist relativ gelassen"

n-tv Korrespondent Dirk Emmerich ist in Damaskus, als der Westen Syrien angreift. Dort würden die Luftschläge nicht als ein Angriff auf Assad, sondern als ein Angriff auf Syrien gesehen, sagt er. Und die Syrer seien zuversichtlich, schließlich wüssten sie zwei mächtige Verbündete an ihrer Seite.

n-tv.de: In der Nacht haben USA, Frankreich und Großbritannien angegriffen. Wie hat sich das in Damaskus dargestellt?

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Dirk Emmerich: Wir sind wie alle anderen hier in Damaskus um 4 Uhr Ortszeit aus dem Schlaf gerissen worden. Eine Stunde lang dauerten die Explosionen an, die sich zum Teil unterschiedlich anhörten. Die meisten kamen aus einem der Außenbezirke von Damaskus. Es gab auch Detonationen nahe des Präsidentenpalais. Nach allen Fakten, die uns bislang vorliegen, dürfte das jedoch Abwehrfeuer gewesen sein. Nach einer Stunde hörte die Angriffsserie auf. Es gab erste Autokorso mit lautem Hupen und wehenden syrischen Fahnen. Am Morgen demonstrierten Assad-Anhänger vor dem Verteidigungsministerium.

Hat die Luftabwehr funktioniert hat?

Das ist schwer einzuschätzen. Sie hat auf jeden Fall reagiert, wie auch am Nachthimmel über Damaskus zu sehen war. Wie effektiv sie dabei war, weiß ich nicht.

Wie ist die Stimmung in Damaskus jetzt?

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Die Stimmung in Damaskus ist relativ gelassen. Der Samstag ist hier ein ganz normaler Arbeitstag. Am Morgen gab es die typischen Staus der Rush-Hour. Wir haben mehr syrische Fahnen gesehen als in den letzten Tagen und immer wieder hupende Autos. Die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sind gegen den Vergeltungsschlag. Immer wieder wurde uns gesagt, dass Syrien mit Russland und dem Iran zwei mächtige Verbündete hat. Die haben bereits in den letzten Tagen signalisiert, dass sie weiter fest hinter Assad stehen.

Gibt es Anweisungen wie Ausgangssperren oder dergleichen für die Anwohner?

Nein, soweit ich das weiß, gibt es keine Anweisungen. Natürlich haben in den letzten Tagen alle Medien über die Ankündigung des amerikanischen Präsidenten berichtet. Aber Einschränkungen im öffentlichen Leben von Damaskus haben wir nicht beobachtet.

Dirk Emmerich
Dirk Emmerich

Fürchten die Syrer weitere Angriffe und eine Eskalation?

Weitere Angriffe könnten die ohnehin komplizierte Lage noch schwieriger machen. Die Luftangriffe heute Nacht werden schon jetzt von vielen nicht in erster Linie als ein Angriff auf Assad gesehen, sondern als ein Angriff auf Syrien. Das sehen nicht nur Assad-Anhänger so. Sollte es tatsächlich weitere amerikanische Luftschläge geben, würde sich diese Stimmung vermutlich noch verstärken.

Welches Signal geht von den Luftschlägen aus?

Die Luftschläge haben eher eine symbolische Wirkung und wirken wie eine Verzweiflungstat des Westens, der keine Strategie für Syrien hat. 2012 zu Beginn des Krieges gab es klar sichtbare Kontrahenten - Baschar al Assad auf der einen und die studentischen Rebellen für ein demokratisches Syrien auf der anderen Seite. Doch dieses Bild hat sich seit 2013 immer mehr gewandelt.

Inwiefern?

Die Rebellen gerieten immer stärker unter den Einfluss islamistischer Gruppierungen, die das Sagen übernahmen. Dann kam mit der Terrororganisation IS ein weiterer Akteur dazu, der zwischen 2014 und 2017 teilsweise über die Hälfte Syriens unter seiner Kontrolle hatte. Die Rebellengruppen haben es nie geschafft, einheitliche Ziele oder eine gemeinsame Strategie für eine Zeit nach Assad zu finden.

Welche Rolle spielt Russland?

Mit dem Rückzug der Amerikaner nach 2013 ist ein Vakuum entstanden, das seit 2015 von Russland ausgefüllt wird. Zunächst nur mit Luftstreitkräften, seit Beginn 2016 auch mit Bodentruppen. Wir waren in den letzten zwei Jahren viel im Land unterwegs und haben immer wieder in verschiedenen Teilen des Landes russisches Militär gesehen. Russland hat im Prinzip die Kontrolle über das, was am Boden passiert. Dazu kommt der Iran. Und spätestens seit Beginn dieses Jahres gibt es mit der Türkei einen dritten Akteur, der im Nordwesten den Einfluß der syrischen Kurden zurückdrängen will.

Was ist von den drei Ländern zu erwarten?

Russland, Iran und die Türkei werden den Fortgang der Prozesse hier in Syrien weit mehr bestimmen als der Vergeltungsschlag von heute Nacht. Und vor allem Russland wird sich weiter dafür stark machen, eine Veränderung zu zementieren, die schon seit einiger Zeit deutlich wird. War es 2012, 2013 noch relativ klar, dass eine Friedenslösung für Syrien mit Assad nicht möglich ist, ist es heute so, dass eine Friedenslösung ohne Assad kaum mehr vorstellbar ist.

Mit Dirk Emmerich sprach Gudula Hörr

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(Foto: n-tv.de / Stepmap)

Quelle: n-tv.de