Politik
Ganz in Hip-Hop-Manier zeigt Bundesvorstand Raphael Hillebrand, für welche Partei er am 24. September antritt: "Die Urbane".
Ganz in Hip-Hop-Manier zeigt Bundesvorstand Raphael Hillebrand, für welche Partei er am 24. September antritt: "Die Urbane".(Foto: Frank Joung)
Samstag, 16. September 2017

Hip-Hop-Partei aus Berlin: "Die Urbane" will in den Bundestag

Von Juliane Kipper

Was hat Politik mit Hip-Hop zu tun? Eine ganze Menge, findet Raphael Hillebrand und gründet "Die Urbane. Eine HipHop Partei". Sie will sich für ein friedvolles Miteinander einsetzen – und bei der Bundestagswahl mindestens 0,5 Prozent holen.

Bässe wummern über den stillgelegten Flughafen von Berlin-Tempelhof. Aus Lautsprechern dröhnt Hip-Hop-Musik. Nacheinander treten Jugendliche aus einem Tanzkreis in die Mitte und stellen bei einem Breakdance-Battle ihre Fähigkeiten unter Beweis. Zwischen den Jungs und Mädchen sitzt Raphael Hillebrand. Er feuert die Nachwuchstänzer lautstark an. Soweit nichts Ungewöhnliches. Denn der 34-Jährige mit der Melone auf dem Kopf und den Tennissocken an den Füßen, die ihm bis zu den Waden gehen, ist Tänzer und Choreograf. Doch Hillebrand ist seit Mai auch Bundesvorsitzender einer Partei, die bei der diesjährigen Bundestagswahl antritt. Am 24. September steht erstmals neben etablierten Parteien wie CDU/CSU, SPD und den Grünen unter anderem auch "Die Urbane. Eine HipHop Partei" auf dem Stimmzettel.

Doch was hat Hip-Hop mit Politik zu tun? "Hip-Hop steht für mich in seiner Grundidee für Selbstermächtigung", sagt Hillebrand im Gespräch mit n-tv.de. "In den 70er-Jahren hat in ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen kulturelle Vielfalt zu Spannungen geführt, die dann mit einer Revolution die Kunstwelt verändert hat." In Tanz, Malerei und Musik habe es eine Demokratisierung gegeben, die dann zu der Einsicht führte, dass Gewalt in den eigenen Reihen nichts bringe.

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Diese Selbstermächtigung ist für Hillebrand ein starkes politisches Statement. "Wenn ich mir vorstelle, wir könnten nur einen Bruchteil davon in die Politik tragen, dann ergibt das für mich total Sinn." Dass jedoch viele Menschen Hip-Hop mit schwulenfeindlichen und frauenverachtenden Texten in Verbindung bringen, weiß auch Hillebrand. "Das mag viele bestimmt abschrecken, aber die Leute werden auch neugierig und man kommt miteinander ins Gespräch." Nur weil andere Hip-Hop damit gleichsetzen würden, heißt das für ihn nicht, dass er den Begriff nicht mehr benutzen darf. Für den 34-Jährigen steht Hip-Hop vor allem für Respekt, Kreativität als Mittel der Selbstentfaltung und Mut zum Individualismus. Die Wahl des Parteinamens ist eine geplante Irritation, über die innerhalb der Partei monatelang diskutiert wurde.

"Krieg bedeutet, dass alle verlieren"

Hillebrand hat nie einer Partei angehört. Er sei zwar immer wählen gegangen. Irgendwann habe er aber einfach nicht mehr gewusst, wem er seine Stimme geben sollte. "Wir müssen uns an der Demokratie beteiligen, sonst geht sie den Bach runter", sagt er. Gegründet wurde "Die Urbane" von Anfang an mit dem Ziel, schon bei der Bundestagswahl anzutreten. "Hätte das nicht geklappt, wäre es schon eine Enttäuschung gewesen", sagt Hillebrand. Dass es nun tatsächlich dazu gekommen ist, sei trotzdem überwältigend. "Wenn man seinen Namen auf dem Stimmzettel sieht, dann ist das schon unglaublich."

Die Forderungen in dem 30-seitigen Parteiprogramm von den "Urbanen" könnten so oder ähnlich auch im Programm der Linken stehen. "Unsere kulturelle Verankerung ist aber eine ganz andere. Wenn sich die Linke einsetzt für kulturelle Vielfalt und ein neues Bild von Deutschsein, dann ist das was anderes, als wenn wir das als 'Die Urbane' machen. Wir leben in einer Gesellschaft, die, wenn man von Deutschen oder Ausländern spricht, das Aussehen der Leute meint. Das wird auch die Linke nicht ändern." Dazu hätte die Partei keinen Zugang, ihr fehle schlicht der Erfahrungshorizont, den die "Urbane" mit ihren Mitgliedern aus den unterschiedlichsten Kulturen hat.

"Die Urbane" versteht kulturelle Vielfalt als einen Schatz und keine Bedrohung. Sie stehen für individuelle Freiheit und kreative Selbstverwirklichung. Soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung und Selbstbestimmung aller Bürger – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung – sind ihre selbsternannten Ziele. Darüber hinaus fühlt sich die Partei der Einsicht verpflichtet, dass Gewalt Gegengewalt erzeugt. "Krieg bedeutet, dass alle verlieren. Bildung und Kultur können dazu beitragen, dass alle gewinnen", sagt Hillebrand. Unsere Gesellschaft gehe immer noch davon aus, mit Waffenexporten und Befriedungsmissionen die Welt verbessern zu können, das sei ein großer Irrtum. Für die Partei steht Hip-Hop auch für die Einsicht: Das Ende der Gewaltspirale und der Fokus auf die Kreativität hat in der Bronx in den 1970er-Jahren eine spürbare Veränderung geschaffen. Das Parteiprogramm der "Urbanen" reißt große gesellschaftspolitische Themen an, konkrete Lösungsvorschläge liefert es momentan aber noch nicht.

Selbsternanntes Ziel sind 0,5 Prozent in Berlin

Insgesamt treten bei der diesjährigen Bundestagswahl 42 Parteien an. Das sind so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Darunter sind auch viele Kleinstparteien. "Keiner vertraut den etablierten Parteien mehr, viele haben einfach ihre Glaubwürdigkeit verloren", probiert Hillebrand diesen Trend zu erklären.

Die Chance, dass seine Partei am 24. September in den Bundestag einzieht, ist gering. Das weiß auch Hillebrand. Selbsternanntes Ziel sind 0,5 Prozent in Berlin. Der Staat erstattet dann die Wahlkampfkosten zurück und Hillebrand könnte seine Partei auf solide Beine stellen. Sie hat momentan 250 Mitglieder. Täglich kommen neue hinzu. Neben Berlin haben sich inzwischen ebenfalls in Hamburg, Niedersachsen und Sachsen Landesverbände gebildet.

Hip-Hop müssen die Wähler übrigens nicht zwingend mögen, um ihr Kreuz bei den "Urbanen" machen zu können, versichert Hillebrand. "Uns geht es nicht um die Ästhetik von Hip-Hop, sondern um die Grundwerte, die wir damit verbinden."

Quelle: n-tv.de