Politik

Der Gröxit vor dem Brexit Die erste Insel, die sich von Europa trennte

4c32fa5b59d613584b70612099c9dffd.jpg

Von Grönland aus liegt Europa fern.

(Foto: dpa)

Der Brexit ist nicht die erste Scheidung von Brüssel. Vor genau 35 Jahren vollzog schon einmal eine Insel die Trennung. Auch wenn es nur einige Zehntausend Grönländer gibt: Unangenehm war die Abkehr von Europa allemal.

Ein paar Hundert Stimmen gaben den Ausschlag. Mit knapper Mehrheit von 53 Prozent entschieden sich die Inselbewohner dafür, "die Spezifika des Landes zu erhalten". Am 1. Januar 1985 vollzogen sie den Schritt: Grönland trennte sich von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG, dem Vorläufer der EU.

Damals war - auch wenn dies heute weitgehend unbekannt ist - Grönland bereits das zweite Land, das sich von Brüssel abwandte. Schon 1962 hatte sich Algerien im Zuge seiner Unabhängigkeitserklärung von Frankreich auch von der EWG losgesagt. Wie Algerien war Grönland einst eine Kolonie, seit 1814 gehörte die Insel zu Dänemark. Doch im Gegensatz zu den Dänen zeigten sich die Grönländer nicht sonderlich begeistert von der europäischen Idee. Bei einem Referendum entschied sich die Mehrzahl von ihnen Anfang der 1970er-Jahre gegen einen Beitritt. Doch sie wurden überstimmt, Dänemark - und mit ihm gezwungenermaßen auch Grönland - wurde Teil der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Bei den damals rund 50.000 Bewohnern der größten Insel der Welt, die geografisch zu Nordamerika gehört, überwog auch in den folgenden Jahren die Skepsis. Plötzlich suchten ganze Fangflotten aus europäischen Mitgliedstaaten, insbesondere aus der Bundesrepublik, ihre fruchtbaren Gewässer heim und überfischten sie. Für die vor allem auf Fischfang und -verarbeitung ausgerichtete Industrie Grönlands war das ein Problem. Dass die Grönländer dafür auch in der Kieler Bucht fischen durften, wog in ihren Augen die Nachteile nicht auf. Kaum gewährte ihnen Dänemark mehr Selbstständigkeit, ergriffen sie daher die Gelegenheit beim Schopf und stimmten für den Gröxit, der damals allerdings noch nicht so hieß.

Was dann kam, hätte den Briten, die am 31. Januar aus der EU austreten wollen, eigentlich ein abschreckendes Beispiel sein müssen. Denn obwohl Grönland damals noch wenig mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft verflochten war, entpuppten sich die Austrittsgespräche als zäh. Über drei Jahre zogen sie sich hin, es gab mehr als 100 Treffen mit Brüsseler Beamten.

"Ein überraschend unangenehmer Job"

"Die Verhandlungen waren ein überraschend unangenehmer Job", sagte Lars Vesterbirk, der grönländische Verhandlungsführer, später der Zeitung "Politico". "Die EU-Mitgliedstaaten nahmen uns nicht Ernst, weil sie nicht bereit waren, zu akzeptieren, dass man die EU verlassen konnte." Besonders die Deutschen blockierten ihm zufolge einen Austritt Grönlands. In dieser Zeit konnte man zwar Mitglied des Klubs werden, ein Ausscheiden war aber nicht vorgesehen. Eine Austrittsklausel nach Artikel 50, wie sie nun die Briten nutzen, gab es noch nicht.

Schließlich kam es doch zu einer Einigung. Diese war offenbar - so beschreibt es zumindest Vesterbirk dem "Neuen Deutschland" - besonders der langjährigen Freundschaft zwischen dem dänischen Außenminister Uffe Ellemann-Jensen mit seinem deutschen Amtskollegen Hans-Dietrich Genscher geschuldet. Die beiden trafen sich mehrmals privat und handelten dann den Austritt aus. Die Konditionen waren für Grönland günstig.

So verkauft Grönland seitdem Lizenzen für Fischfangrechte an Brüssel und erhält außerdem Entwicklungshilfegelder aus Brüssel. Außerdem können die Grönländer ihren Fisch zollfrei nach Europa verkaufen und gelten juristisch als Unionsbürger. Die Insel selbst genießt in der EU den Status eines "assoziierten überseeischen Landes".

"Heute", so sieht es der Historiker Kiran Klaus Patel, "verknüpfen die Insel in vielerlei Hinsicht engere Bande mit der EU als vor dem Austritt." Ihm zufolge wurden damals aber auch klar, dass mit dem Ausstieg nicht der Gordische Knoten durchschlagen wurde. Immer wieder sei in den vergangenen Jahren das Verhältnis zu Brüssel nachjustiert worden, glaubt er. Statt neuer Freiheiten und weniger Bürokratie wachse der Regulierungsbedarf.

In London wird man dies nicht gerne hören. Auch wenn die beiden Inseln weder in Größe noch Wirtschaftsleistung vergleichbar sind, ist doch eines unstrittig: Ein EU-Austritt ist heute deutlich komplizierter als noch vor 35 Jahren. Die Vorstellung von Premierminister Boris Johnson, bis Ende des Jahres ein Freihandelsabkommen mit der EU zu schließen, halten viele in der Brüssel daher auch für völlig realitätsfern.

Die Briten sollten immer daran denken, dass die EU zum Nutzen ihrer Mitgliedstaaten gegründet worden sei, warnte Vesterbirk schon vor einigen Jahren. "Du bekommst nichts, ohne in anderer Hinsicht etwas zu geben." Und er zeigte sich sicher: "Wenn Grönland mehr als zwei Jahre brauchte, um vor allem über Fischerei zu verhandeln, wird es meiner Ansicht nach eine riesige Aufgabe für Großbritannien. Und es wird viele weitere Jahre dauern, bis sie eine gültige Lösung finden."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.