Politik
Seehofer bringt Söder in Siegerpose.
Seehofer bringt Söder in Siegerpose.(Foto: dpa)
Samstag, 16. Dezember 2017

Finger und Handkante: Die freundlich-feindliche Übernahme

Von Jürgen Wutschke, Nürnberg

Lang hat Horst Seehofer den Machtwechsel hinausgezögert. Zumindest beim Posten des Ministerpräsidenten gibt es nun kein Zurück mehr. Markus Söder soll es in Bayern richten. Die CSU krönt ihn. Seehofer weicht nach Berlin aus. Doch ihre Wege trennen sich mitnichten.

Die CSU hat auf ihrem Parteitag in Nürnberg das geschafft, was die Betroffenen zuvor "wahlweise personell neue Ära" und Entscheidung an einer "spannenden Weggabelung" genannt haben. Horst Seehofer wird künftig nur noch die Partei führen und Markus Söder das Land Bayern - im Idealfall auch nach der Wahl im kommenden Jahr. Die Ämtertrennung trifft bei den fast 1000 Delegierten auf große Zustimmung. Was sich in der Partei ändern wird, haben sie zuvor nachhaltig vorgeführt bekommen. Dass der Schritt überfällig war, bekommt Seehofer, der bislang beide Ämter innehatte, im Wahlergebnis präsentiert.

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Am Ende schicken die Delegierten den 68-Jährigen mit 83,7 Prozent in die nächste Amtszeit als Parteichef. Es ist sein bislang schlechtestes Wahlergebnis. Seine Bewerbungsrede hat in weiten Teilen den Charme eines Rechenschaftsberichtes. Doch sie lässt sich auch als Auftrag an Söder verstehen: So ist es um Bayern bestellt - und das steht bei der Wahl 2018 auf dem Spiel.

Er werde nicht mehr bei der Landtagswahl antreten - ein Stück Wehmut sei dabei. "Land und Freistaat und die Bürger sind mir in letzten zehn Jahren sehr ans Herz gewachsen", sagt er. Markus Söder habe stets "bravouröse, fehlerfreie Arbeit abgeliefert". Die "Friktionen" zwischen ihm und Söder seien im Vergleich zu Konflikten bei anderen nur "Knallerbsen". Markus Söder kann Ministerpräsident: "Er kann es und er packt es." Söder könne sich "auf meine Unterstützung verlassen in den kommenden Jahren". Es klingt wie eine Drohung. Und dann passiert Seehofer ein kleiner Versprecher, der viel Raum für Deutung bietet. Der Wechsel sei angesichts der unsicheren Lage bei der Regierungsbildung in Berlin "ein Wunsch vieler (...), dass ich mithelfen will". Und Kanzlerin Angela Merkel "sagt mir, überwiegend ist das auch für sie erfreulich".

Seehofer referiert - Söder köchelt immerhin

Seehofer ist an diesem Tag wenig kämpferisch. Die meiste Zeit sind seine Arme hinter dem Rücken verschränkt. Es ist eine der oft gehörten Preisungen des Freistaates als Bayern. Der Freistaat "ist das Paradies, das können wir uneingeschränkt sagen". Söder spricht vom "Leistungsherz Deutschlands". Auch sonst sagt Söder in seiner Akklamationsrede wenig andere Dinge - und doch unterscheiden sich die Auftritte erheblich.

Seehofer steht leicht gebeugt. Die Stimme ist warm und der Dialekt rund. Söder indes dreht sich am Pult permanent nach links und rechts. Seine Stimme ist laut. Der Dialekt härter. Seehofer zählt die anstehenden Aufgaben auf - Söder bellt sie teilweise in die Halle. Was Seehofer der mahnende Finger, ist bei Söder die Handkante - gerade im Umgang mit Flüchtlingen und den Forderungen an sie. Seehofer spricht von Integration. Söder stellt fest, dass der "Islam in den vergangenen Jahrhunderten keinen überragenden Beitrag für Bayern geleistet" habe.

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Seehofer beurteilt die Lage anhand von Gesprächen mit Bürgern. Söder hat gefühlt alles selbst erlebt. Söder bekommt deutlich mehr Zwischenapplaus. Söder braucht nur halb so viel Zeit wie Seehofer. Am Ende ihrer Reden gewähren die Delegierten beiden gut drei Minuten Beifall. Und sie erfüllen den Delegierten den Wunsch nach Einigkeit. Handschlag auf der Bühne und gemeinsames Hochrecken der Arme. Man muss es auch nicht übertreiben. Söder hat nun weniger als ein Jahr Zeit, eine Wahl zu gewinnen. Und für die CSU zählt dabei nur eine Alleinregierung.

Was indes weiter an beiden nagt, ist der Ausgang der Bundestagswahl. "Wir haben in der Wahl erlebt, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht ausreicht", sagte Seehofer. "Der bayerische Zug kann nicht immer Volldampf fahren", sondern müsse "die Abgehängten wieder einsteigen lassen", sagt Söder. Für Seehofer liegt die Schuld am Wahlausgang weiter in Berlin. Die Delegierten folgen ihm hierbei kaum noch - zumal am Vortag Kanzlerin Angela Merkel die so mühsam wieder hergestellte neue Geschlossenheit mit der CSU lobte. Doch in Bayern wird bald wieder gewählt. "Wir werden in Berlin nichts vereinbaren, was den Landtagswahlkampf in Bayern erschwert." Das ist es auch, was Seehofer mit seiner Unterstützung für Söder meinte. Der erinnert daran, ein "Kompromiss zwischen CSU und CDU hätte zugegebenermaßen auch vor der Wahl einen Effekt gehabt".

Ämtertrennung: Ja, nein, vielleicht.

Der Wechsel sei nötig, ist der Tenor bei vielen Delegierten. "Wir brauchen Profis und keine, die zusammen in den Urlaub fahren", sagt Maximilian Böltl aus Oberbayern. Wegen der anstehenden Aufgaben in Berlin und der Landtagswahl sei die Ämtertrennung gut. Sie komme ein paar Monate zu spät, sagt Lothar Müller aus Niederbayern. Sie dürfe überhaupt nur auf Zeit sein, sagt indes Anja Steinberger vom Kreisverband Donau-Ries.

Eigentlich will Steinberger gar nichts sagen. "Es muss sich was ändern", sagt sie dann aber doch. Vor allem inhaltlich. Hat Seehofer das mit seiner Rede nicht eingeläutet? Dazu sagt sie dann wieder nichts. Die Stimmung sei positiv. Seehofer habe den Nerv mit seiner Rede getroffen. Das Wahlergebnis dürfe man nicht nur an Zahlen messen, sagt Joachim Fackler aus demselben Kreisverband.

Das eint ihn mit etlichen anderen Delegierten. Sie haben ein anderes Ergebnis für Seehofer erwartet. Es war kein einfaches Jahr für die CSU ist der Tenor. Das sagen auch Seehofer und Söder mehrfach. Immerhin habe Seehofer erkannt, dass ein Wechsel nötig sei, sagt Holger Dremel aus dem Bamberger Land. Nur die Versöhnung mit Merkel, die kam zu spät.

Quelle: n-tv.de