Politik

Geschrei und ein klarer Sieger Die große Show von Le Pen und Macron

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Es geht hoch her bei der Debatte zwischen Le Pen und Macron.

(Foto: imago/PanoramiC)

Die Blutdrucksenker, bitte: Die TV-Debatte zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron ist ein offener Kampf. Mit Anbrüllen und Unterbrechen. Mit ungeahnten Einblicken. Und einem nun fast sicheren Präsidenten.

Vor einigen Tagen habe ich eine kleine Landpartie gemacht. Hinaus aus Paris, anderthalb Stunden durch den ständigen Verkehrsstau der Hauptstadt, vorbei am Geschäftsviertel La Défense, über die teure Autobahn 14 und dann wird es sofort ländlich, vorbei an Mantes-la-Jolie, und dann runter, über kleine Landstraßen, links stehen Esel auf der Weide, und dann Dörfer, Felder, la France profonde, das ländliche Frankreich.

Und dann: Boinville-en-Mantois. 300 Einwohner. Kirche, Rathaus. Mehr nicht. Kein Bäcker mehr, kein Fleischer, keine Bar. Schlicht: kein französischer Traum mehr. Früher gabs hier 18 Bauern. Heute sind es noch 4. Es laufen nur die Alten über die Straße. Die Jungen, die Arbeit haben, sind in Paris. Und pendeln jeden Tag.

Immer wieder sagen uns die Menschen hier, dass sie sich vergessen fühlen. Von den Politikern der letzten Dekaden. Alle würden sich nur für die eigene Macht interessieren und für Paris und für feine Bistrots. Niemand aber würde sich für die Menschen auf dem Land interessieren. Für die Arbeiter. Für die Kultur, die dieses Frankreich im Kern zusammenhält.

Was sie über Macron denken? "Einer von ganz oben", sagt eine. "Was soll der Banker denn richten?", fragt ein Mann. "Er wäre die Fortsetzung der vergangenen Jahre und er denkt doch sowieso nicht an uns", sagt eine Rentnerin. Über 30 Prozent der Bürger hier haben im ersten Wahlgang Marine Le Pen gewählt. Sie solle es einfach mal probieren, sagen sie hier. Die anderen seien ja alle gescheitert.

Ein Kino gibt es nicht in Boinville-en-Mantois, auch kein Theater, deswegen werden sie alle die Debatte geschaut haben am Abend bei TF1 und France 2. Die letzte Debatte vor der entscheidenden zweiten Runde. Wenn sie für Marine Le Pen waren, wird es ein sehr trauriger Abend gewesen sein, in diesem kleinen Dorf.

Ein klarer Kampf

Gestern Abend aber war es klar: Es war ein Duell. Ein klarer Kampf. Geprägt von hemmungslosen Auseinandersetzungen. Geschreie. Ständigen Unterbrechungen. Und von einem klaren Sieger. Der nun Präsident wird. So viel ist klar.

Das war ein TV-Duell, wie es noch keines in Deutschland gab - und aus mangelnder Freude an Rhetorik und Finesse bei deutschen Politikern wohl auch auf absehbare Zeit keines geben wird. Stattdessen erlebten wir die Lust der Franzosen an Debatten, wir erlebten das rhetorische Geplänkel mit sprachlichen Wendungen, der Lust an Auseinandersetzung - und bisweilen an offenem Streit.

Ganz am Anfang ist Emmanuel Macron sehr angespannt. Blauer Anzug, weit offene Augen. Und doch offene Nervosität. Blick auf den Tisch, Blick auf die Gegnerin. Marine Le Pen. Bleu Marine. So nennen sie sie, die Franzosen. Blauer Blazer, vor sich auf dem Tisch: Aktenberge. In bunten Farben. Ein Stift in der Hand. Und dann beginnt die Show. So muss man sie wohl nennen. Marine greift an. Macron lächelt. Erst kühl, dann wärmer. Es wirkt fast wie ein Flirt. Wie sie ihn anlächelt, anfuchtelt, lockt. Er, das Kinn auf die Hände gestützt, lässt sie ausreden, grinsend, dann reagiert er, redet mit tiefer Stimme. So beginnt es.

Wenig später, nur ein paar Minuten, schreien sie sich an. Unterbrechen sich ständig. "Monsieur Macron", ruft sie, immer wieder, und er spricht weiter, unentwegt. Die beiden Moderatoren, Duell-Neulinge, wirken wie Staffage, den ganzen Abend über, man hätte eine Liste der Themen ans schwarze Brett hängen können, es wäre besser gewesen. Die beiden Kontrahenten wären irgendwie durchgekommen. Am Ende interessiert sich nicht mal mehr der Regisseur für die Moderatoren. Er blendet sie einfach aus, zeigt nur noch die streitenden Kontrahenten.

Ein großes Schauspiel

Das große Theaterstück ist am Anfang offen. Ein Spiel, ein großes Schauspiel. Was sie sagt, klingt bekannt. Und man spürt es schon ganz früh: Alle diese Argumente hören wir nun seit Monaten. Man hofft fast, Marine Le Pen hat noch was neues im Köcher. Für die Menschen in Boinville-en-Mantois. Und für viele andere, die große Hoffnungen in sie setzen.

Sie nennt Macron den "Kandidaten der Globalisierung, der sozialen Kälte". Sie dagegen sei die "Kandidatin des Volkes". Ungefähr achtmal wird sie sich so nennen an diesem Abend. Doch sie wird diesen Anspruch nicht mit Leben füllen. Und Macron spürt das. Er wirft ihr vor, nur auf die Wut des Volkes zu setzen.

"Seit 40 Jahren ist irgendein Le Pen Kandidat fürs Präsidentenamt, aber das interessiert mich nicht", sagt er und spielt auf Marines Vater Jean-Marie an, der als Chef des Front National bei fünf Präsidentschaftswahlen angetreten war. "Sie wollen nur gegen etwas sein, etwas bekämpfen, die Grenzen schließen, gegen Europa sein. Ich dagegen stehe für den Erfolg Frankreichs", sagt er. Und damit ist seine Taktik klar. Marine steht für das Dunkle, sie steht fürs "Dagegen" - er steht für etwas. Es ist eine einfache Taktik. Marine könnte diese Taktik durchschauen, sie bekämpfen. Und doch scheint es an diesem Abend, als fehlten ihr dafür die Mittel. Die Argumente. Schlicht: der Plan.

Es geht um Wirtschaft, um Arbeit, später um Terror. Immer, wenn Macron spricht, macht er es klug. Er, dem immer vorgeworfen wird, unscharf zu sein, heute dies und morgen das zu versprechen. "Was soll das konkret heißen?", fragt er sich selbst immer wieder, wenn er seine Pläne umreißt. Und versucht dann, es zu erklären. Das gelingt nicht immer, aber es wirkt so. Seine Spindoktoren haben ihre Arbeit gemacht.

Marine Le Pen stattdessen redet bei den großen Themen immer nur von Macrons Plänen, seiner vermeintlichen Schwäche, seinen Verirrungen. Nach einer halben Stunde reicht es dem 39-Jährigen: "Lassen Sie mich doch meine Projekte erklären. Und Sie erklären Ihre."

Le Pen als Teil der Politik-Elite

Wieder lachen sie sich an. Doch die Stimmung ist verbissen. Le Pen bemerkt, dass das an diesem Abend ganz eng wird. Sie redet von der Ausweisung radikaler Imame, von der Schließung radikaler Moscheen und von der Schließung der Grenzen zu Frankreich. Wie sie es immer tut.

Macron fragt sie: "Und alle Probleme sind gelöst, wenn Sie an der Macht sind? Wenn keiner mehr ins Land kommt?" "Wollen Sie es versuchen?", antwortet Le Pen lachend. "Nein, ich möchte es nicht ausprobieren", gibt Macron zurück. Später empfiehlt sie, er solle ein bisschen weniger arrogant sein. Als er die Terrorbekämpfung auch zu seiner Priorität als Präsident macht. Und damit ihr Thema klaut.

Was auffiel: Ein Donald Trump erreichte - wie auch immer er das getan hat - offenbar die Herzen seiner Wähler. Weil er wirklich völlig anders war als die Politiker in Washington D.C. Das zeigt er nun, mit völliger Ahnungslosigkeit von dem Amt, das er inne hat. Marine Le Pen dagegen ist Politikerin. Seit Jahrzehnten. Sie gibt die Populistin. Und ist doch längst Teil der Polit-Elite Frankreichs. Alle ihre Phrasen waren so wohlbekannt, dass sie die Herzen der Abgehängten, ihrer Stammwähler, mit ihrem Auftritt wohl nicht erreichen konnte. Immer wieder sah sie in ihre Akten, warf mit Details um sich, den Namen von Imamen, Firmen, Bürgermeistern. Verzettelte sich dabei total.

Und verstieg sich in der Terrordebatte in die kühne Forderung, die Polizei solle sich nicht mehr mit Verkehrssündern befassen, sondern nur noch mit Terrorbekämpfung. Schließlich träfen Knöllchen die braven Bürger, während die Jugendlichen in den Vororten eine echte Gefahr für den Staat seien. Einer Mutter mit Kinderwagen am Fußgängerüberweg in Paris soll sie das mal genauer erklären.

Le Pens Sätze standen vorher bei Twitter

Noch dazu spürte der Zuschauer, wie sehr der Front National eben nur Marine Le Pen ist - und ansonsten offenbar eine ziemlich ahnungslose Partei ohne echte Kampagnenstrategie. Wie sonst war es zu erklären, dass Le Pens Sätze Minuten vorher Wort für Wort bei Twitter standen, und die Spitzenkandidatin diese dann in der Debatte vom Blatt ablas. Das allein wirkte schon sehr aus der Zeit gefallen.

Der stärkste Moment von Le Pen? Mit Verlaub: Sie hatte keinen. Sie stellte Macron nicht - was ein leichtes gewesen wäre. Er war gestern Abend nicht viel konkreter als sonst. Ein Jean-Luc Mélenchon, der Ultralinke, hätte Macron auseinandergenommen. Damit vielleicht sogar die Wahl gewonnen. Doch Marine Le Pen wirkte wie ein Bullterrier. Kläffte, wiederholte sich. Und blieb doch zahnlos.

Am Ende der lauten drei Stunden hatten beide Kandidaten die Chance auf ein freies Thema. Die Carte Blanche. Macron wählte die Integration von Behinderten. Ein schlauer Schachzug. Weil er Empathie erzeugte. Und ein Thema vorgab. Er sprach über Gesundheitspolitik, über Chancen für die Schwachen. Er präsentierte eine Idee. Le Pens Carte Blanche? Sie spricht über Macron. Seine Schwächen, seine Fehler. Muss ob ihrer ständigen Wiederholungen selber lachen. Eigene Ideen? Fehlanzeige.

"Parasit dieses Frankreichs"

Und dann kommen die letzten Worte. Macron sagt: Marine Le Pen ernähre sich - wie der Front National - von der Angst und der Ablehnung. Sie sei "der Parasit dieses Frankreichs", und sie ernähre sich von der Angst. "Frankreich verdient Besseres", sagt er. Und spricht von Reformen, Veränderung. Wiederholt sogar "echte Veränderung" mehrfach. Wieder bleibt er unklar. Doch er malt ein helles Bild vom Wandel, von Chancen, von Hoffnung.

Es ist Le Pens letzte Chance, ihn zu stellen. Ihm seine Unklarheit vorzuhalten. Doch sie lässt den Moment verstreichen, einmal durchzuatmen. Zu echten Ideen anzusetzen. Atemlos wiederholt sie ihre Litanei, greift Macron an, den Kandidaten der sozialen Kälte. Sie spricht nur über ihn, nicht über sich. Sie gibt keine Hoffnung. Nur Ablehnung. Sie zeichnet ein dunkles Bild. Und kein Wähler will das Dunkle. Nicht mal in dem kleinen Dorf im Yvelines. Dort erwarteten sie genau das von ihr: Pläne, Hoffnung.

Es war gestern Abend so, als würde sie nicht gewinnen wollen. Und es war in diesem Moment so, als würde auch Macron nun endlich glauben, dass er gewonnen hat. Die Debatte. Und damit auch die Wahl.

Alexander Oetker war langjähriger n-tv-Frankreich-Korrespondent und ist nun politischer Korrespondent im RTL-Hauptstadtstudio. Er ist außerdem Autor der Krimireihe um den französischen Kommissar Luc Verlain. Der erste Band "Retour: Luc Verlains erster Fall" ist gerade erschienen und landete prompt auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Quelle: ntv.de