Politik
Etliche Bilder Güçlüs mit dem T-Shirt kursieren im Netz.
Etliche Bilder Güçlüs mit dem T-Shirt kursieren im Netz.(Foto: Twitter (@onediogundem))
Donnerstag, 10. August 2017

Minister suspendiert Beamte: Die große türkische T-Shirt-Verschwörung

Von Issio Ehrich

"Hero" – mehr steht nicht auf einem T-Shirt, das in der Türkei seit Wochen für Wirbel sorgt. Wer es trägt gilt als potenzieller Putschist. Jetzt beginnen womöglich gar Ermittlungen gegen Beamte, die das Tragen dieses T-Shirts nicht verhindern.

Verschwörungstheorien erfreuen sich in der Türkei seit eh und je großer Beliebtheit – in allen politischen Lagern. Diese allerdings sorgt nicht nur im Land für gewaltigen Wirbel. Denn es geht um das Tragen von T-Shirts. Das hat erst für Entsetzen gesorgt, dann zu aufwendigen Ermittlungen geführt und später zu dutzenden Verhaftungen. Zuletzt hat es gar fünf Justizbeamte den Job gekostet. Als Nächstes könnte die Gendarmerie dran sein. Aber eines nach dem anderen.

Bilderserie

Als der frühere Soldat Gökhan Güçlü am 13. Juli in der Provinz Muğla vor Gericht erschien, trug der Mann, dem eine Beteiligung am Putschversuch im vergangenen Jahr vorgeworfen wird, ein weißes T-Shirt. Darauf prangten vier Buchstaben: "Hero".

Wer des Englischen mächtig ist, könnte vermuten, dass der Angeklagte sich als Held inszeniert. Aber es gibt auch eine kompliziertere und zumindest für Außenstehende nicht ganz so eingängige Erklärung. "Hero" steht für "Hoca Effendi Rahat Ol". Das behaupten zumindest einige Türken. Das heißt übersetzt so viel wie: "Kein Grund zur Sorge, verehrter Lehrer". Mit dem verehrten Lehrer kann in dieser Logik wiederum nur der religiöse Gelehrte Fethullah Gülen gemeint sein, jener Exilprediger, der in der Türkei als Strippenzieher des Putsches gilt, als Staatsfeind Nummer eins.

Ob das auch der Richter, vor den Güçlü trat, so sah, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall ließ er den Angeklagten wegen seines als provokativ geltenden T-Shirt-Auftritts des Saales verweisen und unterbrach die Verhandlung. Damit war diese Geschichte aber keineswegs vorüber.

Zunächst machten Bilder Güçlüs die Runde – und die Empörung unter einigen Türken war gewaltig. Laut einem Bericht von "Hurriyet Daily News" begannen nach dem Vorfall auch sofort intensive Ermittlungen. Der vorläufige Höhepunkt: Die türkische Polizei nahm  Berichten nationaler und internationaler Medien zufolge mehr als 30 Personen im ganzen Land fest, die das gleiche T-Shirt trugen. Ein T-Shirt übrigens, das es für ein paar Euro bei einem türkischen Online-Versandhandel gibt.

Erdogan: "Niemand kommt mehr so bekleidet, wie er will"

Auch Präsident Erdogan reagierte. "Niemand kommt mehr so bekleidet, wie er will", sagte er über Anhörung vor Gericht. Künftig würden für Putschisten Kleidungsvorschriften "wie in Guantanamo" gelten. "Drahtzieher" sollen demnach braune Overalls tragen und "Terroristen" braune Anzüge. Das Ende der Geschichte war aber auch das nicht.

Die türkische Justiz machte sich offensichtlich nicht nur Gedanken um mögliche Nachahmer Güçlüs. Sie fragte sich auch, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass dieser mit einem T-Shirt wie diesem vor Gericht erscheinen konnte.

Laut "Hurriyet" begannen Ermittlungen gegen Güçlüs Schwester, die das T-Shirt angeblich ins Gefängnis schickte, und gegen Beamte, die nicht verhinderten, dass es ihn erreichte. Fünf von ihnen wurden deshalb vom Justizminister suspendiert. Geschafft? Von wegen. Staatsanwalt İlyas Yavuz sagte dem Blatt, dass er auch prüfen wolle, ob sich die Gendarmerie, die Güçlü vom Gefängnis zum Gerichtssaal eskortierte, schuldig gemacht hat. Die große türkische T-Shirt-Verschwörung ist offensichtlich noch weit von einer restlosen Aufklärung entfernt.

So absurd diese Posse klingt, so dramatisch ist sie allerdings auch - nicht nur für die direkt Betroffenen. Sie schürt die ohnehin schon große Angst regierungskritischer Bürger. Wer kann sich noch sicher fühlen in diesem Land, wenn selbst das Tragen von mehrdeutigen T-Shirts für derartige Aufruhr sorgt?

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen