Politik

Piraten vor der Küste Somalias Die modernen Seeräuber

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Ein somalischer Soldat steht vor der Küste von Hobyo in Somalia Wache.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Seit Jahren überfallen Piraten am Horn von Afrika Handelschiffe und kapern sie. Menschen sterben dabei und die Reedereien verlieren viel Geld. Zum Schutz in den Gewässern vor Somalia ruft die EU die Mission "Atalanta" ins Leben. Auch private Dienste mit schwer bewaffneten Söldnern sollen für Sicherheit sorgen.

Der Golf von Aden am Horn von Afrika ist das gefährlichste Nadelöhr der Welt. An der Rennstrecke im Güterverkehr zwischen Europa und Asien überfallen Piraten schon seit Jahren Handelsschiffe und versuchen sie zu kapern."Seeräuber zu sein, gilt in Somalia fast schon zum idiotensicheren Weg, schnell reich zu werden", schreibt Jack Lang, Sondergesandter der Uno für die Bekämpfung von Piraterie. Rund 3000 professionell agierende Piraten sollen mittlerweile laut UN-Zahlen allein in Somalia auf Beutezug gehen. Eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft Geopolicity schreibt den Piraten dabei einen 150-mal höheren Verdienst zu als ihren somalischen Landsleuten.

Um den Nachwuchs braucht sich die Piraterie daher keine Gedanken zu machen. Dafür steigen die Sorgen bei den Reedereien, die ihre Handels- und Containerflotten auf diese gefährliche Seeroute schicken. "Nicht nur die Küste vor Somalia ist betroffen, sondern der gesamte Indische Ozean ist durch die Piraterie verseucht. Sie gefährdet die gesamte Schifffahrt", beklagt Max Johns vom Verband Deutscher Reeder (VDR) im Gespräch mit n-tv.de. Die Sorgen der Schiffseigner werden durch Zahlen gestützt: Laut Bundesministerium für Wirtschaft ereigneten sich im Jahr 2011 von den weltweit 439 Angriffen von Piraten auf Handelsschiffe 236 vor der Küste Somalias. Dabei enterten die Seeräuber 176 Schiffe und nahmen 802 Geiseln. Sieben Seeleute kamen im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres dabei ums Leben.

"Atalanta hat zu mehr Sicherheit geführt"

Die Piraten richten also nicht nur großen wirtschaftlichen Schaden an (geschätzte sieben Milliarden US-Dollar in 2011), sie bringen auch Menschen um. Im Kampf gegen das räuberische Treiben am Horn von Afrika riefen die Europäer im Dezember 2008 die Mission "Atalanta" ins Leben, bei der sich . Fünf bis zehn Kriegsschiffe überwachen dabei ein Gebiet, das etwa eineinhalb mal so groß ist wie das europäische Festland. "Wir sind darüber sehr glücklich, was im Rahmen von Atalanta geschieht. Es hat zu deutlich mehr Sicherheit geführt", sagt VDR-Sprecher Johns. Die EU will nun die Mission auf das Land ausweiten und Stützpunkte der Piraten angreifen, um deren Boote und Munitionslager zu eliminieren.

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Soldaten setzen mutmaßliche Piraten fest.

(Foto: picture alliance / dpa)

. Künftig sollen im Rahmen der "Atalanta"-Mission auch Luftangriffe bis zu zwei Kilometer ins Landesinnere erlaubt sein. Der Einsatz am Boden bleibt – bis auf Notfälle – verboten. Das bisherige Mandat des Bundestags hatte nur Einsätze auf See erlaubt.

Der Konteradmiral der Anti-Piraterie-Mission EUNAVFOR Duncan Potts begrüßt das ausgeweitete Mandat. "Wir verzeichnen taktische Erfolge gegen die Piraten", sagte Potts dem "Handelsblatt". Die Piraten seien jetzt unter Druck, "und es ist jetzt ein kritischer und richtiger Zeitpunkt, diesen noch weiter zu erhöhen." Die Marine kann die jährlich 30.000 Schiffspassagen am Horn von Afrika jedoch nicht ganz alleine schützen. Daher engagieren die Reedereien private Sicherheitsdienste als Alternative zum staatlichen Schutz. Deren Mitarbeiter sind meist ehemalige Soldaten und Polizisten, die schwer bewaffnet auf den Schiffen mitfahren. Pro Fahrt kostet das die Schiffseigner zwischen 70.000 und 100.000 US-Dollar.

Zulassungsverfahren für Sicherheitsdienste geplant

Der Einsatz der Sicherheitskräfte zahlt sich trotz der hohen Kosten aus. Weltweit ist noch kein Schiff gekapert oder gar entführt worden, das Söldner mit an Bord hatte. Offiziell ist es Schiffen unter deutscher Flagge indes wegen waffenrechtlicher und gewerberechtlicher Probleme nicht gestattet, privaten Schutz in Anspruch zu nehmen. Trotzdem hat jede dritte deutsche Reederei private Sicherheitsdienste an Bord - wenn auch unter einer ausländischen Flagge. Auch deshalb hat sich die Bundesregierung dazu entschlossen, rechtliche Rahmenbedingungen für den Privatschutz zu schaffen. Durch ein Zulassungsverfahren will sie Rechtssicherheit schaffen. Dieses Verfahren schließt wildgewordene Pistoleros aus, die Sicherheitsdienste müssen hohe Anforderungen erfüllen. Die Zulassung erteilt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zusammen mit der Bundespolizei. Ende des Jahres soll die Gesetzesänderung in Kraft treten.

"Es ist sehr erfreulich, was die Bundesregierung auf den Weg bringt. Auch wenn es lange dauert und schon früher hätte geschehen müssen, ist es dennoch schön, dass es nun eine Zertifizierung gibt, damit die Reeder aus seriösen Anbietern auswählen können", sagte Johns. Die somalischen Nachfahren von Klaus Störtebeker und Kapitän Blackbeard hielten schon in den 90er Jahren Handelsschiffe an und verlangten unter Androhung von Gewalt Wegezoll. "Daraus hat sich später eine richtige Geschäftsidee entwickelt und zu der besonderen Form der Piraterie entwickelt, wie wir sie heute vor der somalischen Küste kennen: Geiselnahme und Lösegeld", erklärt Kerstin Petretto, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Einer der Piratenchefs war Mohamed Abdi Hassan "Afweyne", der um 2003 die Piraterie in der zentral-somalischen Region Mudug etablierte. "Die Piraterie ist heute zu einer lukrativen Industrie geworden", sagt Petretto.

Mehr Geld für weniger Überfälle

Obwohl die Piraten 2011 weniger Schiffe kaperten als im Jahr zuvor, haben sie mehr Geld als jemals zuvor verdient. Das liegt an den gestiegenen Lösegeldhöhen für entführte Frachter. Die US-amerikanische Thinktanks One Earth Future Foundation geht von 31 Lösegeldzahlungen im Gesamtwert von 159 Millionen Dollar im Jahr 2011 aus. Die Piraten ließen etwa den im Februar 2011 entführten griechische Supertanker Irene SL und seine Besatzung für ein Lösegeld von 13,5 Millionen Dollar frei. Trotz weniger Überfälle, der Ausweitung der Mission "Atalanta" und dem zunehmenden Einsatz privater Sicherheitsfirmen ist die Piraterie am Horn von Afrika immer noch eine immanente Bedrohung.

Zumal die Piraten-Expertin Petrotta vom Erfolg der europäischen Sicherheitspolitik nur bedingt überzeugt ist. "Die Ausweitung der Mission setzt die Piraten sicherlich unter Druck. Doch in der somalischen Bevölkerung können Militäreinsätze negativ wahrgenommen werden. Vor allem, wenn sie nicht vorher darüber informiert wird. Die Stimmung kann in Somalia schnell kippen", gibt Petrotta zu bedenken: "Militärische Einsätze sind in Somalia bis heute immer gescheitert."

Quelle: ntv.de