Politik
Freitag, 14. September 2012

Hindenburgplatz und Co.: Die zehn umstrittensten Straßennamen

Von Hubertus Volmer

Münster streitet über den früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der Mann, der Hitler zur Macht verhalf, war Namensgeber für den größten Platz in der westfälischen Metropole. Nun müssen die Münsteraner entscheiden: Hindenburg- oder Schlossplatz? Anlass für eine Top-Ten der umstrittensten Straßennamen.

"Kein Zurück zu Hindenburg"

Münster stimmt an diesem Sonntag darüber ab, wie der großePlatz am Rande der Altstadt heißen soll. 85 Jahre lang hieß er Hindenburgplatz,am 21. März 2012 entschied der Stadtrat sich gegen einige CDU-Stimmen, aberunterstützt vom CDU-Oberbürgermeister, für die Umbenennung in Schlossplatz.

Vor wenigen Tagen ergab eine Umfrage eine Mehrheit für denneuen Namen. Die Münsteraner hätten verstanden, schreiben die"Westfälischen Nachrichten" in einem Kommentar,dass mit dem Ratsbeschluss eine neue Situation entstanden sei. Jetzt gebe es"kein Zurück mehr zu einem unreflektierten, gewohnheitsmäßigen Gebrauchdes Namens Hindenburgplatz".

Er ist ein Schandfleck für diese schöne Stadt, das war schon immer so. Zwar findet drei Mal im Jahr auf dem großen Platz in Münster ein Jahrmarkt statt, Send genannt. Aber normalerweise ist es nur ein Parkplatz für die Pendler aus dem Umland und für die Holländer, die zum Einkaufen nach Münster kommen.

Der Platz heißt Hindenburgplatz, besser gesagt, so hieß er, bis ihm der Rat der Stadt im vergangenen März einen neuen Namen gab: Schlossplatz. Eigentlich sollte damit eine Diskussion zu Ende gehen, die in Münster seit Jahrzehnten immer wieder geführt wurde. Doch es kam anders: Erst die Umbenennung brachte die Debatte um den Hindenburgplatz so richtig in Fahrt. Abgeschlossen wird die Diskussion nun mit einer Abstimmung. Am kommenden Sonntag müssen die Münsteraner sich entscheiden: Hindenburg- oder Schlossplatz.

Unabhängig vom Ergebnis der Abstimmung hat die Debatte in Münster gezeigt, dass die Umbenennung von Straßen möglicherweise weniger wichtig ist, als die Diskussion über die Geschichten ihrer Namensgeber. Denn nach dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts, nach zwei Weltkriegen, nach Nationalsozialismus und DDR ist die deutsche Geschichte überreich an problematischen Figuren, deren Namen noch immer auf Straßenschildern prangen.

Hier eine ebenso repräsentative wie willkürliche Liste von zehn Straßennamen, die aus dem einen oder anderen Grund umstritten sind.

Platz 1: Paul von Hindenburg

(Foto: picture-alliance/ dpa)
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Nicht nur die aktuelle Diskussion in Münster bringt Hindenburg auf den ersten Platz. Hindenburg war im Ersten Weltkrieg Chef der Obersten Heeresleitung, die 1918 monatelang die bevorstehende Niederlage vertuschte. In der Weimarer Republik war er Reichspräsident und, obwohl selbst stets Monarchist, die letzte Hoffnung der Demokraten. Am 30. Januar 1933 jedoch berief Hindenburg zum Reichskanzler, am 21. März 1933, dem sogenannten "Tag von Potsdam", ließ er sich vollends zum Steigbügelhalter der Nazis machen.

Im Münster erinnern die Befürworter der Umbenennung daran, dass Hindenburg im November 1919 die Dolchstoßlegende in die Welt setzte, eine Lüge, die besagte, dass die Reichswehr "von hinten erdolcht" worden war, dass sie ohne die Revolution also den Krieg gewonnen hätte. "Das Gift der Dolchstoßlegende belastete die junge Weimarer Republik enorm", sagt der Historiker Alfons Kenkmann, der der Kommission angehörte, die sich für die Umbenennung des Hindenburgplatzes aussprach.

Münsters Geschichtswissenschaft lehnt eine Rückbenennung des Schlossplatzes ab. "Paul von Hindenburg hat spätestens mit seiner zweiten Amtszeit als Reichspräsident aktiv, bewusst und zielgerichtet auf sein politisches Ziel einer 'nationalen Einigung' unter einer autoritären Staatsführung hingearbeitet", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Professoren und Studierenden des Historischen Seminars der Universität Münster.

Solch kritische Töne sucht man vergebens in der Hindenburg-Darstellung der Bürgerinitiative "Pro Hindenburgplatz", die mit einer erfolgreichen Unterschriftensammlung die Abstimmung erzwang. Auf der Website der Gruppe heißt es lapidar, Hindenburg sei die "Zähmung" Hitlers misslungen. Sprecher der Initiative ist das CDU-Mitglied Stefan Leschniok, der übrigens zur "Aktion Linkstrend stoppen" gehört, einer Truppe von Konservativen in der CDU, die für ihre Partei eine "geistige Wende" fordern. Dass auch die rechtspopulistische Partei "Pro NRW" zurück zum Hindenburgplatz will, hat dem Anliegen der Initiative vermutlich eher geschadet.

Hindenburgplätze gibt es noch immer in neun deutschen Städten, darunter Bonn, Mainz und Lübeck (wenngleich die dortigen Hindenburgplätze bei weitem nicht so groß sind wie der Schlossplatz in Münster). An Hindenburgstraßen herrscht ebenfalls kein Mangel. In Berlin gibt es einen Hindenburgdamm. Auch die Verbindung der Insel Sylt mit dem Festland heißt Hindenburgdamm.

Platz 2: Ernst Thälmann

(Foto: SpreeTom / Wikimedia)

Nach der Wiedervereinigung wurden in Ostdeutschland zahlreiche Straßen umbenannt. Einige Straßennamen haben die Wende allerdings überlebt. Bis heute gibt es im Osten Thälmannstraßen und -plätze.

Ernst Thälmann war von 1925 bis 1933 Chef der KPD. Im März 1933 wurde er von den Nazis verhaftet, im August 1944 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Wie Hindenburg trat er 1925 und 1932 bei der Reichspräsidentenwahl an. Im DDR-Jargon war Thälmann ein "Führer seiner Klasse", ein antifaschistischer Held. In der Regel wurden Viertklässler Mitglied bei den "Thälmannpionieren" und legten dazu folgenden Eid ab: "Ernst Thälmann ist mein Vorbild. Ich gelobe, zu lernen, zu arbeiten und zu kämpfen, wie es Ernst Thälmann lehrt. Ich will nach den Gesetzen der Thälmannpioniere handeln. Getreu unserem Gruß bin ich für Frieden und Sozialismus immer bereit."

Aus bundesdeutscher Sicht war Thälmann nicht so sehr ein Antifaschist, sondern vor allem ein Stalinist. Stärker als die Nazis sah er die Sozialdemokraten, die er "Sozialfaschisten" nannte, als Feinde an. Sein Ziel war die Revolution und die "Errichtung der proletarischen Diktatur" in Deutschland.

Platz 3: Das koloniale Erbe

(Foto: Wikipedia)

Straßennamen mit dubioser Vergangenheit gibt es in Deutschland in ausreichender Zahl. Das macht die Auswahl für diese Liste nicht leicht - Figuren wie Hindenburg und Thälmann stehen hier daher auch als Stellvertreter für andere, weniger bekannte Personen. Noch schwieriger wird es beim kolonialen Erbe. An einer "Togostraße" ist sicherlich nichts auszusetzen. Allerdings erhielt diese Straße im Berliner Stadtteil Wedding ihren Namen 1899, also in der Zeit des deutschen Kolonialismus. 25 Straßen mit afrikanischen Namen gibt es im Wedding, sie bilden das Afrikanische Viertel. Darunter Namen wie die Lüderitzstraße, die Damarastraße oder die Ghanastraße.

Diese Namen haben einen sehr unterschiedlichen Hintergrund. Die Ghanastraße wurde beispielsweise 1958 so genannt, als der ghanaische Premierminister Kwame Nkrumah Berlin besuchte. Die Lüderitzstraße, die es auch in anderen deutschen Städten gibt, würdigt mit Adolf Lüderitz den Mann, der als erster Deutscher Land in Südwestafrika erwarb (wobei er seine einheimischen Geschäftspartner betrog). Nach Lüderitz heißt bis heute eine Stadt in Namibia. Allerdings gibt es auch dort - wie in einigen deutschen Städten mit Blick auf Lüderitzstraßen - Bestrebungen, der Stadt einen anderen Namen zu geben.

Die Damarastraße wiederum erhielt ihren Namen 1937. Man wird davon ausgehen können, dass es den Nationalsozialisten nicht darum ging, der Damara zu gedenken, die von 1904 bis 1908 beim Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika ums Leben gekommen waren. Im Zentrum der Kämpfe standen die Herero und Nama, ebenfalls Volksstämme in Namibia. Dennoch hat die Hererostraße in München eine völlig andere Geschichte als die Damarastraße in Berlin: Sie trägt ihren Namen erst seit 2006, davor hieß sie Von-Trotha-Straße. General Lothar von Trotha wiederum war der deutsche General, der 1904 mit seinem berüchtigten Vernichtungsbefehl den Startschuss für den Völkermord gab.

Platz 4: Carl Diem

(Foto: OTFW / Wikimedia)
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Die Entscheidung der Kommission in Münster fiel einstimmig: Nach Carl Diem sollte keine Straße benannt sein. Diem gilt als "Vater des deutschen Sports", er war Sportfunktionär und Sportwissenschaftler. Von den Nazis wurde er zunächst als "politisch unzuverlässig" betrachtet, er konnte aber dennoch Generalsekretär des Organisationskomitees für die in Berlin bleiben. Als solcher hatte er die Idee, einen Fackellauf von Griechenland zum Austragungsort der Olympischen Spiele zu organisieren - eine Tradition, die bis heute inszeniert wird.

1938 übernahm Diem die Leitung des Olympischen Instituts in Berlin. Sein dreibändiges Werk "Olympische Flamme" gilt "neben den Filmen von Leni Riefenstahl als wichtiges Zeitdokument nationalsozialistischer Sportpropaganda". Im März 1945 rief er bei einer Rede auf dem Olympiagelände in Berlin die deutsche Jugend zum "finalen Opfergang" für Führer und Vaterland auf.

Nach dem Krieg war Diem bis zu seinem Tod 1962 Gründer und Rektor der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Abschied der deutschen Sportfunktionäre von Diem begann spät und dauert an. Die Sporthochschule zog vor Gericht, als der Carl-Diem-Weg vor ihrer Haustür 2006 umbenannt wurde. Rektor Walter Tokarski hielt die Umbenennung für einen "Skandal". Als eine vom Deutschen Olympischen Sportbund in Auftrag gegebene Biographie über Carl Diem zu dem Ergebnis kam, dass Diem heute nicht mehr als Vorbild taugt, reagierte der Verband mit der Erklärung, es gebe "keine Hinweise auf moralisch verwerfliche Entscheidungen oder Handlungen Diems im Dritten Reich".

Noch Anfang 2012 lehnte das DOSB-Präsidium es ab, eine Empfehlung zum Umgang mit dem Namen Carl Diems auszusprechen. In Reutlingen liegt das Carl-Diem-Stadion an der Carl-Diem-Straße, auch in anderen Städten gibt es Carl-Diem-Sportanlagen und -Straßen.

Platz 5: Sedan

In der Schlacht von Sedan im deutsch-französischen Krieg brachten die preußischen Truppen, bei starken eigenen Verlusten, ihrem Gegner am 2. September 1870 eine vernichtende Niederlage bei. 100.000 Franzosen, darunter Kaiser Napoleon III., wurden gefangen genommen. Damit war der Krieg zwar nicht vorbei, aber so gut wie entschieden.

Der Sieg gegen Frankreich gab den letzten Impuls zur Gründung des deutschen Kaiserreichs. Bis zu dessen Ende wurde der 2. September als "Sedantag" gefeiert. Die jährlichen "Sedanfeiern", bei denen Paraden durchgeführt und Reden gehalten wurden, dienten dazu, das Feindbild Frankreich wachzuhalten, das über landsmannschaftliche, soziale und konfessionelle Unterschiede hinweg ein einigendes Band für alle Deutschen bilden sollte.

Wie wichtig die Schlacht von Sedan für das kulturelle Gedächtnis des Deutschen Reichs war, zeigen die zahlreichen Sedanstraßen in Deutschland. Nicht alle haben die Zeit überdauert - in Berlin etwa gab es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs neun Sedanstraßen, eine Sedanbrücke und ein Sedanufer. Immerhin zwei davon sind übrig geblieben.

Platz 6: "Turnvater" Jahn

(Foto: picture-alliance / KNA)

Auch für Friedrich Ludwig Jahn war Hass gegen Frankreich ein zentraler Antrieb. Dem Begründer der deutschen Turnbewegung ging es weniger um Fitness und Wohlbefinden als um Wehrtüchtigkeit. Jahn wollte die deutsche Jugend fit machen für den Kampf gegen die napoleonische Besatzung.

An Jahn erinnern bis heute zahlreiche Denkmäler, unter anderem an der Berliner Hasenheide, wo er 1810 den "Deutschen Bund" gründete und 1811 mit seinen Turnübungen begann. In Freyburg an der Unstrut, wo Jahn 1852 starb, steht das Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum. Vor allem in Ostdeutschland heißen Straßen und Schulen nach Jahn, was auch daran liegt, dass er hier seine Spuren hinterließ: Jahn kam in Brandenburg zur Welt, studierte unter anderem in Halle, Greifswald und Frankfurt (Oder), lebte in Neubrandenburg, in Waren an der Müritz, Jena und Berlin.

Die Nationalsozialisten sahen in Jahn einen der ihren - kein Wunder, sein Motto war "Hass alles Fremden ist des Deutschen Pflicht". Das bezog er auch auf Juden und Polen - vor allem jedoch war Jahn ein "Fanatiker der nationalen Einheit und des Hasses auf Frankreich", so der Historiker Dieter Langewiesche.

Auch für die DDR war Jahn ein Anker in die deutsche Geschichte: Es gab Jahn-Gedenkmünzen, -Straßen und -Briefmarken. Eine Sportanlage im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg heißt seit 1952 Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. 2011 forderte eine Initiative namens "Sport ohne Turnväter" die Umbenennung des Jahn-Sportparks. Bislang ohne Erfolg.

Platz 7: Clara Zetkin

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nach der Wiedervereinigung berief der Berliner Verkehrssenator Herwig Haase eine Kommission, die sich die Straßennamen im Osten der Stadt mal genauer anschauen sollte. Diese Kommission schlug unter anderem vor, der Clara-Zetkin-Straße in Berlin-Mitte ihren alten Namen zu geben.

Der Vorschlag verursachte 1994 einigen Aufruhr, CDU-Mann Haase knickte ein. Heinrich August Winkler, Historiker und Mitglied der Kommission, schäumte. Die PDS habe die "kulturelle Hegemonie im Ostteil der Bundeshauptstadt" gewonnen, schrieb Winkler in der FAZ. "Die Clara Zetkin Straße führt auf den Reichstag, den künftigen Sitz des Deutschen Bundestages, zu", so Winkler. "Dass ausgerechnet diese Straße den Namen einer entschiedenen Gegnerin der parlamentarischen Demokratie und Vorkämpferin einer totalitären Diktatur trägt, erschien der Kommission nicht angemessen."

Ursprünglich war Clara Zetkin Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin, während des Ersten Weltkriegs organisierte sie eine Konferenz gegen den Krieg. Später schloss sie sich den Kommunisten an. Winkler störte sich unter anderem an einem Satz, den sie am 30. August 1932 im Reichstag sagte. An diesem Tag eröffnete sie als älteste Abgeordnete die Sitzung des neugewählten Parlaments und erklärte, sie hoffe "das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongress Sowjetdeutschlands zu eröffnen". Allerdings sagte sie in der Rede auch, es gelte "zunächst und vor allem, den Faschismus niederzuringen"; ihre Kritik an der SPD hielt sich vergleichsweise in Grenzen.

1995 wurde die Clara-Zetkin-Straße schließlich doch umbenannt - Haase hatte sich Winklers Argument mit dem Reichstag vermutlich noch einmal durch den Kopf gehen lassen. An der Straße, die heute (wieder) Dorotheenstraße heißt, liegt das Jakob-Kaiser-Haus, in dem zahlreiche Abgeordnete ihre Büros haben. Die Umbenennung von 1995 war noch umstrittener als der Verzicht darauf im Jahr zuvor. "Vor allem im Westteil der Stadt wollen sich die Christdemokraten als Sieger der Geschichte präsentieren", monierte der "Spiegel".

Platz 8: Manfred von Richthofen

(Foto: picture-alliance / dpa)

Am 21. April 1936, dem "Tag der Luftwaffe", erhielten 16 Straßen im Berliner Bezirk Tempelhof einen neuen Namen. Die längste von ihnen heißt Manfred-von-Richthofen-Straße.

Richthofen, ein deutscher Jagdflieger, bekannt als "Roter Baron", war am 21. April 1918 abgeschossen worden. Auch die anderen 15 Namensgeber des "Fliegerviertels" waren "Fliegerhelden" des Ersten Weltkriegs. Bei der Feierstunde würdigte der Generalinspekteur der Luftwaffe, Erhard Milch, die "Heldennamen", an denen "die Erinnerung an überwältigendes Geschehen, an mannesmutigen Einsatz und an totbereite Pflichterfüllung" hafte.

Nach Manfred von Richthofen sind zahlreiche Straßen in Westdeutschland und Berlin benannt. Auch die Bundeswehr sieht Richthofen als Teil ihrer Tradition: Im niedersächsischen Wittmund befindet sich eine Richthofen-Kaserne.

Platz 9: Chris Gueffroy

(Foto: picture alliance / dpa)

In der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 versucht der 20-jährige Chris Gueffroy zusammen mit einem Freund die Grenze von Ost- nach Westberlin zu überwinden. Sie lösen Alarm aus, als sie unter einem Zaun durchkriechen. Grenzsoldaten eröffnen das Feuer. Gueffroy wird tödlich getroffen, sein Freund überlebt verletzt. Nach der Wiedervereinigung wird der Todesschütze zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Chris Gueffroy ist nicht der letzte Tote an der Berliner Mauer, aber der letzte, der bei der Flucht erschossen wird.

2010 wird die Britzer Allee in Chris-Gueffroy-Allee umbenannt. Die Straße führt von Neukölln nach Treptow - und nur wenige Meter an der Stelle vorbei, wo der junge Mann starb.

Politisch war der neue Name nicht umstritten. Doch in der Kleingartenanlage "Harmonie", in der Gueffroy und sein Freund ihren Fluchtversuch gestartet hatten, kam die Namensänderung "nicht gut an", wie der Chef der Schrebergärtner dem "Tagesspiegel" kurz vor der Umbenennung sagte. Er fand die Namensänderung "unsinnig".

Eine Fußnote, ein weniger prominenter Fall, dabei noch stärker umstritten: In der Nacht zum 22. November 1980 versucht die 18-jährige Marienetta Jirkowsky, nach Westberlin zu fliehen. Auch auf sie wird geschossen. Sie stirbt im Krankenhaus von Hennigsdorf.

Marienetta Jirkowsky hatte ihren Fluchtversuch von Hohen Neuendorf aus gestartet, einer Kleinstadt im Norden von Berlin. 2009 beschließt das Kommunalparlament der Gemeinde, einen bislang namenlosen Kreisverkehr künftig Marienetta-Jirkowsky-Platz zu nennen. Eine Tante des Mädchens meldet sich daraufhin beim Bürgermeister der Stadt und fordert, dass der Beschluss rückgängig gemacht wird. Der Streit wird öffentlich, die Tante schreibt Lesebriefe und gibt Interviews. Der "Superillu" sagt sie, dass es "doch kein Verdienst ist, an der Mauer erschossen worden zu sein". Ein Politikwissenschaftler, der die Geschichte von Marienetta Jirkowsky recherchiert hat, weist darauf hin, dass "Tante Bärbel" seit 1970 für die DDR-Staatssicherheit gearbeitete hatte. Hohen Neuendorfs Bürgermeister, Linkspartei, will ihrem Wunsch dennoch entsprechen. Er wird von den Stadtverordneten überstimmt.

Platz 10: Rudi Dutschke

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im April 1968 schoss ein Hilfsarbeiter auf Rudi Dutschke , den Wortführer der Studentenbewegung in der Bundesrepublik. Er traf ihn zwei Mal in den Kopf. Mehr als elf Jahre später starb Dutschke an den Spätfolgen des Attentats.

Die Studentenbewegung machte Blätter des Axel-Springer-Verlags für den Anschlag verantwortlich. Als Beleg wurden Zitate angeführt wie eines aus "Bild"-Zeitung vom 7. Februar 1968: "Man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen."

2004 schlug die "taz" vor, die Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umzubenennen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg folgte dem Vorschlag. Die CDU sammelte Unterschriften dagegen, die Axel Springer AG klagte. Vergeblich: Ein Bürgerentscheid sowie die Richter sprachen sich für Dutschke aus. Seit 2008 ist die Anschrift des Verlagsgebäudes der "taz" Rudi-Dutschke-Straße 23. Das Gebäude des Springer-Verlags liegt schräg gegenüber. Die Postadresse ist allerdings eine andere: Axel-Springer-Straße 65.

Quelle: n-tv.de