Politik
Michael Avenatti ist - neben Sonderermittler Robert Mueller - vermutlich Trumps schlimmster Alptraum.
Michael Avenatti ist - neben Sonderermittler Robert Mueller - vermutlich Trumps schlimmster Alptraum.(Foto: AP)
Donnerstag, 17. Mai 2018

Anwalt von "Stormy Daniels": Dieser Mann bekämpft Trump wie Trump

Von Hubertus Volmer

Eigentlich ist Michael Avenatti nur der Anwalt einer Pornodarstellerin, die mit Donald Trump streitet. Doch längst kämpft er nicht nur für seine Mandantin, sondern auf breiter Front gegen den US-Präsidenten.

Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 war es First Lady Michelle Obama, die bei Demokraten den stärksten Jubel auslöste. "When they go low, we go high", rief sie auf dem Parteitag, der Hillary Clinton zur Präsidentschaftskandidatin nominierte. Das sollte so viel heißen wie: Wenn Donald Trump auf niedrigstem Niveau attackiert, werden wir noch stärker darauf achten, unsere eigenen Wertvorstellungen nicht zu verraten.

Die Demokraten debattieren derzeit, ob Clintons Wahlniederlage auch an dieser Strategie gelegen haben könnte. Philippe Reines, einer ihrer Berater aus dem Wahlkampf, empfiehlt seiner Partei mittlerweile, es anders zu machen - bei jedem Angriff auf dem gleichen Niveau zurückzuschlagen. Jahrelang habe er dazu geraten, dumme Attacken zu ignorieren, um sie nicht noch aufzuwerten. "Ich hatte unrecht."

Michael Avenatti und seine Mandantin Stephanie Clifford nach einem Gerichtstermin in New York.
Michael Avenatti und seine Mandantin Stephanie Clifford nach einem Gerichtstermin in New York.(Foto: AP)

Innerhalb der Demokraten ist diese Debatte bislang nicht entschieden. Doch ein Mann kämpft exakt so gegen den Präsidenten, wie Reines es sich vorstellt: Michael Avenatti. Der 47-Jährige ist der Rechtsanwalt der Pornodarstellerin Stephanie Clifford, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen "Stormy Daniels". Allein das sichert Avenatti, der nebenbei professioneller Rennfahrer ist, derzeit regelmäßige Auftritte im US-Fernsehen. Er sei allein 60 Mal bei CNN aufgetreten, rechnete Late-Show-Moderator Stephen Colbert vor, als Avenatti kürzlich in seiner Sendung zu Gast war. Warum er das macht? Dies sei halt kein normaler Fall und Trump sei auch kein normaler Prozessgegner, entgegnete Avenatti. Trump sei undiszipliniert und lasse sich dazu verleiten, Fehler zu machen. "Wir haben eine Situation geschaffen, in der die andere Seite einen Fehler nach dem anderen macht", sagte er der "Washington Post".

Für Clifford alias "Stormy Daniels" versucht der stets braun gebrannte und mediengewandte Anwalt derzeit vor einem Gericht in Los Angeles, eine Schweigevereinbarung für ungültig erklären zu lassen. Im Oktober 2016, also kurz vor der Präsidentschaftswahl, hatte Clifford einen sogenannten Geheimhaltungsvertrag unterzeichnet, in dem sie zusicherte, nicht über eine Affäre zu sprechen, die sie - angeblich - 2006 mit Trump hatte. Vor Gericht argumentiert Avenatti, diese Vereinbarung sei ungültig, da Trump sie nicht selbst unterzeichnet habe.

Avenatti macht Trump zu einem Getriebenen

Schon das Einreichen der Klage gegen den Präsidenten war eine Niederlage für Trump. Damit ist nicht nur sichergestellt, dass die Medien ausführlich über den Fall berichten. Jetzt sind auch die Behörden eingeschaltet. Anfang April durchsuchte das FBI das Büro von Trumps Anwalt Michael Cohen. Er war es, der Clifford 130.000 Dollar überwiesen und so vermutlich ihr Schweigen erkauft hatte.

Trumps Umgang mit der Klage war höchst widersprüchlich - fehlerhaft, um mit Avenatti zu sprechen. Als im Januar durch einen Bericht des "Wall Street Journal" bekannt wurde, dass Clifford 130.000 Dollar bekommen hatte, stritt Cohen noch ab, dass es jemals diese Affäre gegeben hätte. Später bestätigte er die Zahlung, behauptete aber, es habe sich um sein eigenes Geld gehandelt. Das allerdings warf die Frage auf, ob die Überweisung eine illegale Wahlkampfspende war.

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Trump selbst äußerte sich erstmals im April zu dem Fall. Er habe nichts von den 130.000 Dollar gewusst und wisse auch nicht, warum sein Anwalt sie überwiesen habe. Drei Tage später fand die Durchsuchung bei Cohen statt. Für Trump besonders unangenehm: Berichten zufolge gibt es einen indirekten Zusammenhang zu den Untersuchungen von Sonderermittler Robert Mueller. Laut "New York Times" soll Mueller den New Yorker Ermittlern Informationen gegeben haben, die zu der Durchsuchung führten. Anfang Mai schließlich erzählte Trumps neuer Rechtsanwalt Rudy Giuliani in einem Interview mit Fox News, dass Trump Cohen die 130.000 Dollar erstattet habe. Von der Vereinbarung mit Clifford habe Trump gewusst, ohne jedoch die Details zu kennen.

Dass Trump in diesem Fall wie ein Getriebener wirkt, der sich in Unstimmigkeiten verstrickt und nur scheibchenweise zugibt, was sich nicht leugnen lässt, liegt vor allem an Avenatti, der die Medien immer wieder mit großen und kleinen Informationen füttert. Bei Stephen Colbert präsentierte er einen Bankauszug, der beweisen soll, dass Trump Cohen nicht wird begnadigen können, sollte dieser verurteilt werden. Vor gut einer Woche gelang ihm sein bislang größter Coup: Am 8. Mai veröffentlichte Avenatti einen siebenseitigen Bankbericht, aus dem hervorgeht, dass Cohen 500.000 Dollar von dem russischen Oligarchen Viktor Vekselberg erhalten hat. Das Geld wurde an die Strohfirma überwiesen, die Cohen schon benutzt hatte, um Clifford zu bezahlen. Auch vom Schweizer Pharmakonzern Novartis und dem US-Mobilfunkkonzern AT&T erhielt Cohen demnach Geld. Der Anwalt, der über Jahre Trumps Problemlöser war, ist für diesen nun selbst zum Problem geworden.

"Ein juristischer Pitbull"

Wie Avenatti an seine Informationen kam, ist unbekannt. Das US-Finanzministerium untersucht, ob die Informationen illegal weitergegeben wurden. Sein Vorgehen war in jedem Fall unorthodox. Normalerweise hätte ein Anwalt solche Informationen diskret an einen Journalisten weitergegeben. Avenatti machte es anders. Er veröffentlichte den Bericht auf Twitter.

Sein aggressiver Stil - die "New York Times" nennt ihn einen "juristischen Pitbull" - hat Avenatti zu einem Teil der Geschichte gemacht, so sehr, dass konservative Medien seine Vergangenheit untersuchen. Die Nachrichtenseite "The Daily Caller" veröffentlichte einen Artikel über die Pleite einer Kaffeehauskette, die Avenatti zusammen mit Ex-"Grey's Anatomy"-Star Patrick Dempsey gegründet hatte. Die beiden trennten sich im Streit, auch andere Geschäftspartner warfen dem Anwalt offenbar vor, sie auf Schulden sitzen gelassen zu haben. Den Journalisten, die die Geschichte geschrieben hatten, drohte Avenatti mit einer Klage. "Wenn Sie glauben, dass ich es nicht ernst meine, dann wissen Sie nichts über mich", schrieb er in einer Mail, die einer der beiden, Peter Hasson, veröffentlichte.

Drohungen und Einschüchterungsversuche - das ist so ziemlich dasselbe Vorgehen, das Avenatti Trump vorwirft. Und auch sonst gibt es einige Parallelen zwischen den beiden: Wie der Präsident nutzt Avenatti exzessiv Twitter, um im Gespräch zu bleiben und seine Gegner zu stalken. Mehrfach täglich kommentiert er, was Trump, Cohen oder Giuliani gerade gemacht haben. In einer Umfrage rief er seine Follower dazu auf, zu entscheiden, ob er weiterhin im Fernsehen auftreten solle, um "korrekte Informationen" zu veröffentlichen. (93 Prozent sind dafür.)

Avenattis eigentlicher Fall - der Streit um den Geheimhaltungsvertrag - ist bei alldem längst in den Hintergrund getreten. Dem Anwalt scheint das nichts auszumachen. Ihm geht es ohnehin um mehr. "Ich bin zuversichtlich, dass wir den Fall gewinnen werden", sagte er beim Late-Night-Talker Stephen Colbert. Und er glaube, "dass der Präsident seine Amtszeit nicht zu Ende bringen wird".

Für solche Sätze wird Avenatti von einem Teil der US-amerikanischen Öffentlichkeit bejubelt - von radikalen Trump-Gegnern, die den Präsidenten lieber über eine Pornodarstellerin stolpern sähen als über einen drögen Sonderermittler. Es wäre das Gegenteil von dem, was Michelle Obama forderte. Philippe Reines jedenfalls, Clintons ehemaliger Wahlkampfberater, ist ein Fan von Avenatti. "High Schools werden nach Ihnen benannt werden", schrieb er dem Anwalt auf Twitter.

Quelle: n-tv.de