Politik

Keine Corona-Trendwende sichtbar Divi-Chef sieht "wirkliche Krisensituation"

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Intensivmediziner Uwe Janssens sieht viele Kolleginnen und Kollegen "an ihre Grenzen" kommen.

(Foto: imago images/photothek)

Uwe Janssens macht zögernden Länderchefs und feierwilligen Bürgern denselben Vorwurf: fehlende Solidarität. Nach Weihnachten würden viele Omas "allein im Krankenhaus sterben", sagt der Intensivmediziner und plädiert für strenge Maßnahmen.

"Wir haben jetzt eine wirkliche Krisensituation", - einen solchen Satz hat man von Uwe Janssens bislang noch nicht gehört. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) sieht die aktuelle Entwicklung bei der Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle mit Sorge - wie viele Kollegen inzwischen. Er sei sehr enttäuscht, dass es überhaupt zur jetzigen Lage kommen musste, sagte Janssens. "Die Warnungen waren ja schon lange da."

Der Ärztevertreter sieht ein Problem bei den zu zögerlich und uneinheitlich reagierenden Ministerpräsidenten der Länder. "Wir sind da gerade ein Stück weit im Föderalismus gefangen." Es sei unsolidarisch, dass bestimmte Ministerpräsidenten bei den nötigen Verschärfungen des Teil-Lockdowns nicht mitzögen. "Wünschenswert wäre, eine klare und bundesweit einheitliche Regelung für vier, fünf Wochen oder wenn nötig auch länger durchzuziehen."

Nicht nachvollziehbar sei die Idee, einen verschärften Lockdown erst nach Weihnachten oder Silvester ansetzen zu wollen. "Die Mitarbeiter auf den Intensivstationen kommen an ihre Grenzen, viele sind sehr enttäuscht vom Verhalten der Politiker, aber auch der Bevölkerung", sagte Janssens. Die Pflege von Covid-19-Intensivpatienten bedeute immensen Aufwand, den das Personal auch an den Feiertagen leisten müsse und werde.

Dass ein großer Teil der Bevölkerung nach Umfragen Familientreffen wie gehabt stattfinden lassen wolle, sei in höchstem Maße unsolidarisch, betonte der Mediziner. "Ich habe größtes Verständnis für den Wunsch, dass man die Oma zu Weihnachten sehen möchte, damit sie nicht einsam ist", so Janssens. Doch jedem müsse klar sein, dass es nach den Feiern an Weihnachten viele Omas mehr geben werde, die letztlich allein im Krankenhaus sterben.

Steigende Fallzahlen bedeuten viel Leid

"Durch die mangelnde Solidarität sterben mehr Menschen, das muss klar sein", sagte Janssens. Dahinter stünden immer neue schlimme Einzelschicksale. "Wie viel Leid die steigenden Fallzahlen bedeuten, ist vielen nicht bewusst." Die Vereinigung Divi unterstütze darum die Forderung der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina nach einem harten Corona-Lockdown vollauf. Dem Vorschlag zufolge sollten die Feiertage und der Jahreswechsel genutzt werden, um die Infektionszahlen mit einem harten Lockdown schnell zu verringern.

Auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hält strengere Corona-Restriktionen für unvermeidbar, da keine Trendwende erkennbar sei. Die in einigen Regionen bereits beschlossenen Maßnahmen für einen Lockdown seien zweifellos mit Härten verbunden, emotional und für viele auch finanziell. "Ich sehe aber keine vernünftige Alternative", sagte die Gewerkschaftschefin Susanne Johna der "Rheinischen Post". Die Infektionszahlen müssten jetzt gesenkt werden, "damit weniger Menschen erkranken, weniger Menschen ins Krankenhaus kommen und weniger Menschen an Covid-19 versterben".

Die Chefin des Marburger Bundes betonte, Ärzte arbeiteten an jedem Tag der Woche, auch an Weihnachten, rund um die Uhr für die Gesundheit der Menschen. "Mein Appell richtet sich daher an alle Bürgerinnen und Bürger: Jetzt können Sie uns und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen helfen, indem Sie Ihre Kontakte erheblich einschränken - auch an Weihnachten und Silvester." Nur dann gebe es "auch in den nächsten Wochen die personellen Kapazitäten, alle Patientinnen und Patienten mit ernsthaften Erkrankungen gut behandeln zu können".

Quelle: ntv.de, fni/dpa/AFP

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