Politik

Grüner Dahmen im "ntv Frühstart" "Dritte Welle könnte schlimmer werden als zweite"

Vor den Bund-Länder-Verhandlungen fordert Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen ein hartes Einschreiten - sonst werde die Corona-Lage dramatisch. Von Ausgangssperren hält der Oberarzt indes genauso wenig wie von Schulschließungen.

Der Gesundheitsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Janosch Dahmen, warnt davor, den wieder deutlich steigenden Infektionszahlen zu zögerlich zu begegnen. "Wenn wir immer darauf warten, erst perfekt und sicher zu sein, bevor wir überhaupt etwas tun, dann wird diese dritte Welle schlimmer als die zweite", sagte Dahmen in der ntv-Sendung "Frühstart". Er kritisierte Politiker, die sich trotz der Infektionslage gegen schärfere Maßnahmen oder für Öffnungen aussprechen. "Wer jetzt nicht handelt, in einer solch offensichtlichen Situation, in einer dritten Welle, wo 3000 Menschen schon wieder auf den Intensivstationen liegen, die Zahlen wieder exponentiell wachsen, der hat das Prinzip nicht verstanden."

Das Virus sei uns nicht nur auf den Fersen, sondern zwei bis drei Schritte voraus, so Dahmen. "Nur wenn wir jetzt einschreiten, mit einer Notbremse, die ihren Namen verdient und nicht bedeutet, dass der Zug einfach weiterfährt, werden wir überhaupt eine Chance haben." Dahmen, der selbst Oberarzt ist, hält es für möglich, dass bald auf den Intensivstationen mehr Menschen liegen als jemals zuvor in dieser Pandemie - darunter viel mehr jüngere.

Nur ein sehr kleiner Anteil der Bevölkerung ist bisher geimpft. "Das heißt, es werden viele Menschen deutlich kränker werden", sagte Dahmen, der bis zum Herbst noch in Berlin die Notarzteinsätze der Berliner Feuerwehr koordinierte. Er befürchtet neben vielen Todesfällen auch viele Patienten mit Langzeitschäden durch Covid-19.

Ausgangssperren "das wenig wirksamste Mittel"

Ab Montagnachmittag werden Bund und Länder wieder über die Corona-Maßnahmen diskutieren. Ein Vorschlag aus dem Kanzleramt sieht eine nächtliche Ausgangssperre in Hotspots vor. Die aber hält Grünen-Politiker Dahmen für "unspezifisch". "Ausgangssperren sind das wenig wirksame und letzte Mittel in einer Kette von Dingen, die jetzt dringend erforderlich sind." Das größere Risiko bestehe tagsüber, in einem "scheinbaren Alltag" in der Fußgängerzone, im Baumarkt oder in der U-Bahn. Versprochene Öffnungen müssten zurückgenommen werden. "Wir können uns Öffnungen nur noch da überhaupt leisten, wo wir ein Sicherheitsgeländer haben." Dieses bestehe aus FFP2-Masken, Schnelltests und digitaler Kontaktnachverfolgung.

Dahmen sprach sich dagegen aus, Schulen wieder flächendeckend überall dort zu schließen, wo zu wenig Schnelltests vorhanden und die Inzidenz zu hoch ist. So steht es in der Beschlussvorlage aus dem Kanzleramt für die Bund-Länder-Gespräche. "Es kann nicht sein, dass die Baumärkte offen sind, die Menschen nach Mallorca fliegen, aber Schule weiter nicht möglich wird", so Dahmen. "Das ist absolut unsozial. Und ist es auch irrational, für die Zukunft dieses Landes." Man habe sich als Gesellschaft verständigt, die Schwächsten zu schützen. Dazu gehörten die Kinder. Schnelltests müssten prioritär in die Schulen und Kitas kommen. "Schulen müssen als allerletztes zumachen und sie müssen immer das erste sein, was auch wieder aufmacht."

Strengere Arbeitsplatz-Regeln

Dahmen forderte schärfere Regeln für die Arbeit. Dort brauche es wöchentlich zwei Schnelltests pro Mitarbeiter. An allen Arbeitsplätzen, an denen Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen, müssten sie durchgehend Masken tragen. Das könne sogar notwendig sein, wenn Menschen allein im Büroraum säßen, Lüftungsanlagen das Virus aber durch die Räume trügen. An vielen Arbeitsplätzen gebe es Hygienekonzepte, die in der ersten Welle gereicht hätten, gegen das mutierte Virus aber nicht mehr funktionierten.

Auf die Frage, zu wann die Impfkampagne scharfe Lockdown-Maßnahmen überflüssig machen könnte, peilte der Grünen-Politiker den Frühsommer an. "Wenn wir jetzt schneller sind beim Impfen, dann ist die Situation im Mai der 'Turning Point', der uns in den Monaten Juni, Juli, August eine deutlich bessere Situation verschaffen könnte."

Dafür müsse man aber beim Impfen in den "24/7-Modus" kommen. In vier bis sechs Wochen werde es deutlich größere Impfstoff-Lieferungen geben. Darauf müsse Deutschland vorbereitet sein. "Impfstoff, der im Kühlschrank liegt, der macht uns nicht nur nicht immun gegen das Virus, er blamiert uns auch vor der Rest-Welt, die dringend, wie wir, auf den Impfstoff wartet."

Quelle: ntv.de, psc/shu

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