Politik

Fünf Jahre Odessa-Tragödie Dutzende Tote, verschleppte Ermittlungen

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2. Mai 2014: Es brennt in Odessa. Die Ermittlungen zu den tödlichen Zusammenstößen verlaufen bis heute schleppend.

(Foto: REUTERS)

Die Odessa-Tragödie jährt sich zum fünften Mal: 48 Menschen kamen am 2. Mai 2014 bei Zusammenstößen zwischen proukrainischen und prorussischen Demonstranten ums Leben. Die Ermittlungen haben bisher wenig ergeben.

Am 2. Mai 2014 sollte im südukrainischen Odessa, der nach Kiew und Charkiw drittgrößten Stadt des Landes, lediglich ein Fußballspiel ausgetragen werden. Die Gastgeber, Tschornomorez Odessa, empfingen Metalist Charkiw - das Duell der Teams aus der oberen Hälfte der ukrainischen Premjer-Liha war durchaus ein Top-Spiel. Doch an die Begegnung selbst, die übrigens mit einem Unentschieden zu Ende ging, erinnert sich heute keiner mehr. Denn der 2. Mai markiert neben dem Donbass-Krieg eine der größten Tragödien der andauernden Ukraine-Krise. 48 Menschen sind infolge der Zusammenstößen zwischen den proukrainischen und den prorussischen Aktivisten ums Leben gekommen, mehr als 200 Menschen wurden dabei verletzt.

Fünf Jahre später herrscht wenig Klarheit darüber, was an dem tragischen Tag wirklich passierte. Die Fans von Tchornomorez und Metalist wollten ursprünglich zusammen mit den anderen proukrainischen Kräften im Rahmen eines "Marsches für die Einheit der Ukraine" zum Stadion laufen. Die prorussischen Aktivisten hatten aber ihrer Darstellung zufolge einen Angriff erwartet und wollten deswegen durch die Parallelstraße gehen. Die Polizei konnte die Kontrahenten nicht lange voneinander trennen. Und so kam es bald zur direkten Auseinandersetzung der beiden Seiten, zum Teil mit Einsatz von Molotow-Cocktails. Schließlich wurde ein proukrainischer Demonstrant von einem prorussischen Aktivisten erschossen, was zur Zuspitzung der Zusammenstöße auf dem Griechenland-Platz führte. In dieser ersten Phase starben dann noch fünf Menschen, die zu unterschiedlichen Konfliktparteien gehörten, durch Schüsse.

Am Abend wird der Kulikow-Platz - das Lager der prorussischen Kräfte, der sogenannte Antimaidan - zum Zentrum der Auseinandersetzung. Ein Teil der Antimaidan-Anhänger, der den Platz wie die anderen kurz vorher verlassen hat, verbarrikadiert sich im Gewerkschaftshaus. Das Zeltlager und die vor dem Haus errichtete Barrikade brennt. Später beginnt ein Brand im Gewerkschaftshaus selbst, während die Kämpfe zwischen den Konfliktparteien weitergehen. Am Ende sterben 34 Menschen durch den Brand und 8 weitere bei dem Versuch, aus dem Gewerkschaftshaus zu springen und sich damit noch zu retten.

Symbolbild "Menschenverbrennung von Odessa"

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Am Tag nach dem Brand: Polizei und ein prorussischer Aktivist am 3. Mai 2014 vor dem Gewerkschaftshaus in Odessa.

(Foto: REUTERS)

Die genauen Brandursachen sind bis heute unklar. Die Ermittlungen dazu, in der nach wie vor fast ausschließlich die Opfer identifiziert wurden, gilt als katastrophal. Aber nicht nur dieser Teil bleibt bislang unaufgeklärt: Vieles in Zusammenhang mit der gesamten Tragödie ist im Dunkeln.

Dass die mit großem Abstand meisten Opfer aus dem Antimaidan-Lager kamen, das offiziell für die Föderalisierung der Ukraine kämpfte, jedoch offen prorussisch war, gab den prorussischen Separatisten im ostukrainischen Donbass einen wichtigen Impuls. Dort begann der bewaffnete Konflikt gerade. Auch die russischen Staatsmedien nutzten die "Menschenverbrennung von Odessa" als wichtiges Symbolbild in ihrer Verurteilung des Machtwechsels in der Ukraine im Laufe der Maidan-Revolution. Die gerne benutzten Parallelen zum Zweiten Weltkrieg, etwa zum SS-Massaker im belarussischen Chatyn, waren ein Propaganda-Geschenk für den Kreml, der die Maidan-Revolution ohnehin längst zum faschistischen Putsch stilisierte.

UN: "Extrem langsame Verfahren"

In seinem bislang letzten Bericht zur Menschenrechtslage in der Ukraine stellte das Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte der UN erneut extrem langsame Verfahren fest. "Stand 15. Februar 2019, fast fünf Jahre nach diesen Ereignissen, die zum Tod von 48 Menschen führten, ist niemand unter den Staatsbeamten zur Verantwortung gezogen." Dabei bleibt das Nichteingreifen der Polizei auf dem Kulikow-Platz äußerst umstritten. Vom UN-Büro wird auch der fehlende Fortschritt im Verfahren gegen den einzigen proukrainischen Aktivisten, dem ein Mord vorgeworfen wird, bedauert. Die Gerichtssitzungen zu dem Fall würden unter anderem von seinen Mitstreitern verhindert. Auch insgesamt sind die bisherigen Ergebnisse sehr dünn. Nach fünf Jahren wurden etwa nur zwei Antimaidan-Mitglieder gerichtlich verurteilt.

"Die Bewohner von Odessa sollen wissen, wem was vorgeworfen wird, völlig abgesehen davon, welche politischen Farben der konkrete Verdächtige trägt", hat der scheidende ukrainische Präsident Petro Poroschenko in den letzten fünf Jahren stets behauptet. Woran scheitern also konkret genauere Ermittlungen? Ein wichtiger Faktor ist dabei wohl, dass die lokalen Sicherheitsbehörden von Odessa damals keine gute Figur abgaben. Die örtliche Polizei stand aus der Sicht der proukrainischen Aktivisten immer im Verdacht, mit prorussischen Demonstranten zu sympathisieren. So hält sich etwa der in der Ermittlung prominent vorkommende stellvertretende Polizeichef des Regierungsbezirks Odessa, Dmytro Futschedschy, in Moskau und Transnistrien auf, der damalige regionale Katastrophenschutzchef soll sich auf der von Russland annektierten Krim befinden. Der Einfluss des Ende Mai 2014 gewählten Bürgermeisters Hennadij Truchanow, der Medienberichten zufolge bis zuletzt auch die russische Staatsbürgerschaft besaß, soll ebenfalls nicht gering gewesen sein.

Dmytro Golowin, der Ende April 2019 zurückgetretene Polizeichef des Bezirks Odessa, glaubt dennoch nicht, dass die Ermittlungen hoffnungslos sind. "Einige Verdächtige befinden sich im südukrainischen Mykolajiw und warten auf ihre Urteile. Andere wurden in der Tat bereits freigesprochen", erzählt Golowin im Interview mit der unabhängigen ukrainischen Nachrichtenseite "Hromadske". "Mehr als 15 Personen werden gesucht. Aber wer denkt, dass es demnächst nur Freisprüche geben wird, irrt sich." Bisher wurden 19 Verdächtige freigesprochen.

Vor Ort in Odessa haben die Menschen trotzdem längst die Hoffnung verloren, jemals die Wahrheit zu erfahren. "Alle werden bei ihren Versionen bleiben", meint die 53-jährige Ärztin Angelina. "Beide Seiten tragen die Mitschuld und keiner will es zugeben", sagt auch Witalij aus Odessa. Die Trauerveranstaltungen zum fünften Jahrestag werden am Donnerstag von 2400 Polizisten bewacht. Nicht nur bei der Polizei hofft man darauf, dass sie ohne weitere Zusammenstöße zu Ende gehen.

Quelle: n-tv.de