Politik

Jeder Arzt kann alle Daten sehen E-Patientenakte startet mit großem Manko

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Die elektronische Patientenakte kommt, doch zu Beginn können Patienten nicht selbst bestimmen, welcher Arzt, welche Informationen einsehen kann.

(Foto: imago stock&people)

Soll ein Physiotherapeut einsehen dürfen, ob seine Patientin zuletzt einen Schwangerschaftsabbruch vornahm? Das wird sich bei der Einführung der elektronischen Patientenakte erst einmal nicht verhindern lassen. Die würde damit ihr wichtigstes Ziel verfehlen.

Die kommende elektronische Patientenakte wird einem Medienbericht zufolge zunächst eine entscheidende technische Einschränkung haben. Anders als geplant werde es für Patienten am Anfang nicht möglich sein auszuwählen, welche ihrer persönlichen Informationen ein Arzt, Apotheker oder Therapeut einsehen darf und welche nicht, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Die elektronische Patientenakte soll von 2021 an für jeden Patienten in Deutschland zur Verfügung stehen.

Laut "SZ" werde beispielsweise ein Physiotherapeut, der Einblick in die elektronischen Daten des Orthopäden brauche, auf diese Weise auch über den letzten Schwangerschaftsabbruch einer Patientin informiert. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink, sieht darin ein echtes Problem für die Akzeptanz der elektronischen Akte in der Bevölkerung und unter den Ärzten.

Gesundheitsminister Jens Spahn. Foto: Kay Nietfeld/Archivbild

Setzte Gesundheitsminister Jens Spahn die Frist für die E-Akte zu knapp?Das sollen Mitarbeiter des Projektes gesagt haben. Foto: Kay Nietfeld/Archivbild

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Wenn Patienten in Zukunft ihre elektronische Akte nutzen und zum Beispiel vermeiden wollen, dass ihr Zahnarzt die Informationen vom Urologen lesen kann, haben sie demnach zwei Möglichkeiten: Entweder, sie verbieten dem Urologen, ihre Untersuchungsergebnisse in die Akte zu schicken - dann kann später aber niemand diese Unterlagen nutzen, auch nicht das Krankenhaus oder der Hausarzt. Oder sie verbieten dem Zahnarzt den Zugriff auf die Akte. In dem Fall erfährt er auch nichts über frühere Behandlungen.

Großes Ziel würde verfehlt

Übrig bliebe laut "SZ" dann nur noch ein Bereich in der elektronischen Akte, in dem Patienten Artikel oder Daten aus einer Gesundheitsapp abspeichern können. Doch mit solchen Informationen können Ärzte im Zweifel nicht viel anfangen. Das große Ziel der elektronischen Akte, die Fall- und Einrichtungsübergreifende Kommunikation zu verbessern, würde damit verfehlt.

Die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik), die für die Entwicklung der Akte verantwortlich ist, erklärte auf Nachfrage, eine "differenzierte Rechtevergabe soll in Folgestufen umgesetzt werden". Wann genau Patienten die elektronische Akte wirklich individuell einstellen und bestimmte Informationen für sich behalten können, sollen nun die Gesellschafter der Gematik entscheiden, hieß es. Zu den Gesellschaftern gehört laut "SZ" seit vergangener Woche auch das Bundesgesundheitsministerium, das mit 51 Prozent eingestiegen sei.

Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" sagten Vertreter der Gematik mehreren Abgeordneten, der Grund für die technischen Abstriche sei die kurze Frist gewesen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ihnen gesetzt hatte. Aufgrund dieses Zeitdrucks habe man sich entschieden, die Patientenakte Anfang 2021 erst einmal einzuführen und dann die Rechte für Patienten nachzuliefern.

Ministerium: Patienten entscheiden über Einblick

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums betonte nun: "Der Patient kann entscheiden, welchem Arzt er Einblick in die elektronische Patientenakte gibt." Mit Einwilligung des Patienten habe der Arzt dann Einblick in alle Daten. Diese Entscheidung treffe der Patient "genauso freiwillig, wie er bei einer normalen Anamnese Auskünfte über seine bisherigen Vorerkrankungen gibt". Ziel sei es, "die Möglichkeiten des Datenzugriffs bei der Weiterentwicklung der elektronischen Patientenakte zu modifizieren", so der Sprecher.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erklärte, dass zuerst die Sicherheit der Daten in der elektronischen Patientenakte geregelt werde. "In der zweiten Stufe werden die Versicherten dann individuell entscheiden können, welche Gesundheitsdaten in der Akte von wem gesehen werden dürfen", so GKV-Sprecher Florian Lanz. Auch er betonte, dass allein der Versicherte entscheide, "welche Gesundheitsdaten von ihm überhaupt in die elektronische Patientenakte kommen".

Quelle: n-tv.de, vpe/AFP