Politik

Sowjetische Denkmäler beschmiert Ehrenmal ist auch für Ukrainer "heilig"

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Stein des Anstoßes: Zweimal hintereinander brachten Unbekannte am sowjetischen Ehrenmal im Berliner Treptower Park Schriftzüge an.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine kommt es zu Schmierereien an Denkmälern mit sowjetischem Bezug. In Berlin werden wiederholt Abrissforderungen laut. Das ignoriert nicht nur historische Gegebenheiten - es spielt sogar Putins Narrativen in die Karten.

In weißer Farbe prangten die Wörter "Mörder" und "Orks" an den Säulen des Eingangstores zum sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow, stellte die Polizei in der Nacht zum Montag fest. Als "Orks", eigentlich die Schergen des Bösen aus "Herr der Ringe", werden in der Ukraine mitunter die russischen Truppen bezeichnet. Das monumentale Abbild des Soldaten, der siegreich über einem zerschmetterten Hakenkreuz posiert, ist damit erneut zur Projektionsfläche einer an Moskau gerichteten Botschaft geworden. Erst anderthalb Wochen zuvor waren Anti-Kriegs-Parolen am Sockel der Statue aufgetaucht, die 1949 zu Ehren der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Roten Armee errichtet wurde.

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Die Schmierereien im Treptower Park wurden zunächst notdürftig überstrichen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die russische Botschaft lief damals Sturm gegen den "eklatanten Vandalismusakt" und forderte, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Berlins Innensenatorin Iris Spranger kündigte an, ein Schutzkonzept einzuführen - offenbar nur mit mäßigem Erfolg. Doch nicht nur Russland war empört. Auch der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk verurteilte die Schmierereien ausdrücklich. Das Ehrenmal sei "für uns Ukrainer heilig", sagte Melnyk. Es seien "insgesamt über drei Millionen ukrainische Soldaten" im Zweiten Weltkrieg gefallen. Der Botschafter mutmaßte sogar, es habe sich um eine bewusste Provokation gehandelt, um die Ukraine zu diskreditieren.

Nicht nur der an ihnen vorgenommene Vandalismus, auch die Reaktionen darauf zeigen: Denkmäler sind mehr als reine Objekte des Gedenkens, sondern höchst politisch. Seit jeher ist historische Erinnerung ein Ausdruck von Macht, an dem sich gesellschaftliche Konflikte entladen. Das machten auch die Anti-Rassismus-Proteste im Jahr 2020 deutlich, als in Großbritannien und den USA reihenweise Statuen von Figuren aus der Kolonialzeit vom Sockel gestürzt wurden.

"Russland erhebt Monopol auf Erinnerung"

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine werden in Berlin und anderen Städten Deutschlands Denkmäler mit Bezug zur Sowjetunion zu Angriffszielen. Die Verknüpfung scheint auf den ersten Blick nicht weit hergeholt. Schließlich nutzt der russische Machtapparat die ehemalige UdSSR für seine Propaganda, etwa wenn Präsident Putin den Zerfall des Riesenreichs als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnet. "Russland sieht sich als einzig legitime Nachfolge der Sowjetunion und erhebt ein Monopol auf die Erinnerung", erläutert Matthäus Wehowski im Gespräch mit ntv.de.

Wenn Putin offen mit sowjetischen Großmachtfantasien hausiere, "ist das aus Russlands Perspektive ein Symbol, zu sagen, wir kehren zu alter Größe, zu alter Macht zurück", so der Historiker vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung. "Putin legitimiert seinen Angriffskrieg, indem er sagt: Jeder, der in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion Russisch spricht oder russische Vorfahren hat, ist Russe." Dabei war die Sowjetunion ein Vielvölkerstaat, geprägt von einer national diversen Gesellschaft. Die gefallenen Soldaten der Roten Armee stammten millionenfach aus dem Baltikum, aus Belarus, Zentralasien und nicht zuletzt aus der Ukraine, erklärt Wehowski. "Diese werden ausdrücklich durch die Denkmäler geehrt."

Die von Putin bewusst unterkomplex gehaltene Darstellung sieht der Experte auch in Teilen der deutschen Öffentlichkeit und Politik. "Wenn in Deutschland gesagt wird, circa 27 Millionen Russen seien im Kampf gegen Hitler-Deutschland gestorben, ist das falsch, denn es geht um Sowjetbürger", betont Wehowski. Dieser Trugschluss dürfte dazu beitragen, dass Menschen ihre politischen Botschaften auf sowjetischen Denkmälern anbringen. Auch wenn die Intention vermutlich eine andere ist: Mit solchen Aktionen wird das völkische Narrativ der russischen Propaganda bedient.

Abrissforderungen mehren sich

Der deutsche Umgang mit Erinnerungskultur dreht sich längst nicht mehr nur um nächtliche Farbschmierereien. Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus forderte jüngst, zwei Panzer, die das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Tiergarten flankieren, als Reaktion auf den Angriffskrieg abzumontieren. Der Berliner Senat kassierte den Vorstoß zum einen mit Verweis auf die 2+4-Verträge, die Deutschland zur Pflege der sowjetischen Ehrenmale verpflichten. Berlins Umweltsenatorin Bettina Jarasch merkte an, dass auch etliche ukrainische Rotarmisten im Kampf gegen Nazi-Deutschland starben.

Ende März nahm die CDU im Berliner Bezirk Pankow ein weiteres Monument ins Visier. In einem Antrag forderte sie den Abriss des Ernst-Thälmann-Denkmals im Stadtteil Prenzlauer Berg. Die überlebensgroße Büste des Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands zur Zeit der Weimarer Republik sei "höchst kritisch" zu sehen. Die Partei verwies etwa auf die integrierte Darstellung der sowjetischen Flagge sowie von Hammer und Sichel, was "Hohn und Spott für alle ukrainischen Menschen" darstelle, die derzeit vor dem russischen Überfall fliehen. Der Antrag fand jedoch keine Mehrheit. "Der Zusammenhang mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine erschließt sich nicht", erklärte etwa die SPD-Fraktion.

Einordnen statt Einstampfen

"Denkmäler haben grundsätzlich eine emotionale Wirkung", sagt Wehowski. "Im Spannungsfeld des aktuellen Krieges werden sie mit neuer Deutung gefüllt." Daraus speisen sich "Überreaktionen" wie Abrissforderungen oder Farbschmierereien. "Dass man sich nun an diesen Denkmälern abarbeitet, könnte mit einem Gefühl der Ohnmacht zusammenhängen, weil man nicht weiß, was man sonst tun soll", schlussfolgert der Experte.

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"Ein Abriss schafft nur neue Mythen", sagt auch Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg im "Tagesspiegel". "Man sollte sich damit auseinandersetzen: Was ist tatsächlich passiert? Wo liegen die Tatsachen und was ist ideologischer Mythos?", so Drachenberg. Erst durch eine tiefergehende Beschäftigung mit den "Originalen ihrer Zeit können wir lernen, diese Zeit überhaupt und besser zu verstehen." Das müsse professionell, transparent und mit viel Kommunikation geschehen.

Eine historische Einordnung ist essenziell im Umgang mit Erinnerungskultur, findet auch Wehowski. "Bei allen Verbrechen, die durch den Stalinismus begangen wurden, gehört dazu: Die Rote Armee wurde auch zu Recht gefeiert, ohne sie wäre Hitler nicht besiegt worden." Diese unterschiedlichen Deutungen gelte es herauszuarbeiten. Der Historiker macht deutlich: "Wenn sowjetische Ehrenmale beschmutzt oder zerstört werden, ignoriert das nicht nur die Millionen Gefallenen aus der Ukraine und anderen Staaten, zu denen auch Vorfahren von Präsident Selenskyj zählen. Man geht auch Putins Propaganda auf den Leim."

Quelle: ntv.de

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