Politik

Auf der Berliner Corona-Demo Ein Bläschen für jeden

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Corona-Protest am Brandenburger Tor.

(Foto: dpa)

Schwarz-weiß-rote Fahnen wehen neben israelischen Flaggen, rechtsradikale QAnon-Anhänger demonstrieren im Schatten von Regenbogen-Regenschirmen. Der gemeinsame Nenner der Corona-Demonstranten in Berlin: "Wir lassen uns das nicht länger bieten."

Aus den Lautsprechern am Brandenburger Tor dröhnt der Song "Gekommen um zu bleiben" von Wir sind Helden, einer Band, die eher im linksliberalen Milieu zuhause ist. Neben Regenbogenfahnen und Regenbogen-Regenschirmen wehen mehrere schwarz-weiß-rote Flaggen. Gemeinsam protestieren deren Träger gegen die Corona-Politik der Bundesregierung.

Eigentlich passt das weder ästhetisch noch politisch zusammen: In der Regel werden schwarz-weiß-rote Fahnen von Rechtsradikalen getragen, als Ersatz für eindeutigere Symbole, die verboten sind. Regenbohnenfahnen dagegen wehen auch ein paar Kilometer weiter auf dem Bebelplatz vor der Humboldt-Universität. Dort protestiert das Berliner Bündnis gegen Rechts unter dem Motto "Kein Schulterschluss mit Nazis".

Am Brandenburger Tor hat die Musik unterdessen aufgehört. "Wir sind so viele, das hätte sich keiner vorgestellt", jubelt eine Frau auf dem Lautsprecherwagen ins Mikrofon und fügt auf Englisch hinzu: "The whole city is full." Nach ihrer Schätzung haben sich "weit mehr als 20.000" versammelt. "Wir sind hier, denn wir haben die Nase voll, und wir lassen uns das nicht länger bieten", ruft sie, wobei offen bleibt, was "das" ist. Die Menge jubelt ebenfalls. Es gibt Ansagen auf Russisch und Französisch, in der Menge wehen alle möglichen Fahnen: russische, niederländische, israelische sowie die sogenannte Wirmer-Flagge, die auf Pegida-Demos häufig zu sehen ist, außerdem einige AfD-Wimpel. Ein Vertreter der "Ärzte für Aufklärung" nennt Corona ein Schnupfenvirus und verliest eine Grußbotschaft von Kollegen aus Portugal und Spanien.

"Wir rufen den Kaiser"

Ein Mann mit Feder-Kopfschmuck und einer Trommel in der Hand läuft vorbei. Ältere Frauen in gebatikten Kleidern verteilen Flugblätter. Junge Männer mit kurzen Haaren und akkuratem Scheitel stehen am Straßenrand. Gekommen ist auch ein älterer Herr mit weißen Hosen und Poloshirt, der in einem Golfclub gar nicht auffallen würde. Ein paar Meter weiter hat jemand eine Kippa auf dem Kopf. "Guck mal, der trägt 'ne Kippa", sagt ein Mann zu seiner Frau. "Der ist mutig", antwortet diese. Eine Gruppe von "Querdenkern" ist aus dem sächsischen Plauen angereist. Eine Frau demonstriert mit ihrem Plakat gegen "5G-Verstrahlung".

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Auch rechtsradikale QAnon-Verschwörungsgläubige sind auf der Demonstration unterwegs.

(Foto: dpa)

Zwei Männer und eine Frau tragen ein Banner über die Straße des 17. Juni. "Please, Mr. President, make Germany great again!", appellieren sie darauf an US-Präsident Donald Trump. Links und rechts daneben steht jeweils ein "Q". Dieser Buchstabe findet sich auch auf einigen T-Shirts hier. Es ist das Symbol für die rechtsradikale Verschwörungserzählung "QAnon", die auf wilden Geschichten von Kinderblut trinkenden Geheimbünden basiert und in der Trump der große Retter ist.

Auch ein Schild mit der Aufschrift "Wir rufen den Kaiser" zwischen US-Botschaft und Tiergarten ist mit dem "Q" markiert. Die Urheber dieser Botschaft fordern einen Friedensvertrag. Neben der Corona-Politik der Bundesregierung ist das offenbar ein Anliegen, das - von Plakaten und T-Shirts zu urteilen - eine ganze Reihe von Demonstranten teilt; in der Reichsbürgerszene geht man davon aus, dass das Deutsche Reich weiterhin besteht, weil nie ein Friedensvertrag geschlossen worden sei.

Seifen- und andere Blasen

Die Bilanz nach anderthalb Stunden vor dem Brandenburger Tor: Bewusst oder unbewusst sind die Teilnehmer dieser Veranstaltung bemüht, ein Bild größtmöglicher Vielfalt abzugeben. "Wir sind eine Menschheitsfamilie und wir werden uns nicht spalten lassen", sagt der Arzt. Derweil laufen die Demonstranten auf der einen Seite der Straße in Richtung Siegessäule. Auf der anderen Straßenseite bewegt sich der Zug zum Brandenburger Tor. Immer wieder wehen Seifenbläschen über den Platz. Das könnte ein Symbol für den Protest sein: Das hier ist nicht die eine große Blase, sondern ein Resonanzraum, in dem jeder und jede das eigene Bläschen hat.

Um kurz nach 13 Uhr löst die Polizei die Demonstration auf der östlichen Seite des Brandenburger Tors auf. Ausschlaggebend sei "insbesondere die Nichteinhaltung der Abstandsregeln nach dem Infektionsschutzgesetz" gewesen, schreibt die Berliner Polizei auf Twitter. Die Kundgebung weiter westlich auf der Straße des 17. Juni ist davon bislang nicht betroffen.

Quelle: ntv.de