Forum in Sankt PetersburgEin Deutscher steht auf Putins Bühne
Von Frauke NiemeyerKurz vor dem Start von Putins Wirtschaftsforum erschüttert ein Drohnenangriff Sankt Petersburg. Dabei wollte der Präsident Russland mächtig inszenieren. Deutsche Unternehmer helfen dabei - erstmals wieder seit Kriegsbeginn.
Eigentlich ist das Sankt Petersburger Internationale Wirtschaftsforum eine von Wladimir Putins Lieblingsbühnen mit Strahlkraft nach innen wie nach außen: Es ist "der Ort für den russischen Präsidenten, um seine politischen und wirtschaftlichen Botschaften zu setzen", sagt ntv-Korrespondent Rainer Munz. "Wenn sich Putin im Rahmen des Forums alljährlich mit den Chefs der internationalen Nachrichtenagenturen trifft, dann kann er sicher sein, dass seine Message weltweit maximale Aufmerksamkeit erhält." Entsprechend präsentiert sich der Präsident dort in bester Stimmung - normalerweise.
Dieses Jahr trübt ein kräftiger Drohnenangriff der Ukrainer nicht nur den Himmel über der Hafenstadt, sondern vermutlich auch die Laune des Präsidenten merklich ein. Statt Russland als modernen, internationalen Player vorzuführen, wird Putin selbst vorgeführt: Seiner Fliegerabwehr ist es nicht gelungen, den russischen Ort zu schützen, auf den die Augen der Welt sich in dieser Woche richten sollen. Das tun sie nun schon einen Tag vor Putins großem Auftritt - mit Staunen im Blick über die Schwäche der russischen Abwehrkräfte.
Der Präsident wird einiges auffahren müssen, um seine Erzählung vom unaufhaltsamen Aufstieg der russischen Föderation trotzdem zu platzieren. Was ihm zumindest helfen könnte: Erstmals seit Beginn der Vollinvasion im Nachbarland kann Putin wieder deutsche Unternehmer auf der Konferenz begrüßen.
"Nicht zuletzt für den Moment nach einem Waffenstillstand wollen wir wie andere große westliche Länder die wirtschaftliche Brücke nach Russland erhalten und die mehr als 100 Milliarden deutscher Vermögenswerte in Russland schützen", erklärte der Chef der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Matthias Schepp, der Nachrichtenagentur dpa.
Einer, der einiges an Vermögenswerten in Russland zu schützen hat, ist Thomas Bruch. Der Familienunternehmer aus dem Saarland will am Abend in Sankt Petersburg auf einem Panel auftreten. Er leitete über viele Jahre die Globus-Holding. In Deutschland ist sie für großflächige Baumärkte bekannt, in Russland betreibt eine Gesellschaft, an der die Globus-Holding beteiligt ist, Hypermärkte für Lebensmittel. Bis Anfang 2025 gehörten diese noch direkt zu Globus.
Bruchs Teilnahme diene "der Pflege wirtschaftlicher Kontakte sowie dem Austausch mit Vertretern aus Wirtschaft und Institutionen", sagte die Globus-Holding dem "Handelsblatt". Dass Bruchs Auftritt Putins Öffentlichkeitsarbeit unterfüttert - für das Unternehmen offenbar kein relevantes Gegenargument.
Mit seinem Auftritt bei Putins Konferenz steht Bruch als deutscher Unternehmer vielleicht noch allein da - als in Russland aktiver Unternehmer jedoch nicht. Auf 1600 Firmen schätzt die Deutsch-Russische Handelskammer, die es weiterhin gibt, die Zahl deutscher Unternehmen, die in und mit Russland Geschäfte machen. Darunter viele Mittelständler, aber auch Konzerne wie eben Globus oder der Schokoladenhersteller Ritter Sport.
Als russische Truppen völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschierten, drehten zwar große Autokonzerne wie VW, BMW und Mercedes, Renault aus Frankreich und die Japaner Toyota und Nissan dem Land den Rücken zu. Und mit Blick auf die Wirtschaftskraft fällt der Weggang großer Player wie Siemens, Bosch, Ikea und der Autokonzerne stark ins Gewicht. Doch rein zahlenmäßig blieben viele deutsche Firmen vor Ort, nach Daten der Kiew School of Economics 88 Prozent der 2022 ansässigen Unternehmen.
Eine Möglichkeit, Geschäfte zu machen
"Russland ist ein Schwellenland auf relativ niedrigem Entwicklungsniveau verglichen mit Westeuropa. Die dort aktiven Firmen sehen einen großen Markt mit einem hohen Wachstumspotential", sagt Vasily Astrov, Russland-Experte beim Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. "Man sieht die Möglichkeit, Geschäfte zu machen."
Zugleich hatten viele deutsche Firmen in der Vergangenheit, also vor 2022, stark in Russland investiert, Vertriebsstrukturen oder auch Produktionswerke aufgebaut. Diese Investitionen stecken in Russland fest, lassen sich nur schwer herauslösen oder verkaufen. "Darum wartet oder vielleicht auch wettet eine ganze Reihe deutscher Firmen darauf, dass irgendwann der Krieg endet und die Sanktionen wieder aufgehoben werden", sagt der Ökonom Michael Rochlitz, der an der Universität Oxford unter anderem zur Wirtschaft Russlands forscht.
Andere Firmen hoffen, dass ihre Güter gar nicht erst sanktioniert werden. "Sie halten in Russland einen Fuß in der Tür, auch weil die Gefahr besteht, dass sonst China, die Türkei oder andere Staaten den Markt übernehmen", sagt Rochlitz.
Im Automobilsektor ist das schon jetzt der Fall. Auf die sowjetischen Autos, die noch vor 15 Jahren auf russischen Straßen rollten, folgten europäische, koreanische und japanische Marken, darunter Renault, Volkswagen, BMW und Mercedes. "Seit dem Rückzug vieler westlicher Hersteller nach 2022 haben chinesische Marken in nur wenigen Jahren einen großen Teil des Marktes übernommen", so Rochlitz.
Wirtschaftliche Erwägungen mit Blick auf den Absatz in Russland sind das eine. Zugleich müssen die Firmen auch ihr Image in der Heimat im Blick haben. Der Schokoladenhersteller Ritter Sport etwa verurteilt den russischen Angriffskrieg, verkauft aber seine Produkte weiterhin in Russland, denn es sei "nach Deutschland unser wichtigster, das heißt größter Markt", heißt es auf der Internetseite der Firma. "Als ein im globalen Wettbewerb vergleichsweise kleines Unternehmen könnten wir den Verlust unseres wichtigsten Auslandsmarktes nicht so ohne weiteres auffangen." Laut Unternehmen wären bei einem Weggang aus Russland bis zu 200 deutsche Arbeitsplätze in Gefahr.
Das Unternehmen flankiert seine Haltung damit, dass die Gewinne aus dem Russlandgeschäft vollständig an Ukraine-Unterstützer gespendet werden. Dennoch steht der Schokoladenhersteller für sein Russlandgeschäft seit 2022 in der öffentlichen Kritik.
Russen können auch Milka essen
Der schwedische Konkurrent Marabou hatte im eigenen Land mit noch massiverer Kritik zu kämpfen. Seine Produkte wurden von einigen schwedischen Supermarktketten zeitweise aus dem Sortiment genommen. Der Mutterkonzern, Mondelez, zu dem auch Milka und Oreo gehören, hält jedoch am Engagement in Russland fest. Russen können also neben Ritter Sport auch Milka-Schokolade und Oreo-Kekse kaufen.
Verstoßen diese Unternehmen damit nicht gegen europäische Sanktionen? Derzeit verschnürt die Europäische Union doch in Brüssel schon das 21. Sanktionspaket gegen Russland. Doch die EU fokussiert ihre Sanktionen auf Produkte, die den Russen die Weiterführung ihres Krieges ermöglichen können: Technologien für die Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau, Chipherstellung - oftmals sogenannte Dual-Use-Güter, die man für zivile Produkte, aber auch für Waffenbau verwenden kann.
"Ganz bewusst hat die EU nie den pharmazeutischen Sektor sanktioniert", sagt Rochlitz. "Weil man dann auch die russische Bevölkerung treffen würde." Düngemittel, Hygieneprodukte für den täglichen Bedarf, medizinische Ausrüstung und Lebensmittel - wie Schokolade - fallen ebenfalls nicht unter die Sanktionen.
Darauf beruft sich die Globus-Holding. Sie verteidigt ihre Beteiligung an den Hypermärkten als einen Beitrag zur Grundversorgung der russischen Zivilbevölkerung. Sie sieht ihr Geschäft im Einklang mit den Beschlüssen der EU und Deutschlands mit Blick auf Sanktionierung bestimmter Handelsbeziehungen mit Russland. Die Zivilbevölkerung soll verschont werden.
Neben dem Wohlergehen der Bevölkerung haben die EU-Staaten jedoch auch unverhohlen ihre nationalen Wirtschaften im Blick. "Als mehrere russische Banken vom Swift-System, das internationale Zahlungen abwickelt, getrennt wurden, da wurden westliche Banken plötzlich enorm wichtig", erklärt Experte Astrov. "Allein die Raiffeisen-Bank, so wird geschätzt, übernahm in den ersten Kriegsmonaten etwa die Hälfte aller grenzüberschreitenden Zahlungen zwischen Russland und Europa. Damit hat Raiffeisen Milliarden an Gewinn eingefahren."
Heißt das aber, dass die EU-Sanktionen nichts bringen? Sie machen es zumindest komplizierter und damit teurer für Russland, sich wichtige Produkte im Ausland zu kaufen. Das sieht man auch am Handelsvolumen mit Deutschland: Das umfasste kurz vor Beginn der russischen Vollinvasion noch knapp 60 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2025 schrumpfte es auf unter 10 Milliarden.
Es fehlt an Fachleuten und an Chips
Auch wegen der Sanktionen sieht Oxford-Experte Rochlitz die russische Wirtschaft derzeit stark unter Druck. Sie sei in den vergangenen Jahren viel staatslastiger geworden. "Investitionen in Bildung, Gesundheit, Infrastruktur sind stark geschrumpft, während die vor 2022 angehäuften Reserven ins Militär investiert werden. Das lässt zwar das Bruttoinlandsprodukt ansteigen, doch wenn man Staatsgelder in Raketen steckt, die vier Wochen später in ukrainischen Wohnhäusern explodieren, fördert das die Wirtschaft nicht nachhaltig." Der Krieg macht sich vor allem in Zukunftsfaktoren bemerkbar, zum Beispiel bei der künstlichen Intelligenz. "Dort sind russische Firmen inzwischen abgeschlagen, weil es ihnen an Computerfachleuten ebenso fehlt wie an den nötigen Chips."
Damit weiterhin Geld reinkommt, um die Kriegswirtschaft zu betreiben, braucht der Kreml die Einnahmen aus dem Geschäft mit Öl und Gas an China und Indien. Genau deshalb setzt die Ukraine an diesem Sektor an und schickt nachts ihre Drohnenschwärme gegen russische Raffinerien. Inzwischen so erfolgreich, dass das russische Exportvolumen bei Öl und Gas absackte, statt durch die weltweite Verknappung infolge des Irankriegs anzusteigen.
Bei all dem Druck auf die russische Wirtschaft wäre es für Putin umso dringender gewesen, Russland in Sankt Petersburg als modern und florierend darzustellen. Eine Inszenierung russischer Stärke, erstmals wieder mit deutschen Unternehmen - zwar nur in Nebenrollen, dies aber stellvertretend für Geschäftsbeziehungen vieler, die auch mit dem russischen Angriffskrieg nicht abbrachen. Umso ärgerlicher für Putin, dass ihm am ersten Tag der Konferenz eine russische Drohne in ein Ölterminal und damit auch in seine schöne Kulisse crasht.
