Politik

Nach Bluttat in Charleston Ein Rassist will Krieg und sät Dialog

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Der Attentäter Dylann Roof auf dem Weg ins Gericht im Juni 2015.

(Foto: REUTERS)

Eine Bluttat in den USA löst im Jahr 2015 Entsetzen aus: In einer Kirche in South Carolina erschießt ein Weißer neun Schwarze. Nun, drei Jahre später, ist der Rassismus nicht verschwunden. Aber es wird offener darüber gesprochen.

Bevor Lee Bennett vor eineinhalb Jahren in seine Heimat zurückzog, trug er dort einen Sarg. Aus dem Kirchenschiff im oberen Stockwerk hinaus, die steile hölzerne Treppe herunter, an vergilbten Pastorenfotos und dem Tatort vorbei in den wartenden Leichenwagen. "Höllisch schwer sind diese Särge", erinnert er sich. Er steht neben der Emanuel African Methodist Episcopal Church und zeigt in Richtung Straße. "Da hinten, ein paar Blocks entfernt, da bin ich aufgewachsen." Als junger Mann ging er weg aus Charleston und zum Militär, wurde stationiert in Süddeutschland und arbeitete danach für Sicherheitsfirmen in den USA. Nach dem Attentat kehrte er zurück.

Lee Bennett ist in Rente, hilft nun als Hausmeister und guter Geist in der Kirche, in die schon sein Vater und auch er gingen, als noch die Rassengesetze galten. Für den 64-Jährigen, stämmig, weiche tiefe Stimme und schwarz, ist Rassismus noch überall präsent. Vieles werde schöngeredet. "Weißgewaschen", sagt Lee Bennett. Etwa wenn Touristenführer bei historischen Führungen nicht von Sklaven, sondern Dienern sprächen. "Eine ideologische Wolke hängt über dieser Stadt."

Er öffnet eine der schweren Seitentüren, die für Besucher sonst verschlossen sind, wie auf kleinen Schildern neben Überwachungskameras zu lesen ist. Die Tür führt direkt in den Raum, wo im Jahr 2015 die Bibelstunde stattfand, deren blutiges Ende ein ganzes Land erschütterte. Wo der Weiße Dylann Storm Roof an einem Mittwochabend im Juni seine Waffe zog, während andere beteten. Er brüllte: "Ihr alle vergewaltigt unsere weißen Frauen, ihr übernehmt die Welt!". Er erschoss neun Schwarze. Roof wurde gefasst und zum Tode verurteilt. Ein paar Wochen später stimmten beide Parlamentskammern von South Carolina dafür, die Südstaatenfahne vor dem Parlament für immer einzuholen. "Es hätte nicht neun Leben kosten sollen, diese Flagge nicht mehr zu hissen", sagt Lee Bennett.

Die USA vor den Zwischenwahlen

Unser Reporter Roland Peters fährt derzeit durch die Vereinigten Staaten. Was beschäftigt die Menschen vor den Zwischenwahlen am 6. November? Worüber sorgen sie sich? Diese Geschichte ist die zweite seiner Berichte, hier finden Sie die erste.

Roof hatte den Ort und die Kirche sorgfältig ausgewählt. Charleston war vor dem US-amerikanischen Bürgerkrieg die wichtigste Stadt beim Import afrikanischer Sklaven, von hier wurden sie weiterverkauft. Die Emanuel-Kirche ist eine der ältesten schwarzen Gemeinden der USA, gegründet schon zu Zeiten der Sklaverei, wenn auch zwischenzeitlich verboten. Roof wollte einen Rassenkrieg beginnen. Doch sein Hassverbrechen gegen Schwarze löste das Gegenteil aus. Charleston, im Staat South Carolina, wo seit Jimmy Carter 1976 kein demokratischer Präsidentschaftskandidat mehr gewonnen hat, diskutiert über Rassismus und tut etwas dagegen. Seit der Tat wohl mehr als je zuvor. Reden statt Krieg.

In und um Charleston haben sich rund 27 Gemeinden unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammengetan und engagieren sich politisch. Etwa 60 Prozent davon sind überwiegend weiß. "Die Menschen hier sind müde, einfach nur nett zu sein", sagt LaVanda Brown vom YWCA Charleston; eine Organisation, die sich für Frauen- und Schwarzenrechte einsetzt. Nach den Morden in der Kirche stand das Telefon nicht mehr still. Das E-Mail-Postfach lief mit Hilfsangeboten über. Also stellte die YWCA LaVanda Brown ein: "Wir haben für alle irgendwo einen Platz gefunden", sagt die 49-Jährige, die schon leicht abgekämpft wirkt an diesem Nachmittag. "Die Veränderung war nachhaltig."

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Die Aktivistin Lavanda Brown sagt: "Der erste Schritt war, die Polizei davon zu überzeugen, dass sie überhaupt ein Problem hat."

(Foto: Roland Peters)

Eines der Themen, mit dem sie und die Gemeinden sich beschäftigen, ist rassistische Diskriminierung durch die Polizei. Dreimal so viele Schwarze wie Weiße würden in ihren Autos angehalten und grundlos kontrolliert, sagt LaVanda Brown. "Der erste Schritt war, die Polizei davon zu überzeugen, dass sie überhaupt ein Problem hat." Andere Arbeitsgruppen beschäftigen sich etwa mit zu hohen Wohnkosten oder variierenden Bildungsniveaus für Kinder verschiedener Einkommensschichten und Hautfarben. Die YWCA veranstaltet inzwischen auch regelmäßige Workshops über Rassismus. Woher kommt er? Wie können wir ihn bekämpfen? Welche Wirkung haben unsere Worte? Die Teilnehmer bezahlen dafür, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Hunderte Geistliche, NGO-Mitarbeiter, Lehrer und Führungskräfte sind es seit dem Start des Programms in den vergangenen eineinhalb Jahren gewesen. Davon waren über die Hälfte nicht schwarz.

"Wir saßen neben den Kindern der Mörder unserer Eltern"

Cleo Brown hat andere Zeiten erlebt. Ihr Vater kämpfte in der Bürgerrechtsbewegung für das Wahlrecht von Schwarzen. Er wurde deshalb 1962 angeschossen, als sie neben ihm im Auto saß. Der Ku-Klux-Klan brannte nachts das Gebäude neben dem Haus ihrer Familie nieder und ließ Kreuze am Ende der Straße in Flammen aufgehen. Das Feuer spiegelte sich in den Fensterscheiben. "Ich wachte von den Angstschreien meiner Mutter auf", sagt die heute 63-Jährige. Irgendwann wurde die Rassentrennung offiziell aufgehoben und das Wahlrecht geändert. "Es gab aber nie eine offene Aufarbeitung darüber. Wir saßen still neben den Kindern derer, die Kreuze verbrannt und unsere Eltern getötet hatten." Der Anschlag in der Kirche habe das ein wenig geändert.

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"Die Medien hatten keine Wahl, etwas anderes zu thematisieren als Rassismus", sagt Cleo Brown.

(Foto: Roland Peters)

Heute hofft Cleo Brown, dass Charleston, die Stadt des Sklavenhandels, zur Keimzelle fürs ganze Land wird. Sie hält Vorträge über ihre persönliche Geschichte, hat zwei Bücher veröffentlicht und veranstaltet Workshops gegen Rassismus. Bei vielen dieser Veranstaltungen falle ihr eines auf: Vor allem Teilnehmer aus der Generation direkt nach ihrer eigenen wollten nicht akzeptieren, dass die Benachteiligung Schwarzer ein Problem sei. Doch die gewaltlose Trauer und die Kerzen, mit denen die Menschen von Charleston auf Roofs Bluttat reagierten, sowie der Trauergottesdienst mit dem damaligen Präsidenten Barack Obama, die haben Öffentlichkeit geschaffen. "Die Medien hatten keine Wahl, etwas anderes zu thematisieren als Rassismus." Weil die Opfer unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen sozialen Schichten gewesen seien, hätten zudem viele im Land eine Verbindung zu ihnen verspürt, sagt Cleo Brown.

Neben der Emanuel-Kirche können sich Trauernde in einem eigens dafür hergerichteten Gebäude treffen. Dahinter soll ein "Park der Überlebenden" entstehen, der Parkplatz auf der anderen Seite der Kirche einem Mahnmal weichen. Der Tatort im Erdgeschoss des Gotteshauses ist ein Ort des Glaubens geblieben. Am Eingangstor zur Straße hängen Reste eines Blumengebindes, dahinter eine Gedenktafel mit den Namen der Toten, der "Emanuel 9". Weiterhin mittwochs, immer um 18 Uhr, empfängt der Nachfolger des erschossenen Pastors die Teilnehmer zur Bibelstunde. Noch ist der Raum unverändert. Aber nach drei Jahren Trauer stehen Veränderungen an. Handwerker haben gerade angefangen, Platz für eine weitere Sitzgruppe zu schaffen.

Oben im Kirchenschiff fällt Sonnenlicht durch die bunten Bleiglasfenster. Lee Bennett setzt sich auf eine der gepolsterten Kirchenbänke, referiert über die Vergangenheit der Gemeinde und der Stadt; etwa über die gescheiterte Sklavenrevolte von 1822. Kopf des Aufstandes, der unterdrückt wurde, bevor er ausbrechen konnte, war Denmark Vesey, einer der Gründer der Gemeinde. Vesey und 34 weitere Männer wurden hingerichtet, ihre Kirche niedergebrannt, schwarze Gemeinden in Charleston verboten. Erst nach dem Bürgerkrieg konnte die Kirche wieder aufgebaut werden. Heute steht sie in der Calhoun Street. Die Straße wurde benannt nach dem ehemaligen Vizepräsidenten John C. Calhoun - einem vehementen Verfechter der Sklaverei. "Calhoun Street!" Lee Bennett tippt sich an die Schläfe. "Man muss die Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen."

Unweit der Kirche, am Marion Square, thront Calhoun noch immer auf einer hohen Säule und überblickt das alte Charleston. Für Schwarze, sagt Lee Bennett, gebe es keine Säulen, höchstens Gedenktafeln. Um die lesen zu können, muss er knien.

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Quelle: n-tv.de

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