Politik

Die guten Geister von Easley Ein kleines Wunder, dass Dee noch lebt

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Dee Callahan lebt seit ein paar Wochen nicht mehr in einem Pickup, sondern in einem Trailer.

Roland Peters

Zwölf Monate pro Jahrzehnt, danach gibt es keine staatliche Hilfe mehr in South Carolina. Wer länger Probleme hat, landet auf der Straße. In einer Hochburg Trumps kämpfen ein Prediger und seine Frau für ein Obdachlosenheim.

Auf dem Parkplatz neben dem McDonald's Drive-In stehen Tracy und Sunshine Gantt mit ihrem weißen Kastenwagen. Sie haben ein Sammelsurium kleiner Hoffnungen geladen: Kissen und Decken etwa. Eine Matratze ist auch dabei - nur eine, vor einer Woche waren es sehr viel mehr. Das Ehepaar verteilt die Sachen in der Gegend um Easley, einer Kleinstadt im nördlichen South Carolina. Sie wissen, wer wo unterwegs ist und etwas braucht. Tracy Gantt lebte selbst jahrelang auf der Straße. Eine Obdachlosenunterkunft gibt es hier nicht. Er und seine Frau wollen das ändern.

Bis dahin kümmern sich die Gantts mit ihrem Kleinlaster und in ihrer Kirche um die ganz unten; dort, wo auch der 42-Jährige einmal war. Irgendwann verschlug es ihn andernorts in eine Hilfseinrichtung und er wurde ein Mann Gottes. "Ich dachte, ich sei ein Versager", sagt der Prediger mit seinem schleppenden Südstaatenslang. Er fährt mit dem Zeigefinger am Schirm seiner Kappe entlang. "Trust in God", vertraue auf Gott, steht darauf. Aber nicht nur an Gott, auch an die Menschen glaubt er. "Was ich konnte, das können andere auch."

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Sunshine und Tracy Gantt wollen eine Obdachlosenunterkunft gründen, das "Pickens County Shelter of Hope".

(Foto: Roland Peters)

Das soziale Netz des Staates ist in den USA grob geknüpft. In South Carolina ist die "Temporary Assistance for Needy Families", man könnte sagen: das US-amerikanische Hartz IV, auf zwölf Monate pro Jahrzehnt begrenzt. Das Lebenszeitlimit liegt bei fünf Jahren. Wer dann nicht von Verwandten finanziell unterstützt wird, verliert womöglich sein Haus und wird obdachlos. In Pickens County, dem Bezirk rund um Easley, liegt die Armutsrate bei rund 19 Prozent. Das sind mehr als 20.000 Menschen.

Wenn Tracy und Sunshine Gantt nicht gerade Decken und Matratzen verteilen, dann kümmern sie sich um solche, die abgerutscht sind. So wie Dee Callahan. Die 45-Jährige - kurze angegraute Haare, lila gemustertes Oberteil und Pantoffeln - lebt seit Kurzem in einem Trailer in Easley, ein paar Minuten von dem Drive-In entfernt. Klebeband hält einen der Einbauschränke zusammen. "Da kommt etwas Sonne hinein", sagt sie lächelnd und deutet auf einen Spalt in der Decke. Wenn es regnet, läuft Wasser die Spanplattenverkleidung hinab ins Innere.

Zwei Jahre lang hatte Dee in einem Pickup mit ihrem Partner Daniel gewohnt. Motels konnten sie sich nur leisten, wenn Daniel etwas Geld geschickt bekam und es nicht für Crack ausgab. "Ich war bereit, es zu beenden", sagt sie. "Alles war besser, als so weiterzuleben." Aber die Schlaftabletten brachten sie nicht um, ihre aufgeschnittenen Pulsadern auch nicht. Vor ein paar Wochen, als sie darüber nachdachte, sich auf die Schienen zu setzen, klopfte jemand an die Seitenscheibe ihres Wagens. Sunshine.

Sunshine und Tracy organisierten ihr den leerstehenden Trailer in Easley, neben den Bahngleisen an der North East Main Street. Auch Möbel schafften sie heran, darunter den violetten Ledersessel, in dem Dee jetzt sitzt. Heute hat Sunshine einen Kunstdruck mitgebracht, eine Blume im Holzrahmen. Dee Callahan lächelt dankbar und stellt das Bild neben den Sessel. Sie will später entscheiden, wo es hinkommt. Daniel sitzt im Gefängnis. Weil er mit ihr weglief aus South Carolina, verstieß er gegen Bewährungsauflagen. "Ich hoffe, er ist nach 18 Monaten wieder draußen." Ihr Handy klingelt fast permanent. Daniel hat ein Telefon in seiner Zelle.

Er raucht Crack, sie Marihuana

Man kann es als ein kleines Wunder bezeichnen, dass Dee Callahan 45 Jahre alt geworden ist. Sie wuchs als Tochter einer Prostituierten auf. In der High School wurde sie vergewaltigt und bekam eine Tochter. Eines Tages kam ihr Cousin im Drogendelirium ins Haus und schoss um sich. Damals schwor sie, niemals harte Drogen zu nehmen. "Für mich war ich immer die Gute", sagt Dee Callahan, "ich wollte es besser machen als die anderen." Ihre älteren Geschwister wurden von ihrer Mutter angefixt, Dees Schwester ist noch immer abhängig. Der Bruder ist tot, Überdosis.

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Handy, Bibel, Notizen: der Beistelltisch in Dee Callahans Trailer.

(Foto: Roland Peters)

Dee Callahan beißt sich durch. Sie beginnt als häusliche Pflegekraft und sieht sich auf dem richtigen Weg. Viele in Pickens County arbeiten im Gesundheitswesen. Eines Tages klingelt sie bei einem älteren Mann, den sie seit 13 Jahren betreut, und guckt wie immer durchs Fenster neben der Eingangstür. Sie sieht, wie er aus seinem Sessel aufsteht, um ihr zu öffnen, dann jedoch zusammensackt. Ein Thrombus hatte sich in seinem Knie gelöst und eine Embolie verursacht. Sie reagiert schnell, bricht die Tür auf und belebt ihn wieder. Doch nach 20 Minuten stirbt der Mann. Dee Callahan bekommt schwere Depressionen und kündigt ihren Job. "Ich hatte zu viele Leute sterben sehen", sagt sie kopfschüttelnd. "Ich konnte nicht mehr." Es ist der Anfang ihres Abstiegs.

In einem Motel macht sie danach Zimmer sauber, für 7,75 Dollar die Stunde. Dort wohnt sie auch. Einer der Gäste ist Daniel, in den sie sich verliebt. Er raucht Crack, sie Marihuana. Die Motelchefin wirft das Paar hinaus. Die leben von nun an in ihrem Pickup und ziehen durch die Gegend, bis Daniel festgenommen wird.

Es sind Geschichten wie diese, die Sunshine und Tracy Gantt mit einem Obdachlosenheim in Pickens County verhindern wollen. "Es ist einsam da draußen. Man sollte ihnen wenigstens das Gefühl geben, dass sie Menschen sind", sagt der Prediger. Im vergangenen Jahr fand das Paar ein Gebäude und stand bereits kurz vor der Eröffnung. Doch die Nachbarn wehrten sich. "Sie wollten die Einrichtung nicht neben sich haben. Die Obdachlosen sollten nicht ihr Rentnerdasein stören", sagt Tracy. Seine Frau und er schrieben einen Brief an South Carolinas damalige Gouverneurin Nikki Haley, die heutige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Haley schrieb sogar zurück, sie dankte den Gantts für ihren Einsatz. Hilfe kam keine.

Gebärmutterhalskrebs - und keine Krankenversicherung

So sei das eben hier und bis hoch ins Weiße Haus zu Donald Trump, sagt Tracy Gantt. "Die streiten sich nur untereinander, statt sich um die Probleme zu kümmern." Bei der Präsidentschaftswahl 2016 entschieden sich in Pickens County 73,9 Prozent der Wähler für Donald Trump, der höchste Anteil in ganz South Carolina. Das könnte daran liegen, dass auch der Anteil der weißen Wähler hier überdurchschnittlich hoch ist. Tracy und Sunshine Gantt sind nicht zur Wahl gegangen. "Mein Mann ist Pastor einer Gemeinde", erklärt Sunshine. "Deshalb versuchen wir, Politik so weit wie möglich zu vermeiden."

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Tyler Carlson arbeitet im "Dream Center".

(Foto: Roland Peters)

Vom Trailer nicht weit entfernt, die Hauptstraße vor ihrer Tür an den Schienen entlang, rechts durch eine kleine Baumgruppe hindurch, wirbt das private "Dream Center", das Zentrum der Träume, für seine eigene Vorstellung von Lebenshilfe. Seit 2015 werden hier Bedürftige unterstützt; aber nur, wenn sie ihr Leben einem Kursprogramm unterwerfen, zu dem auch Bibelstunden gehören. Wer das nicht möchte, darf im Büro seine Probleme schildern und wird an andere Einrichtungen verwiesen. Die Statistiken des Dream Center sind ein Beleg dafür, wie nötig eine Obdachlosenunterkunft ist. Im Jahr 2016 fragten 160 obdachlose Erwachsene in der Einrichtung nach Nothilfe. Im vergangenen Jahr waren es 271 Erwachsene - und dazu 169 obdachlose Kinder.

"Ich hoffe, wir können weitermachen", sagt Tyler Carson, der seit zwei Jahren hier Kurse für Vorstellungsgespräche und Ausgabenkontrolle anbietet. Die christlich orientierte Einrichtung wird durch private Spenden finanziert, Carson aber zum Teil auch mit Geldern eines Sozialprogramms aus Washington. "Bei jedem Haushaltsentwurf des Kongresses ist es auf der Streichliste." Die zu erwartenden Kürzungen wegen Donald Trumps großer Steuerreform waren für ihn also keine Überraschung. Das Dream Center macht trotzdem weiter. Aus Carsons Büro hinaus geht es durch die Turnhalle und der Küche vorbei ins Freie. Obdachlose Paare und Familien können hier bald in kleine Holzhäuser ziehen. Private Spender haben 300.000 Dollar dafür bereitgestellt.

In Dee Callahans neuem Zuhause flackert unterdessen das Fernsehbild. Die Erschütterungen eines vorbeirollenden Güterzugs stören das TV-Signal. Dee blickt weg vom Bildschirm auf ihre Tätowierung am Unterarm: eine Schleife mit Schmetterlingsflügeln, gestochen nach 20 Jahren ohne Gebärmutterhalskrebs. Kurz bevor sie sich ihr Leben nehmen wollte, hatte ihr ein Arzt gesagt, dass die Wucherungen zurück seien. Sich behandeln lassen, sagt Dee, das will sie nicht. Sie hat ohnehin keine Krankenversicherung. Eine Bibel, eine Lesebrille und eine Liste mit Aufgaben liegen auf dem Tischchen neben ihrem Sessel. "Nur Gott weiß, wie viel Zeit er mir geben will", sagt sie. Dank ihm seien Daniel und sie inzwischen drogenfrei. Wenn die Gantts endlich ihre Obdachlosenunterkunft haben, will Dee dort unbedingt helfen. Tatsächlich haben der Prediger und seine Frau ein neues Gebäude gefunden: eine ehemalige Kirche mit Platz für 65 Betten. Sie hoffen, bald eröffnen zu dürfen.

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Quelle: n-tv.de

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