Politik

Nachruf auf Gabriel Bach Einer der letzten Zeugen

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Gabriel Bach auf einer Aufnahme aus dem März 2021.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gabriel Bach war stellvertretender Chefankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann. Vor allem war er aber ein Zeitzeuge, der vielen jungen Menschen eine große Verantwortung übertragen hat. Am Freitag ist er im Alter von 94 Jahren gestorben.

Gabriel Bach, 1927 geboren, erlebte als Kind die Anfänge des nationalsozialistischen Terror-Regimes in Deutschland. 1938 schafften es Bach und seine Familie, aus Berlin zu fliehen. Es ist eine dramatische Flucht über Holland bis nach Palästina. Mehrfach entkommen sie dem Tod nur knapp.

In einem Interview, das ich 2018 mit Gabriel Bach in Jerusalem führen konnte, erzählte er von einem Moment, als die Familie gerade in Jerusalem angekommen war. Dort hörte man die Nachricht aus Deutschland, dass Generalfeldmarschall Erwin Rommel auch alle Juden in Palästina vernichten wolle: "Da hat mein Vater gesagt: 'Hier ist die letzte Etappe, hier wird nicht gewichen.'"

Aus Palästina und später Israel muss Bach nicht mehr weichen. Er geht dort zur Schule und kann nach dem Krieg in London Jura studieren. Viele Jahrzehnte später wird Bach erfahren, dass alle seine jüdischen Mitschüler in Holland von den Nazis getötet worden waren. Bach war der einzige Überlebende.

Bach wird stellvertretender Chefankläger

Den Schrecken des Holocaust in Deutschland und Europa erlebte Bach persönlich nicht. Doch 1961 wird er als stellvertretender Generalstaatsanwalt zum zweiten von drei Anklägern im Prozess gegen den deutschen Nazi-Verbrecher und SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Dieser Prozess sollte Bachs Leben nachhaltig prägen.

In den Gesprächen, die ich mit Bach führen konnte, hatte ich das Gefühl, dass die schrecklichen Bilder und Berichte von Zeugen bei Bach so etwas wie ein Trauma ausgelöst hatten. "Am schlimmsten für mich war während des Prozesses zu erfahren, wie die Kinder gesungen haben. Das hat mich nachts verfolgt. Ich hatte noch nie zuvor gehört, dass Kinder in einer Gaskammer gesungen haben", erzählte Bach 2018.

Kurz vor seinem ersten Treffen mit Adolf Eichmann hatte Gabriel Bach eine Biografie von Rudolf Höß gelesen, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz. In dieser Biografie erfuhr Bach, dass es Eichmann war, der zu Höß sagte, dass es hauptsächlich die jüdischen Kinder seien, die man zuerst umbringen musste. Nur so könne man verhindern, dass sich künftige Generationen rächen könnten.

Bach erzählte: "Zehn Minuten nachdem ich das gelesen hatte, kam ein Polizeioffizier zu mir und sagte, dass Adolf Eichmann mich sprechen wollte. Zehn Minuten, nachdem ich gerade gelesen hatte, wie entscheidend es ist, Kinder zu töten, kam Eichmann rein. Das war in dem Moment nicht so einfach, eine ruhige Miene zu behalten."

Eichmann wird später zum Tode verurteilt und am 1. Juni 1962 hingerichtet. 1969 wird Gabriel Bach Generalstaatsanwalt und 1982 Richter am Obersten Gerichtshof in Israel.

Verantwortung der jungen Generation

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Bis zuletzt sprach Bach mit jungen Menschen, auch mit Journalistinnen und Journalisten. Es war ihm ein großes Anliegen, mit der jungen Generation in Kontakt zu bleiben. Fragt man Menschen, die die Chance hatten, Bach einmal persönlich zu treffen, dann werden sie erzählen, dass nach diesen Gesprächen oftmals Stille herrschte und Nachdenklichkeit.

Und das Verständnis darüber, dass die letzten Zeitzeugen bald nicht mehr da sind, sie uns aber die Verantwortung des Erinnerns übertragen haben.

Quelle: ntv.de

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