Politik
Nach dem Attentat von München liegen Blumen und Kerzen vor dem Olympia-Einkaufszentrum, wo der Anschlag geschah.
Nach dem Attentat von München liegen Blumen und Kerzen vor dem Olympia-Einkaufszentrum, wo der Anschlag geschah.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 03. Oktober 2018

Interview mit Florian Hartleb: "Einsame Wölfe gibt es auch von rechts"

Die Sicherheitsbehörden in Deutschland gehen noch immer davon aus, dass Terrorismus wie zur Zeit der RAF organisiert ist, sagt der Politologe Florian Hartleb. Heute jedoch finde Radikalisierung häufig virtuell statt. "Dass Attentäter nicht mehr Mitglieder einer größeren Organisation sind, entspricht gewissermaßen dem allgemeinen Zeitgeist."

n-tv.de: Seit 1990 wurden in Deutschland nach Recherchen von "Tagesspiegel" und Zeit Online mindestens 169 Menschen von Rechtsextremisten getötet. Die Bundesregierung kommt in ihrer Zählung allerdings nur auf weniger als halb so viele Todesopfer rechtsradikaler Gewalttäter, auf 83. Wie kann das sein?

Florian Hartleb: Dahinter scheint mir eine chronische Unterschätzung rechter Gewalt zu stehen. Das zeigte sich etwa nach dem Attentat von München am 22. Juli 2016. Auch dieser Fall taucht in der Statistik nicht auf, weil die bayerischen Behörden sagten, es sei ein unpolitischer Amoklauf gewesen und kein rechtsextremistisch motivierter Akt.

Der 18-jährige David S. tötete damals neun Menschen, Sie waren Gutachter der Stadt München für den Fall. Warum sehen Sie die Tat als Terroranschlag?

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Bei Amokläufen geht es um allgemeine Frustration, um Menschenhass. Terroristen wie Anders Breivik oder auch wie Anis Amri haben dagegen eine klare politische Botschaft, sehen sich in einem Sendungsauftrag und handeln akribisch-überlegt.

Und das war in München der Fall?

David S. hatte das erklärte Ziel, sein "Vaterland" München vor "Überfremdung" zu retten. Er plante seine Tat mehr als ein Jahr lang und verübte sie nicht zufällig am 22. Juli 2016, dem fünften Jahrestag des blutigen Anschlags von Breivik, den er ausdrücklich als sein Vorbild bezeichnet hatte. Trotzdem sträuben sich die bayerischen Behörden nach wie vor, in diesem Fall auf Rechtsterrorismus zu erkennen - obwohl Bayerns Innenminister Joachim Herrmann von Anfang an sagte, dass es am geschlossen rechtsextremistischen Weltbild des Täters keinen Zweifel gebe.

War ein Grund für diese Einschätzung vielleicht auch, dass der Täter einen Migrationshintergrund hatte?

Das spielte sicherlich eine Rolle. In den offiziellen Stellungnahmen heißt es bis heute, David S. sei ein Kind von Asylbewerbern gewesen. Tatsächlich hatte der in München Geborene einen iranischen Hintergrund. Diesen hat er jedoch vermischt mit einer Überidentifikation zum Deutschtum - der Landesname Iran geht ja auf die altpersische Bezeichnung "Land der Arier" zurück. Aus zahlreichen Äußerungen geht hervor, dass er stolz darauf war, Deutscher und "Arier" zu sein.

Sie stufen David S. nicht nur als rechtsextremistischen Terroristen ein, sondern auch als "einsamen Wolf".

Ja. Der Begriff bezieht sich allerdings auf die Tatausführung und bedeutet nicht, dass er keinen Kontakt zu Gleichgesinnten hatte. David S. schloss sich auf der Spieleplattform Steam einem "Anti-Refugee-Club" an. Über Steam und diesen Club hatte er auch Kontakt zu William Atchison, der im Dezember 2017, anderthalb Jahre nach dem Anschlag von München, in New Mexico ein Schulattentat verübte. Davor hatte Atchison sogar eine wikipediaähnliche Ahnengalerie für David S. angelegt, ohne dafür behelligt zu werden. Bei Recherchen für mein Buch bin ich darauf gestoßen, dass US-Medien über diese Verbindung berichteten. Die deutschen Behörden gingen dem dagegen nicht nach. Mein Eindruck ist, dass man hierzulande noch stark im analogen Raum verhaftet ist. Das führt zu Fehleinschätzungen - wie beim bayerischen Innenminister Herrmann, der nach Abschluss der Ermittlungen bei einer Pressekonferenz sagte, die Tat von David S. sei nicht als rechtsextrem einzustufen, weil dieser nie Teil einer rechtsextremistischen Organisation gewesen sei.

Einsame Wölfe und eigentlich Terrorismus überhaupt werden heutzutage gemeinhin vor allem mit dem Islamismus in Verbindung gebracht. Zu Unrecht?

Sehr zu Unrecht. Einsame Wölfe gibt es auch von rechts. Breivik ist hier nur das international bekannteste Beispiel. In Schweden gab es den Heckenschützen von Malmö Peter Mangs, der zwischen 2003 und 2010 mehrere Menschen getötet hat. In Österreich verübte in den 1990er Jahren eine "Bajuwarische Befreiungsarmee" Brief- und Rohrbombenanschläge. Dahinter stand allerdings ein Einzeltäter, Franz Fuchs. In Großbritannien wurde die Politikerin Jo Cox im Juni 2016 ermordet. Das sind beileibe keine Einzelfälle. Im Oktober 2015 wollte Frank S. ein Zeichen gegen die seiner Meinung nach verfehlte Flüchtlingspolitik setzen und verletzte die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker schwer. In Italien schoss im Februar 2018 der Italiener Luca Traini aus Rassenhass auf afrikanische Migranten. Es wäre völlig falsch, den "einsamen Wolf" auf den Islamismus festzulegen. Allerdings gibt es durchaus Parallelen.

Etwa, dass rechtsextremistische und islamistische Terroristen voneinander lernen?

Wir befinden uns im Zeitalter der virtuellen Radikalisierung. Dass Attentäter nicht mehr Mitglieder einer größeren Organisation sind, entspricht gewissermaßen dem allgemeinen Zeitgeist.

Sind Frustrationserfahrungen ein Motiv für Terroristen, ähnlich wie bei Amokläufern?

Das ist eine Gemeinsamkeit. Bei Terroristen kommt aber ein auslösendes Moment hinzu, das einen Radikalisierungsprozess anstößt. Bei rechtsextremistischen Tätern war dies häufig die Flüchtlingsdebatte, beziehungsweise die Art, wie sie geführt wird.

Haben Verfassungsschutz und die Polizeibehörden die von rechtsextremen Einzeltätern ausgehende Gefahr auf dem Schirm?

Nein, das haben sie nicht. Der Verfassungsschutz erkennt den Tätertypus des "einsamen Wolfes" gar nicht an. Die Behörden gehen noch immer von einem Terrorismus wie bei der RAF, von hierarchischen Organisationsformen, aus. Natürlich muss man zugeben, dass Terrorgruppen vom Verfassungsschutz leichter zu identifizieren sind. Was die Behörden sicherlich stärker in Augenschein nehmen sollten, sind Kommunikationswege wie der über die Spieleplattform Steam, wo sich täglich Millionen Menschen bewegen. Bislang findet das kaum statt, wie der Fall von München zeigte. Einsame Wölfe sind Teil eines globalisierten Rechtsterrorismus, eines virtuellen Netzwerks, in dem potentielle Täter miteinander verbunden sind. Auf unverdächtigen Plattformen chatten sie, spielen gemeinsam und tauschen sich über Anschlagspläne aus. Dort findet innerhalb einer kleinen Minderheit der zentrale wie fatale Radikalisierungsprozess statt.

Vor wenigen Tagen hat die Bundesanwaltschaft mehrere Mitglieder einer rechtsterroristischen Vereinigung namens "Revolution Chemnitz" verhaftet. Ist dies oder auch der NSU ein Gegenbeispiel für Ihre These? Denn hier handelt es sich ja nicht um einsame Wölfe, sondern offenbar um terroristische Netzwerke.

Rechtsterrorismus kann durchaus auch gruppenförmig sein. Das eine schließt das andere keineswegs aus.

Mit Florian Hartleb sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de