Politik

Erdogan im Schloss Bellevue "Er konnte sich nicht als Opfer inszenieren"

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Recep Tayyip Erdogan wurde beim Staatsbankett im Schloss Bellevue "emotional".

(Foto: picture alliance/dpa)

Auf dem Staatsbankett kommt es zum verbalen Schlagabtausch zwischen dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und dem türkischen Staatsoberhaupt Recep-Tayyip Erdogan. Gökay Sofuoğlu von der Türkischen Gemeinde in Deutschland war dabei. Im Interview erklärt er, wie es um die deutsch-türkischen Beziehungen steht.

n-tv.de: Das wichtigste zuerst: Was gab es zu essen?

Gökay Sofuoğlu: Es gab Tomatensalat, Fischsuppe, Sauerbraten und einen leckeren Nachtisch.

Wie war die Stimmung?

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Gökay Sofuoğlu ist Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eigentlich ganz locker. Ich denke, es war so, wie es sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vorgestellt hat. Es handelte sich um einen Empfang auf erster Stufe. Steinmeier hat alles geboten, was er zu bieten hat, um Erdogan und die Delegation so zu behandeln, wie es sich für einen Staatspräsidenten gehört.

Was ist mit den Berichten, dass es zu einer Konfrontation gekommen ist? Steinmeier erinnerte an die inhaftierten Deutschen in der Türkei. Wie haben Sie diesen Moment wahrgenommen?

Steinmeier war natürlich kritisch in seiner Rede. Wobei ich sagen muss, dass ich seinen Nazi-Vergleich überzogen fand: Steinmeier erinnerte daran, wie Deutsche während der Nazi-Herrschaft in die Türkei geflohen sind und wie sich jetzt Türken aus der Türkei nach Deutschland retten. Ich hab immer Probleme mit Nazi-Zeit-Vergleichen. Abgesehen davon war Steinmeier aber sachlich-kritisch.

Erdogan war, das ist zumindest zu hören, alles andere als begeistert. Er wich von seinem Redemanuskript ab und echauffierte sich über "Tausende" PKK-Anhänger, die durch deutsche Straßen schlendern. Kann man von einem Streit sprechen?

Erdogan ist von seinem Manuskript abgewichen, um Steinmeier zu antworten. Er sagte, dass Deutschland in den vergangenen Jahren "Terroristen" beheimatet hat. Er ging auf Kundgebungen mit verbotenen Öcalan-Fahnen ein. Er war etwas emotional. Die "Bild"-Zeitung deklarierte das als "Hassrede", aber das ist völlig überzogen. Erdogan hat sich in seinem Redemanuskript insgesamt sehr versöhnlich gezeigt. Doch bei seiner freien Rede war er emotional, was man von ihm kennt.

In anderen Medien war von einem "Eklat" die Rede, bei n-tv.de von einem "Aufreger"...

Ich würde sagen, es waren kritische Töne von beiden Seiten. Man hat gemerkt, dass Erdogan mit der Kritik Steinmeiers nicht einverstanden war, und er wollte unbedingt antworten. Das war es aber auch. Von einem Eklat kann keine Rede sein.

Cem Özdemir sagte Erdogan eigenen Angaben zufolge beim Defilee: "Ich bedauere, dass von dem früheren Erdogan nichts mehr übrig ist." Schon vorher kündigte der grüne Bundestagsabgeordnete an, er komme vor allem, damit Erdogan ihn aushalten müsse. Wie gut hat Erdogan Özdemir ertragen?

Ich hab die Situation nicht mitbekommen, als Özdemir den Präsidenten zum Händedruck traf. Erdogan wirkte ansonsten vor allem etwas müde. Das verwundert mich aber nicht. Er war ja gerade in den USA. Ich glaube, wer nach Spannungen sucht, kann jeden Blick zur Spannung erklären. Insgesamt war die Stimmung entspannt. Beim Kaffee nach dem Essen war viel Gelächter zu hören - zum Beispiel von der Ehefrau Steinmeiers und der Ehefrau Erdogans. Aber auch Erdogan und Steinmeier selbst lachten zusammen. Ich hatte das Gefühl, das beide versucht haben, eine kritische Versöhnungsphase einzuleiten. Aus meiner Sicht ist das auch gelungen.

Die Sorge vieler Deutscher war, dass der Eindruck entstehen könnte, die Bundesregierung rollt einem Autokraten den roten Teppich aus - trotz unzähliger Probleme. War das Staatsbankett ein Fehler?

Wie auch bei der Pressekonferenz von Kanzlerin Angela Merkel und Erdogan ist klar geworden, dass die deutsche und die türkische Seite in einigen Punkten unterschiedlicher Meinung sind. Und es ist ja kein Geheimnis, dass es viele Probleme gibt. Für mich ist viel interessanter, dass sie versuchen, ihre Kontroversen nicht mehr über die Medien auszutragen. Sie reden mehr miteinander. Ich spüre bei Merkel und Steinmeier ernsthafte Bemühungen für eine Entspannung. Und Erdogan passt sich da an.

Öffentlich entsteht vor allem der Eindruck, dass sich die Bundesregierung ganz schön verrenken muss.

Ich habe das Gefühl, dass einige Medien nur Erdogan sehen - und die Türken in Deutschland und der Türkei gar nicht wahrnehmen. Das verstärkt aber nur die Spannungen. Ich kann bei Axel-Springer verstehen, dass durch die lange Inhaftierung von Deniz Yücel gewisse Emotionen da sind. Ich finde es aber wichtig, auch die verschiedenen Standpunkte zu sehen. Es ist gut, wenn man miteinander redet. Man kann keine Entspannung erreichen, wenn man sich gegenseitig in die Tasche lügt. Man kann sich als Journalist natürlich über die Fliege in der Suppe ärgern. Für mich war das Staatsbankett erstmal ein richtiger Schritt.

Aber hätte nicht auch ein Arbeitstreffen gereicht?

Darüber kann man natürlich streiten. Ich finde, so wie Steinmeier den Staatsempfang organisiert hat, war er richtig. Steinmeier hat Erdogan die Möglichkeit genommen, sich wieder in der Opferrolle in Szene zu setzen. Hätte Deutschland dem türkischen Präsidenten die Ehren eines Staatsbesuchs verwehrt, hätte Erdogan das doch nur genutzt, um weiter zu polarisieren. So konnten die Gespräche aus meiner Sicht ohne Randerscheinungen geführt werden. Es gibt da unterschiedliche Auffassungen: Manche wollen gar keinen Kontakt zu Türkei und zum türkischen Präsidenten. Wir gehören zu denen, die sagen, dass der Dialog notwendig ist. Der muss offen und ehrlich geführt werden. Dieser Besuch schafft hoffentlich eine neue Basis für weitere Gespräche.

Ist der Staatsbesuch bisher also ein Erfolg?

Ja, bis jetzt schon. Aber die Eröffnung der Ditib-Moschee heute Nachmittag wird leider alles überschatten.

Warum?

Kein deutscher Politiker wird teilnehmen, nicht mal die Kölner Stadtverwaltung. Ich hätte mir gewünscht, dass es eine gemeinsame Eröffnungsfeier gibt und das Signal verbreitet wird: Der Islam gehört zu Deutschland. Ich hätte mir auch gewünscht, dass Erdogan dort mit integrierenden Worten etwas gegen die Polarisierung in der deutschen Gesellschaft und in der türkischen Community tut. Das wird nicht der Fall sein. Es wird eher eine Kundgebung von Erdogan sein, die die Debatte weiter anheizt.

Mit Gökay Sofuoğlu sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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