Politik

Haltung zum Islam als Trennlinie "Es gibt einen Kulturkampf in Deutschland"

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Bei einer Demonstration der AfD im Mai 2018 in Berlin.

picture alliance / Kay Nietfeld/

Islamfeindlichkeit ist das einigende Band des Rechtspopulismus, sagt der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez. "Wer ihn bremsen will, muss die Islamfeindlichkeit bekämpfen." Die Medien seien dabei das Nadelöhr.

n-tv.de: Was wiegt stärker in Deutschland: das Vorurteil gegen Muslime oder das gegen Türken?

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Kai Hafez hat den Lehrstuhl für die vergleichende Analyse Mediensystemen an der Universität Erfurt.

(Foto: Uni Erfurt)

Kai Hafez: Islamfeindliche Vorstellungen haben eine sehr lange Geschichte in Europa, das währt schon 1400 Jahre - fast so lange, wie es den Islam gibt. Man wird also sagen können, dass anti-islamische Vorurteile historisch hartnäckiger sind. Ethnische Bilder unterliegen dagegen gewissen Konjunkturen. Vor ein paar Jahren etwa herrschte ein sehr positives Türkei-Bild vor, mit Istanbul als Boomtown und der Türkei als säkularer, aufstrebender Industriegesellschaft.

In der Erklärung, mit der Mesut Özil seinen Abschied von der Nationalmannschaft mitgeteilt hat, ist mehrfach von seinen türkischen Wurzeln die Rede oder von Angriffen gegen ihn, die sich gegen seine türkische Herkunft richteten. Aber nur an einer Stelle spricht Özil davon, dass er Muslim sei. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ausgelöst wurde die Debatte um Özil durch das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten, das zum Teil zu Recht, zum Teil in übertriebener Weise kritisiert wurde. Für Özil selbst war es ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber seiner türkischen Herkunftskultur. Das hat mit Religion nichts zu tun, die muslimische Ebene dürfte für ihn daher von sekundärer Bedeutung gewesen sein. In den feindlichen Äußerungen gegen ihn, die auf das Foto folgten, spielte diese Ebene allerdings durchaus eine Rolle.

Wie stark sind islamfeindliche Einstellungen in Deutschland verbreitet?

Wir haben das vor ein paar Jahren in einer Studie untersucht. Dabei kam heraus, dass fast jeder zweite der Aussage zustimmt, "durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land". Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten, 57 Prozent, sagten, der Islam sei "bedrohlich".

Kann es sein, dass Islamfeindlichkeit eine Art sozial akzeptierter Rassismus geworden ist?

Das ist keine neue Entwicklung. Anders als beim Antisemitismus hat es in diesem Bereich nie eine wirklich durchgreifende Tabuisierung gegeben. Antisemitismus und die eigene Vergangenheit des Holocaust sind in Deutschland seit den 1960er-Jahren vehement diskutiert worden. Getragen wurde diese Debatte von einer breiten Koalition aus Massenmedien, politischen Akteuren und Bildungsträgern. Sie hat mit dieser Erblast so aufgeräumt, dass der Antisemitismus an die Ränder der öffentlichen Meinung gedrängt wurde. Eine vergleichbare Debatte hat es über Islamfeindlichkeit nie gegeben. Aber wir werden diese Debatte führen müssen, wir werden uns der fortgesetzten Existenz dieser Feindbilder in unserer Kultur stellen müssen.

Wer soll eine solche Debatte führen? Erfolgreich sind nicht Bücher, die Islamfeindlichkeit thematisieren, sondern solche, die den Islam zum Feindbild erklären.

Das ist schon richtig. Es gibt eine Art Kulturkampfsituation in Deutschland, auch in anderen westlichen Gesellschaften. Diese Gesellschaften erleben eine Spaltung, die man an der Haltung zum Islam festmachen kann: Der eine Teil unserer Gesellschaften ist liberal, kosmopolitisch und weltoffen und bereit, den Islam in diese Liberalität einzuschließen, natürlich unter dem Vorbehalt, dass Muslime sich ihrerseits integrationsfähig zeigen. Der andere Teil hegt fundamentale Feindbilder. Muslime werden als unerwünscht betrachtet, ihre Abwehr wird definiert als Außengrenze unserer Kultur. Insofern ist die Frage berechtigt, ob der Zeitpunkt günstig ist für eine solche Debatte.

Und, ist er günstig?

Auch der Rahmen für die Antisemitismus-Debatte der Sechzigerjahre war keineswegs nur förderlich. Umfragen zeigen, dass 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein großer Teil der deutschen Bevölkerung noch immer antisemitisch war. Damals ist aber von einer breiten gesellschaftlichen Koalition der Bildungseliten etwas geleistet worden, das meines Erachtens jetzt wiederholt werden muss. Günstig ist der Zeitpunkt auch aus anderer Sicht: Islamfeindlichkeit ist das einigende Band des Rechtspopulismus. Wer ihn bremsen will, muss die Islamfeindlichkeit bekämpfen. Die Medien sind dabei das Nadelöhr. Leider liefern sie populistischen Positionen häufig Schützenhilfe, indem sie ihnen einen Echoeffekt verschaffen.

Thilo Sarrazin veröffentlicht demnächst ein Buch über den Islam, das alle anti-islamischen Vorurteile bestätigen wird, wenn man der Ankündigung des Verlags glauben darf. Nehmen wir also die Sarrazin-Debatte vor acht Jahren als Beispiel. Was hätten die Medien aus Ihrer Sicht damals anders machen sollen?

Sarrazin war möglicherweise ein talentierter Finanzsenator in Berlin - das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Experte für Migrationsfragen ist er nicht. Man hätte ihm und seinem Buch daher deutlich weniger Aufmerksamkeit schenken sollen. Warum er damals ein so großes Echo erhielt, ist mir bis heute unverständlich. Das ging ja weit über das übliche Maß einer Buchpublikation hinaus: Alle Zeitungen gaben ihm großzügig Platz für Vorabdrucke und Interviews, im Fernsehen wurde er über Monate mit Beachtung bedacht. Möglicherweise hatte das mit sensationalistischen Neigungen auch seriöser Medien zu tun, die eine solche Berichterstattung offensichtlich zum Teil ihres Geschäftsmodells erhoben haben. Die Medien haben damals jedenfalls kräftig mitgeholfen, einen geistigen Brandstifter des Rechtspopulismus groß zu machen. Das darf sich so nicht wiederholen. Es geht um die kritische Würdigung der Qualität von Büchern. Es sollte nicht darum gehen, sie künstlich hochzuschreiben.

Seine Anhänger sagten damals, die Medien hätten versucht, Sarrazin mundtot zu machen.

Das ist wissenschaftlich untersucht worden und schlicht nicht haltbar. Sarrazin erzielte eine geradezu irrsinnige Beachtung mit kritischen, aber auch mit würdigenden Beiträgen. Kommunikationstheoretisch ist das ganz einfach: Sarrazin wurde zu einem legitimen Gesprächspartner über Integration und Migration aufgewertet, der er aus wissenschaftlicher Sicht nicht war. Seine Thesen beruhen auf falschen Annahmen - bis hin zu einer Konstruktion genetischer Rassenunterschiede.

In seinem neuen Buch wird Sarrazin laut Verlag fordern, die Einwanderung von Muslimen zu stoppen.

Mit Sicherheit wird es auch dafür ein Publikum geben. Sarrazin ist offensichtlich geschickt darin, bestimmte politische Strömungen aufzunehmen. Aber verfassungskonform ist das nicht. Es ist durchaus möglich, dass Menschen in Deutschland rassistisches Gedankengut haben, das ist vom Gesetz geschützt. In unserem Erziehungssystem und in unseren Institutionen hat Rassismus aber nichts verloren, weil es hier einen Verfassungsauftrag gibt, den wir hochzuhalten haben. Die Forderung, die Einwanderung von Angehörigen einer bestimmten Religion zu verbieten, richtet sich gegen den säkularen Charakter unserer Verfassung. Sollten überhaupt jemals entsprechende Gesetze geschrieben werden, was ich bezweifle, würden die Gerichte sie sofort kassieren.

Mit Kai Hafez sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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