Politik

Kommt nach dem IS die Rache? "Es ist undenkbar, einfach zu vergessen"

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Spezialeinheiten der SDF in Nordsyrien. Das Bündnis und Assads Truppen kontrollieren nun ein Großteil des Landes.

(Foto: REUTERS)

Der IS ist vertrieben, die ehemaligen Gebiete des Kalifats beherrschen jetzt das Assad-Regime und kurdische Kämpfer. Wird es nun friedlicher? Für wahrscheinlicher hält ein syrischer Journalist, dass nun die Zeit der Rache an Kollaborateuren kommt.

Die Terrormiliz Islamischer Staat ist am Ende und die ehemaligen Gebiete des Kalifats beherrschen jetzt das Assad-Regime und kurdische Kämpfer. Wird es nun also friedlicher in Syrien? Der syrische Journalist Kamiran Sadoun, der als Sonderkorrespondent für die US-Zeitung "L.A. Times" berichtet, erklärt, wie tief Misstrauen und Rachegefühle in der Bevölkerung sitzen und warum er glaubt, dass die Gewalt in Syrien anhalten wird.

n-tv.de: Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung, seitdem der sogenannte Islamische Staat (IS) vertrieben wurde?

Kamiran Sadoun: Innerhalb der Bevölkerung ist das gegenseitige Misstrauen groß. Die Menschen sind skeptisch und haben Angst voreinander. Während der letzten sechs Jahre hat die Region viele unterschiedliche Machthaber erlebt: Erst das Assad-Regime, unter dem es Konflikte und Gewalt gab. Dann kam die Freie Syrische Armee, dann die Islamisten von Ahrar al-Sham, dann die Nusra-Front und zuletzt der Islamische Staat. Mit all diesen Gruppen haben Teile der lokalen Bevölkerung kollaboriert oder sich ihnen gar angeschlossen. All diese Organisationen haben gegeneinander gekämpft und in der Folge kam es zu Racheakten. Nachdem der IS vertrieben wurde, beherrscht das Regime nun wieder die Gebiete südlich des Euphrats. Nördlich herrschen die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF). Doch die Unsicherheit in der Bevölkerung ist groß, denn niemand weiß, wer zukünftig das Sagen haben wird.

Bekämpfen sich aktuell also Opfer des IS und ehemalige Unterstützer der Miliz?

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Kamiram Sadoun arbeitet in Syrien als Sonderberichterstatter für die US-Zeitung "L.A. Times".

Im Moment ist die Situation noch relativ ruhig. Aber die Risse in der Gesellschaft sind tief und werden zukünftig für enorme Probleme sorgen. Die Situation in Deir Ezzor lässt sich vermutlich mit der in den Gegenden um Mossul im Irak vergleichen, aus denen der IS vor rund einem Jahr vertrieben wurde. Dort war es anfangs auch ruhig, wenige Tage nach Ende der großen Kämpfe konnte man die meisten Gegenden besuchen. Doch in den arabischen Gesellschaften ist es undenkbar, einfach zu vergessen. Damals sagte mir ein Iraker, der IS habe 36 Mitglieder seiner Familie getötet. Natürlich wollte er Rache. Einige Monate später begannen dann die Morde und Entführungen.

Ähnlich wird es in Deir Ezzor sein. Der IS hat tausende Mitglieder des ansässigen Shaitat-Stammes ermordet. Sie alle wollen Rache. Aber Rache an wem? Sie werden die anderen Stämme ins Visier nehmen, die mit dem IS kollaboriert haben. Die Zeichen stehen auf Bürgerkrieg. Die Großmächte verkünden zwar, dass der IS besiegt und die Gebiete befreit seien. Doch die vielen Schläferzellen und Konflikte innerhalb der Stämme werden die kommenden Jahre bestimmen.

Gibt es Unterschiede in der Sicherheitslage zwischen den Gebieten, die vom Assad-Regime kontrolliert werden und solchen, die unter Kontrolle der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) stehen?

Generell steht derzeit überall noch der Kampf gegen den IS und seine Schläferzellen an erster Stelle. Die Sicherheitslage ist in Ordnung, viele Menschen aus Regime-Gebieten südlich des Euphrats fliehen aber in die von den SDF kontrollierten Gebiete nördlich des Flusses. Sie vertrauen den Kurden mehr als dem Assad-Regime. Als 2011 die Proteste begannen, stellten sich viele von ihnen gegen das Assad-Regime. Nun haben sie Angst vor dessen Rache. Außerdem ist die Versorgung in den SDF-Gebieten besser. Es gibt Flüchtlingslager, in denen zumindest eine Grundversorgung mit Essen sichergestellt wird.

Zusätzlich gibt es Menschen, die über die SDF-Gebiete in von der Türkei kontrolliertes Territorium im Nordwesten Syriens fliehen. Die überwiegende Mehrheit flieht jedoch tiefer in die SDF-Gebiete, wo sie weder die Rache des Assad-Regimes noch die Rache anderer arabischer Gruppen fürchten müssen.

Wie ist die humanitäre Situation?

Die Situation ist schrecklich. Es sind viele NGOs aktiv, doch sie operieren unter Einverständnis der kurdischen Selbstverwaltung und werden vom Assad-Regime als illegal betrachtet. Deshalb dürfen sie südlich des Euphrats keine Hilfe leisten. Auch die UN sind aktiv und tun so viel sie können, doch insgesamt kommt die Arbeit nicht gut voran. Es gibt unzählige Minen, keine Krankenhäuser, eine schlechte Wasserversorgung und zu wenig Essen.

Mit Kamiram Sadoun sprach Lars Hauch.

Quelle: ntv.de