Politik

Flucht aus Mossul "Europa ist in Reichweite"

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Ein Mann aus Bazwaia im Osten Mossuls flieht mit Hab und Gut.

(Foto: REUTERS)

Die Region Kurdistan im Irak hat bereits fast zwei Millionen Flüchtlingen Schutz geboten. Der Bürgermeister der Hauptstadt Erbil, Nihad Latif Qoja, rechnet wegen des Sturms auf Mossul mit bis zu 800.000 weiteren. Was tun?

n-tv.de: Der Sturm auf Mossul läuft. Bekommt man davon im nahen Erbil schon etwas mit?

Nihad Latif Qoja: Natürlich. Die Offensive ist für die Stadt Erbil sehr wichtig, wenn es um Sicherheit geht. Wir spüren jetzt aber auch allmählich die Welle von Flüchtlingen, die auf uns zukommt. Die Menschen werden zwar nicht in der Stadt untergebracht, aber unsere Organisationen haben für sie Flüchtlingslager zwischen Mossul und Erbil eingerichtet.

Um wie viele Lager für wie viele Flüchtlinge handelt es sich?

Sechs oder sieben Flüchtlingslager sind bereits fertiggestellt. Ich glaube, weitere drei sind im Bau. Wir erwarten letztlich insgesamt zwischen 500.000 und 800.000 Flüchtlinge aus Mossul.

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Nihad Latif Qoja vor seinem Amtssitz in Erbil. Der Bürgermeister weiß selbst, was es bedeutet zu flüchten. Während der Ära Saddam Husseins fand er Schutz in Deutschland und lebte dort mehr als 20 Jahre.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wie viele davon sind aus der Stadt schon geflohen?

Die Kämpfe finden derzeit ja noch überwiegend in den Dörfern und Kleinstädten rund um Mossul satt. Bisher sind es ungefähr 40.000 Flüchtlinge. Manche, insbesondere die aus dem Westen Mossuls, haben sich in Richtung syrischer Grenze begeben. Sobald die Kämpfe in Mossul selbst stattfinden, ist aber mit jener Flüchtlingswelle zu rechnen, von der ich gesprochen habe. Mit einem Vorbehalt jedoch – dass die IS-Kämpfer die Leute auch gehen lassen. Sie nehmen Zivilisten oft als Geiseln, als menschliche Schutzschilde.

Erbil und die gesamte Region Kurdistan haben schon vor dem Sturm auf Mossul viele Flüchtlinge aufgenommen. Wie ist die Lage dieser Menschen?

In den letzten Jahren waren es 1,8 Millionen Menschen, die wir hier beherbergt haben. Sie kamen vor allem aus umkämpften Gebieten wie Ramadi, Tikrit, Samara, Diyala und Falludscha. Diese Menschen wollen allmählich zurückgehen, aber in allen befreiten Gebieten ist die Infrastruktur zerstört. Die Menschen brauchen Strom, Wasser, ein Gesundheitssystem und Schulen. Bis das vorbereitet ist, dauert es lange.

Und jetzt rechnen Sie mit noch mehr Flüchtlingen. Wie stemmt man das?

Es ist eine große Herausforderung. Wir haben vorzeitig alle Hilfsorganisationen um humanitäre Hilfe gebeten. Die UN haben sich eingeschaltet und ein Abkommen mit der Regionalregierung unterschrieben. Sie werden sich aktiv an der Hilfe beteiligen. Wir fordern aber auch die humanitären Organisationen insbesondere in Europa und Deutschland auf, noch vor dem Wintereinbruch Hilfe zu leisten.

Von was für Summen sprechen wir? Kurdistan selbst steckt ja gerade in einer schweren Wirtschaftskrise.

Ich kann keine genaue Summe nennen. Aber wir befinden uns hier nun schon seit Jahren im Krieg. Vielerorts ist Infrastruktur zerstört. Es geht um Milliarden. Da sind die Geldgeberländer, die Industrienationen gefragt, sich stark zu machen.

Haben die denn bisher genug getan?

Die humanitäre Hilfe war nicht schlecht. Aber wenn man sich die Zahlen anschaut, handelt es sich trotzdem nur um den Tropfen auf dem heißen Stein. Wir haben uns immer eines gefragt: Die Türkei hat Milliarden an Hilfe bekommen, auch völlig zu Recht. Jordanien und der Libanon ebenfalls. Aber was ist mit der Kurdistan-Region? Bisher sind nur ein paar Millionen zu uns geflossen.

Spielen die schwierigen Beziehungen zur Regierung in Bagdad, die die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden im Irak fürchten, dabei eine Rolle?

Die Zentralregierung in Bagdad hat Hilfe und Zusammenarbeit lange blockiert. Sie hat den Anteil am Haushalt, der der kurdischen Region zusteht, seit knapp drei Jahren nicht mehr ausgezahlt. Außerdem hat sie direkte Hilfen aus dem Ausland an uns behindert, um aus politischen Gründen Druck auf uns auszuüben.

Bagdad ist insbesondere beim Sturm auf Mossul auf die kurdischen Streitkräfte, die Peshmerga, angewiesen. Hilft das den Beziehungen?

Ja, ohne die Hilfe der Peshmerga wird es dort keine Stabilität geben. Die Beziehungen zu Bagdad haben sich in den vergangenen zwei Monaten auch normalisiert, nachdem unser Präsident Masud Barzani sich mit dem irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi getroffen hat.

In Deutschland haben rund 890.000 Migranten im vergangenen Jahr zu gesellschaftlichen Verwerfungen wie Fremdenfeindlichkeit und einer spürbaren Radikalisierung in der Debatte geführt. Machen Sie ähnliche Erfahrungen?

Viele Menschen in der Region Kurdistan haben selbst Fluchterfahrungen gesammelt - in den 1970er, 1980er und auch noch 1990er Jahren. Die Menschen hier wissen, was es bedeutet, wenn man seine Heimat verlassen muss. Trotz der wirtschaftlichen Krise, die wir haben, ist die Hilfsbereitschaft da.

In der Region gibt es nicht nur Binnenvertriebene aus dem Irak, sondern auch viele Menschen aus Syrien. Gibt es keine Fremdenfeindlichkeit?

Nein, überhaupt nicht. Als die erste Flüchtlingswelle bei uns ankam, hat die Regionalregierung auch den Menschen aus Syrien sofort eine Arbeitserlaubnis erteilt. Das hat eine positive Wirkung für die Bevölkerung und die Flüchtlinge entfaltet.

Werden die Menschen, die nun aus Mossul kommen, in der Region Kurdistan bleiben oder vielleicht doch ihr Glück in Europa suchen?

Wenn man die Gesamtsituation der vergangenen Jahre in den Blick nimmt, hat die Weltgemeinschaft den Krieg im Irak und in Syrien nicht ausreichend ernst genommen. Das führte zur ersten Flüchtlingswelle nach Europa. Und es ist doch klar: Wenn man den Menschen, die jetzt aus Mossul kommen, und wir sprechen hier wirklich von einer Horrorzahl, keine Hoffnung und keine Perspektive in Nähe ihrer Heimat gibt, werden sie sich auf den Weg machen. Europa ist der nächste Kontinent in Reichweite. Wir sollten diesen Menschen helfen, hier in der Region bleiben zu können, bis die Kämpfe vorüber sind, damit sie wieder in ihr Zuhause zurückkehren können.

Mit Nihad Latif Qoja sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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