Politik

"Weiße kommen damit durch" Fassungslosigkeit über Polizeiversagen

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Stellenweise geriet die Polizei am Kapitol in die Defensive - stellenweise gab sie auch von sich aus nach.

(Foto: REUTERS)

Aufgehetzte Trump-Anhänger stürmen das hochgesicherte Kapitol und stoßen kaum auf Gegenwehr. Die Polizei ist unvorbereitet und überfordert, teils kommt es gar zur Verbrüderung. Die Demokraten fordern Konsequenzen.

Weltweit haben entsetzte Beobachter sich am Mittwoch gefragt, wie es zum Sturm auf das Kapitol in Washington kommen konnte. Dass US-Präsident Donald Trump Anhänger hat, die radikal genug sind, auf sein Geheiß hin zum Äußersten zu gehen, ist dabei noch am wenigsten überraschend.

Erstaunlich war, dass ein Mob in eines der am besten gesicherten Parlamentsgebäude der Welt eindringen konnte. "Normalerweise kann man die Treppe da nicht so leicht raufgehen", sagte Peter Kleim, Korrespondent für ntv und RTL in Washington. "Was wirklich verstörend ist, dass am Ende einige oder viele dieser Demonstranten von den Polizisten einfach wieder herausgeleitet wurden, ohne dass sie festgenommen wurden. Das alles ist schon sehr seltsam."

Das Kapitol, Sitz des Kongresses, beschäftigt 2000 Polizisten, die für das Gebäude und die unmittelbare Umgebung zuständig sind. Die anwesenden Sicherheitskräfte leisteten kaum Widerstand.

Bis zum späten Mittwochabend (Ortszeit) wurden lediglich 52 Personen festgenommen. Selbst der Mann, der sich im Büro der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, fotografieren ließ und dabei einen Fuß auf den Schreibtisch legte, kam unbehelligt wieder aus dem Gebäude heraus. Bilder, die auf Twitter veröffentlicht wurden, zeigen ihn nach der Erstürmung des Kapitols mit einem Brief, der offensichtlich aus Pelosis Büro stammt. Ein QAnon-Verschwörungsgläubiger, der mit Hörner-Mütze und nacktem Oberkörper durch das Kapitol stiefelte, sagte einem kanadischen Journalisten, die Polizei habe irgendwann aufgehört, ihn und andere Trump-Anhänger aufhalten zu wollen. Nach einer Weile habe man ihn höflich gebeten, wieder zu gehen. Festgenommen wurde er nicht.

Nicht nur Journalisten, auch Kongressabgeordnete fragten sich, wie es passieren konnte, dass Türen eingeschlagen und Büros besetzt wurden. "Das waren illegale Handlungen, diese Leute hätten sofort festgenommen werden müssen", sagte der Demokrat Tim Ryan laut "Washington Post". Er forderte rasche personelle Konsequenzen. "Ich glaube, es ist ziemlich klar, dass eine ganze Reihe von Personen sehr, sehr bald ohne Arbeitsplatz dastehen wird."

Vier Tote

Bei den Ereignissen kamen vier Menschen ums Leben. Eine Frau wurde von einem Kapitol-Polizisten angeschossen und starb später im Krankenhaus. Die drei anderen Todesfälle klingen in der Darstellung der Washingtoner Polizei nach Unfällen: "Eine erwachsene Frau und zwei erwachsene Männer scheinen an unterschiedlichen medizinischen Notfällen gelitten zu haben, die zu ihrem Tod führten", sagte Polizeichef Robert Contee.

Nach den Schüssen bat die Kapitol-Polizei um Hilfe der Washingtoner Polizei. Zusätzliche Unterstützung kam aus anderen Bundesstaaten sowie von der Nationalgarde, die im District of Columbia dem Präsidenten untersteht. Allerdings schickte nicht Trump die Nationalgarde, sondern Vizepräsident Mike Pence, wie CNN berichtet. Der Sender weist darauf hin, dass Trump bei Protesten anderer Art nie Hemmungen hatte, die Nationalgarde zu entsenden.

Eigentlich sind die Mitglieder der Kongress-Polizei darauf trainiert, Demonstranten bereits von den Marmor-Treppen des Kapitols fernzuhalten, so Terrance Gainer, einer der ehemaligen Chefs der Truppe. Doch sie wurden überrannt. "Nachdem sie die Treppe verloren hatten, verloren sie auch Türen und Fenster", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir müssen dringend gründlich aufarbeiten, was falsch gelaufen ist."

Selfie mit den Eindringlingen

Auffällig war auch der Unterschied zur Reaktion der Polizei auf die Black-Lives-Matter-Proteste im vergangenen Jahr. Obwohl Trump-Anhänger sich in der Nähe des Kapitols zu einer Kundgebung versammelten, patrouillierten in den Straßen deutlich weniger und weniger martialisch ausgerüstete Sicherheitskräfte als damals. Am Kapitol trugen die Polizisten normale Uniformen, berichtet die "Washington Post". Auf einem Film ist zu sehen, wie ein Polizist im Gebäude zusammen mit Eindringlingen für ein Selfie posiert.

Die demokratische Abgeordnete Marcia Fudge, die als Ministerin für Stadtentwicklung in Bidens Kabinett eintreten soll, sagte der Zeitung "USA Today", es gebe keinen Zweifel, dass die Sicherheitskräfte anders auf die Ausschreitungen der Trump-Anhänger reagierten als auf die Proteste gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt. "Die Kapitol-Polizisten waren unvorbereitet, ineffektiv und einige von ihnen machte sich zu Komplizen. Sie alle sollten zur Rechenschaft gezogen werden."

Eine noch bittere Bilanz zog die Abgeordnete Attica Scott aus dem Parlament von Kentucky, die im vergangenen Jahr selbst bei einer Demonstration festgenommen worden war. Man könne bei einer Demonstration festgenommen werden, nur weil man schwarz sei, sagte sie der "New York Times", "aber wenn du weiß bist und randalierst, kommst du damit durch".

Quelle: ntv.de, mit rts