Politik

Unabhängigkeitstag der Ukraine Feiern können die Ukrainer erst nach dem Sieg

311845820.jpg

In Kiew könnten die Ukrainer derzeit kaputte russische Panzer besichtigen. Zugleich ist die Sorge groß, dass Russland an diesem Mittwoch seinen Beschuss noch einmal verstärkt.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Dieser Mittwoch ist ein stark symbolischer Tag: Er markiert ein halbes Jahr seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Zugleich begeht die Ukraine ihren Unabhängigkeitstag. Trotz des Raketenterrors kann von Kriegsmüdigkeit keine Rede sein.

Als die unabhängige Ukraine im vergangenen Jahr 30 wurde, feierte sie das stolze Jubiläum unter anderem mit einem riesigen Konzert. Der 24. August 2022, der Tag, der außerdem noch ein halbes Jahr des russischen Überfalls markiert, wird völlig anders aussehen - ohne jegliche öffentliche Feierlichkeiten. Zu groß ist die Gefahr, dass es an diesem symbolischen Datum zu einem massiven Raketenbeschuss seitens der Russen kommen könnte. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Menschen bereits aufgerufen, Luftalarme nicht zu ignorieren.

Es sind ganz klar nicht die besten Umstände für einen der wichtigsten Feiertage des Jahres in diesem Land. Das Leid, welches die Ukrainer in den letzten sechs Monaten erlitten haben, ist enorm. Doch einen bedeutenderen Unabhängigkeitstag hat die Ukraine noch nicht erlebt. Jahrhundertelang kämpften die Ukrainer für ihre Identität, gegen die Unterdrückung der eigenen Kultur und Sprache sowie für ihre Staatlichkeit. Auch wenn der Zerfall der Sowjetunion aus heutiger Sicht logisch erscheint, kam er 1991 durchaus plötzlich. Die Ukrainer bekamen damals, was sie wollten, ohne es zu diesem Zeitpunkt wirklich erwartet zu haben - und mussten sich damit erst zurechtfinden.

Als Putin am 21. Februar 2022 mit seiner langen Ansprache die eigene Bevölkerung auf einen Krieg vorbereitete, sprach er der Ukraine komplett und auf allen Ebenen das Existenzrecht ab. Dennoch steht die Staatlichkeit der Ukraine ein halbes Jahr nach Beginn der "Spezialoperation" trotz einiger faktischer Gebietsverluste nicht in Frage. Vielmehr glauben mehr als 90 Prozent der Ukrainer unverändert an einen Sieg - und Klischees über die geteilte ukrainische Gesellschaft sind endgültig aus der Zeit gefallen.

Noch nie haben die Ukrainer ihre Unabhängigkeit so geschätzt wie heute

Eigentlich passierte das bereits im Frühjahr 2014 mit der russischen Annexion der Krim und dem Beginn des Kriegs im Donbass, als der neue ukrainische Unabhängigkeitskampf wirklich anfing - der gegen einen aggressiven Nachbarn, den allein schon die Existenz einer ukrainischen Identität stört und der zudem noch eine Atommacht ist. Im überwiegend russischsprachigen Südosten gab es auch danach durchaus Menschen, die mit der Politik der Regierung in Kiew unzufrieden waren. Russlandfreundlich blieb jedoch nur eine marginale Minderheit. Nun hat sich jegliche Russlandfreundlichkeit in der Politik mindestens auf viele Jahrzehnte komplett erledigt. Viele Ukrainer, die früher im Alltag Russisch sprachen, wechseln ins Ukrainische.

Keiner weiß, wie lange dieser Krieg noch dauert und welche zusätzlichen Opfer die Ukraine für ihre Unabhängigkeit noch bringen muss. Auch wird die ukrainische Gesellschaft wohl nie heterogen sein; dafür ist das Land zu groß und politisch zu bunt, was schon die Orange und die Maidan-Revolution gezeigt haben. Noch nie in diesen 31 Jahren haben die Ukrainer aber als Ganzes ihre Unabhängigkeit so wertgeschätzt wie heute. Und noch nie haben sie so gut die klassische ukrainische Literatur verstanden, über die viele sich in der Schule lustig gemacht haben, weil es dort meist um Unterdrückung und Leid geht.

In Kiew herrscht wieder Leben

All das führt dazu, dass von Kriegsmüdigkeit in der Ukraine praktisch nicht die Rede ist. Natürlich sind die Menschen nach diesen schrecklichen sechs Monaten müde, natürlich sehnen sie sich nach einem Leben in Frieden. Doch es ist ein von der Ukraine nicht gewollter Krieg, von dem die Existenz des Landes abhängt - und da ist man auch für einen schlechten Frieden aufgrund eines faktischen Kapitulationsabkommens, wie es die Minsker Vereinbarungen waren, schlicht nicht bereit. Die neue Vertagung des Konflikts mit der Gewissheit, in wenigen Jahren wieder von Russland überfallen zu werden, würde den Ukrainern nichts bringen. Frieden kann nur aus einer Position der Stärke geschlossen werden - dieser Konsens der Ukrainer überwiegt jede Müdigkeit.

Trotz dieser Realität und trotz ständiger Luftalarme versuchen die Menschen immer mehr, so normal wie möglich ihrem Alltag nachzugehen. Das ist auch der Wunsch der ukrainischen Regierung, die unter anderem die Austragung der neuen Saison der ukrainischen Fußball-Liga trotz des Kriegs auf heimischem Boden unterstützte. Eine Weile schien die Behauptung der Kiewer Stadtverwaltung, es würden sich in der Hauptstadt wieder drei Millionen Menschen befinden, nicht glaubwürdig. Doch im Moment sieht es in der Tat danach aus. Die Innenstadt füllt sich, die Cafés werden voller, obwohl die meisten Ukrainer an Einkommen eingebüßt haben. Es fahren auch wieder deutlich mehr Autos, denn von der einstigen Benzinknappheit war zuletzt nichts mehr zu spüren.

Anders als zu Beginn des Sommers herrscht in Kiew wieder Leben. Auch das ist ein Zeichen der Stärkte, welches die Ukraine im Angesicht dieses blutigen russischen Angriffs zeigt. Wirklich feiern können die Ukrainer erst nach dem Sieg gegen Russland. Doch an diesem Unabhängigkeitstag gibt es trotz des ganzen Elends genug Gründe, auf sich und das eigene Land stolz zu sein, auch wenn der ukrainische Unabhängigkeitskampf noch immer nicht zu Ende ist.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen