Politik
Prof. Dr. Thomas Pollmächer ist der Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit in Ingolstadt.
Prof. Dr. Thomas Pollmächer ist der Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit in Ingolstadt.
Samstag, 03. Februar 2018

Wenn Patienten gefesselt werden: "Fixieren ist immer nur die Ultima Ratio"

Zwei Psychiatriepatienten klagen vor dem Bundesverfassungsgericht, weil Ärzte sie ohne das nötige richterliche Gutachten hatten fixieren lassen. Ist das Fixieren von Patienten in Psychiatrien und Pflegeheimen notwendig? Oder ist es eine veraltete Methode? Der Neurologe Thomas Pollmächer gibt im Interview mit n-tv.de einen Überblick über das Fixieren im medizinischen Alltag.

n-tv.de: Wie bewerten Sie den Schritt der zwei Patienten, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen und gegen die Fixierung beziehungsweise die fehlende richterliche Verfügung zu klagen?

Thomas Pollmächer: Ich halte das grundsätzlich für richtig. Es gibt zwei rechtliche Bereiche, die zur Rechtfertigung einer Fixierung herangezogen werden können. Das sind die zivilrechtliche und die öffentlich-rechtliche Unterbringung. Schon jetzt muss die Fixierung bei einer zivilrechtlichen Unterbringung durch ein  Gericht genehmigt werden. Ich halte es deshalb für richtig und erwarte, dass das Bundesverfassungsgericht so urteilen wird, dass in Zukunft solche Fixierungen auch bei öffentlich-rechtlicher Unterbringung richterlich genehmigt werden müssen, wenn sie nicht in einer absoluten Akut-Situation passieren. Solche Situationen entstehen so kurzfristig, dass eine richterliche Genehmigung so schnell nicht eingeholt werden kann. Aber in einem der beiden aktuellen Fälle handelt es sich um Fixierungen über den Zeitraum von mehreren Wochen. Da ist es natürlich vollkommen richtig und wichtig, dass eine unabhängige richterliche Überprüfung stattfindet.

Wann wird denn heutzutage noch fixiert?

Die Fixierung ist nicht auf die Psychiatrie beschränkt. Patienten werden fixiert, wenn es darum geht, eine akute Gefahr abzuwenden, ungeachtet ob sie in der Psychiatrie sind, in der somatischen Medizin oder in einem Pflegeheim. Eine klassische Situation ist, dass im Rahmen einer Intoxikation mit Drogen massive Erregungszustände entstehen. Dann wissen Patienten oft nicht mehr, wo sie sind, was sie tun und fühlen sich bedroht, sodass sie alles kurz und klein schlagen. Auch nach einer OP, wenn ein älterer Patient nach einer Operation im Delirium auf der Intensivstation liegt und versucht, sich sämtliche Schläuche zu ziehen, kann er kurzfristig fixiert werden. Aber Fixierungen sind natürlich kein Teil der Behandlung. Anders war das früher - im 18. und 19. Jahrhundert hat man in der Tat gedacht, man könnte durch Fixierungen psychische Erkrankungen heilen.

Wie oft wird in Pflegeheimen und Psychiatrien noch fixiert?

Die Patientenklage

Das Bundesverfassungsgericht befasst sich derzeit mit den Beschwerden zweier Psychiatriepatienten. Sie klagen dagegen, dass sie ohne richterliche Verfügung über einen längeren Zeitraum fixiert wurden. Das Gericht berät nun darüber, ob es sich um staatliche Freiheitsberaubung handelt. Ein Termin für das Urteil steht noch nicht fest.

Es gibt dazu keine definitiven Zahlen. Es werden wesentlich mehr Patienten in Alten- und Pflegeheimen sowie in der Somatik fixiert als in der Psychiatrie. Als Maßnahme, um eine Notfallsituation zu beherrschen, ist es nach wie vor unverzichtbar, wenngleich mit allen Mitteln versucht wird, die Anwendung so weit wie möglich zu reduzieren. Die behandelnden Ärzte und Pfleger versuchen immer, bevor sie eine Fixierung anordnen, erstmal zu deeskalieren. Das heißt: Mit dem Patienten irgendwie in Kontakt kommen, mit ihm sprechen, ihn beruhigen und eine Fixierung verhindern. Aber nochmal: Als Behandlungsmethode ist das Ganze vollkommen obsolet.

Was spricht für eine Fixierung?

Es gibt tatsächlich Situationen, in denen Ärzte verhindern müssen, dass der Patient sich und andere verletzt. Da gibt es zwei alternative Möglichkeiten. Die eine ist die Isolierung: Man bringt Patienten in einen Raum, in dem sie alleine sind und in dem sie sich möglichst wenig selbst verletzen können. Aber auch das ist manchmal zu gefährlich. Und die Alternative ist die medikamentöse Ruhigstellung mit hohen Dosen von Psychopharmaka.

Welchen Weg schlagen Sie vor, um das Fixieren zu verhindern?

Wesentlich ist, weiter an der Prävention zu arbeiten. Das heißt, dass es gar nicht erst zu solchen Situationen kommt. Früher hat man sehr häufig demente Patienten fixiert, damit sie nicht aus dem Bett fallen. Heute gibt es Betten, die runtergefahren werden können, wenn der Patient im Bett liegt. Dann kann nichts mehr passieren, wenn er herausfällt. Andere Fixierungen können durch Deeskalationstechniken verhindert werden oder dadurch, dass man für die Patienten genug Raum, Platz und Personal hat. Es ist natürlich ein großer Unterschied, ob ein erregter Patient auf ein Team von drei Leuten trifft, die ihn in einen großzügigen Raum, vielleicht auch mit einem kleinen Garten bringen, wo er rauchen kann. Oder ob er in einem winzigen Raum einer Notaufnahme von einem einzigen Pflegenden betreut werden muss.

Wie kritisch sehen Sie persönlich die Maßnahme des Fixierens?

Ich sehe das grundsätzlich immer kritisch. Sie stellt immer eine Ultima Ratio dar, also eine Maßnahme, die man erst dann durchführen darf, wenn keine andere Methode hilft.

Welche Folgen kann die Fixierung für den Patienten haben, psychisch und auch physisch?

Eine Fixierung kann zu Verletzungen des Patienten führen, wenn er sich wehrt. Sie kann erhebliche psychische Folgen haben, bis hin zu einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das können aber die anderen Maßnahmen, die als Alternativen denkbar wären, auch verursachen.

Mit Thomas Pollmächer sprach Finn Tönjes

Quelle: n-tv.de