Politik

Was tue ich mir da an? Frauke Petry fast allein am Stand

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"Anständig konservativ": Frauke Petry auf dem Marktplatz in Pirna.

(Foto: Thomas Schmoll)

Die frühere AfD-Vorsitzende Petry kämpft um den Wiedereinzug in den sächsischen Landtag. Sie scheint auf verlorenem Posten zu sein. Wie schwierig es für sie ist, zeigt ein Besuch in Pirna.

Die sächsische Kleinstadt Pirna, an einem Augusttag: Der hübsche Marktplatz des Ortes, südöstlich von Dresden gelegen, erstrahlt im Glanz der Sonne und macht seinem Namen alle Ehre. Händler bieten ihre Ware feil. Vom vielzitierten "entvölkerten Osten" ist hier gerade nichts zu spüren. Der Markt und das Café "Canaletto" sind voll.

Weniger turbulent geht es am Wahlkampfstand von Frauke Petry direkt neben der Gemüsehändlerin zu. Auf einem Plakat präsentiert sich die 44-Jährige ein bisschen wie die Inka Bause der Politik: burschikos mit gestylter Kurzhaarfrisur, sitzend mit aufgestütztem Kopf. Ihre Botschaft lautet: "Konservativ. Aber anständig". Gemeint ist: Wir sind wie die alte AfD, bevor sie sich radikalisierte und gehässig wurde.

Ob das bei den Bürgern verfängt? Bei der Bundestagswahl 2017 gewann Petry für die AfD im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, zu dem Pirna gehört, haushoch das Direktmandat. 37,5 Prozent der Erststimmen fielen auf sie. Wenn am 1. September der Landtag neu bestimmt wird, hat sie persönlich, aber auch ihre Blaue Partei maximal Außenseiterchancen. Eine Umfrage sah sie unter einem Prozent Stimmenanteil. Die Leute votieren lieber für das, was sie für das Original halten: die AfD. Sie liegt momentan bei wenigstens 25 Prozent und liefert sich mit der CDU ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel der stärksten politischen Kraft im Land.

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Mit diesem Wahlplakat will Petry punkten.

(Foto: Thomas Schmoll)

In den ersten Minuten bleibt niemand bei Petry stehen, was vielleicht auch daran liegt, dass ein Kamerateam ununterbrochen filmt. Selbst bei den politischen Konkurrenten von der FDP ist mehr los. Dort sagt gerade ein junger Liberaler: "Und da soll ich meinen Diesel abschaffen? Sorry, nein." Doch bald kommt auch Petry mit einzelnen Leuten ins Gespräch. Immer wieder erklärt die sechsfache Mutter den Unterschied zwischen ihren Blauen und der AfD. Insbesondere grenzt sie sich zum Rechtsradikalismus des Flügels um Björn Höcke ab. Sie ist freundlich, eloquent und leidenschaftlich. Petry spricht, als hätte sie nicht ein oder zwei Zuhörer vor sich, sondern als stünde eine riesige Menschentraube um sie herum. Warum sie den Ruf hat, Leute begeistern zu können, wird hier klar.

"Was macht Petry, wenn sie bei der Wahl scheitert?"

Karsten Sander und seine Frau zeigen sich nach einem längeren Gespräch beeindruckt, wie gut Petry erklären könne und wie überzeugend sie rüberkomme. "Wir kannten sie ja nur aus dem Fernsehen." Ihre kritische Haltung zur Energiewende teile er, sagt Sander. Aber bei anderen Themen, etwa zur Ausländerpolitik, sei er nicht bei ihr. Und selbst wenn er es wäre: Die Stimme des Paares bekommt Petry definitiv nicht. Die Eheleute sind aus Nordrhein-Westfalen, wählen also gar nicht in Sachsen. Sanders Frau treibt trotzdem die Frage um: "Was macht Frauke Petry, wenn sie bei der Wahl scheitert?"

Das wollen auch Journalisten von der ehemaligen AfD-Vorsitzenden wissen. Politische Neugeburt oder endgültiger Abgang? Wahrscheinlich weder noch. Natürlich hat Petry einen Plan für die Zeit danach, weil sie jemand ist, der nicht planlos durchs Leben geht. Sie nennt ihn nur nicht öffentlich, sondern erklärt: "Was nach dem 1. September kommt, entscheiden wir nach dem 1. September." Ob sie sich manchmal frage: Was tue ich mir - auch angesichts anhaltender Anfeindungen - da Tag für Tag an? "Klar. Man sollte sich immer fragen, ob man das Richtige tut."

Ansonsten zeigt sie sich wahlkämpferisch. "Ich bin ein optimistischer Mensch." Wenn Petry es sagt, klingt das überzeugend. Erstaunlich an Petrys Äußerungen ist, dass der Zuhörer nie so recht weiß, ob das Selbstbetrug, taktisches Gerede oder die ganze Wahrheit ist. Nach Selbstüberschätzung sieht es jedenfalls nicht aus. Dem WDR hatte sie in einer sehenswerten Doku erklärt: Falls ihr der Wiedereinzug in den Landtag nicht glücken sollte, "dann war es das: Das ist ganz klar."

"Ich habe Sie mal gewählt. Leider."

"Ich bin froh, dass ich Sie getroffen habe", sagt ein Mann mit osteuropäischem Akzent, um wenig später nachzuschieben. "Ich habe Sie mal gewählt. Leider." Der Einwanderer, der nach eigenen Angaben aus Ungarn stammt und seit 40 Jahren in Deutschland wohnt, erzählt von seinen Sorgen über einen drohenden Konjunkturabsturz. "Was bieten Sie jetzt als Partei?" Petry erläutert es ihm mit Engelsgeduld, klagt über "viel zu viele Regulierungen", dass sich Arbeit lohnen und das Bildungssystem modernisiert werden müsse.

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In diesen Äußerungen zeigt sich das Problem der Blauen Partei: Viele Thesen und Forderungen decken sich mit dem konservativen Flügel der CDU, mit der Werteunion sowieso. "Wir reden mit der CDU", sagt sie am Rande des Wahlkampfs in einem Gespräch mit Journalisten. "Die Christdemokraten haben mit uns auch kein Problem mehr. Sie werden es nur vor der Wahl nicht sagen." Petry bedauert es, dass die CDU die ihrer Meinung nach realistische Chance einer "Mitte-Rechts-Konstellation" gemeinsam mit der Blauen Partei und "vielleicht der FDP" nicht genutzt habe. Für die Wirtschaft hätte man "eine Menge" bewegen können. "Wir könnten uns sehr klar als Alternativmodell zum Rest des Landes präsentieren - wenn man will." Nun habe die CDU die Wahl einer Linkskoalition oder einer Minderheitsregierung.

Das liegt aber auch an Petry selbst, die für viele Leute in der CDU nach wie vor ein rotes Tuch ist. "Die Person Frauke Petry hat bisher alle, die mit ihr zusammengearbeitet haben, ins politische Unglück gestürzt", zitierte die Funke-Mediengruppe im Januar eine nicht genannte Person aus der CDU-Landtagsfraktion. Die vielleicht größten Probleme der 44-Jährigen sind zum einen, dass ihre AfD-Gegner unglaublich viel verbalen Schmutz über Petry in die Welt gesetzt haben. Und zum anderen, dass ihr Aussagen zu ihrer Abkehr von den rechten Scharfmachern in der AfD nicht oder nur spärlich abgenommen werden.

Milde Äußerungen über Merkel

Das Image derjenigen, die die AfD nach rechts gerückt habe, "werde ich vermutlich nicht los", glaubt sie. "Das akzeptiere ich nach wie vor nicht." Sie sei es gewesen, die sich permanent mit Höcke angelegt, einen "ziemlich harten Kampf" mit ihm geführt und versucht habe, ihn aus der AfD zu schmeißen. Selbst über den Flüchtlingskurs von Kanzlerin Angela Merkel äußert sich Petry inzwischen milde: "Menschlich konnte ich es zum Teil nachvollziehen. Aber politisch war es eklatant falsch."

Überhaupt ist von der Galligkeit, Arroganz, Besserwisserei und Häme aus ihrer AfD-Zeit nichts mehr zu spüren. Das sagt einiges über sie, aber vor allem auch über die AfD aus. Petry beklagt sich etwa über die Medien, sie berichteten weder über Inhalte der Blauen noch über die Möglichkeit einer Regierung aus CDU und ihrer Partei. Offenbar mache es "mehr Spaß, auf mich einzuhauen". Sie betont aber: "Ich beklage das nicht, sondern stelle es fest."

Winfried Röhler will nicht für Petry stimmen. "Fünf Kinder von fünf verschiedenen Männern. Das sagt doch schon alles." Was genau? "Für mich macht das nicht den besten Eindruck." Der Mann wird aufgeklärt, dass Petry sechs Kinder von zwei Männern hat. Ändert das was an seiner Haltung? "Falls das stimmt, ist es ein Unterschied." Könnte er sich nun vorstellen, Petry zu wählen? "Auf keinen Fall."

"Was soll ich dazu sagen?", meint Petry. Sie überlegt eine Weile und liefert eine Erklärung, die Teil der Wahrheit sein könnte. "Seitdem ich in der Politik bin, hat man sich an mir immer menschlich und auf der persönlichen Schiene abgearbeitet: Meineid, Männer, Intrigant, was auch immer. Ein Herr Höcke oder ein Herr Meuthen wird immer nur politisch angegriffen." So sei es auch mit dem ewigen Vorwurf, die AfD aus Karrieregeilheit verlassen zu haben. "Wäre es nur um Macht gegangen, hätte ich doch in der AfD bleiben müssen."

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Quelle: n-tv.de

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