Politik

Annäherung an Trumps Amerika Gabriel verzichtet auf den großen Zoff

dpatopbilder - Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) äußert sich am 02.02.2017 im Kapitol in Washington, D.C., (USA) nach einem Gespräch mit Vertretern des Senatsausschusses für Auswärtige Angelegenheiten vor der Presse. Der neue deutsche Außenminister ist zu einem zweitägigen Antrittsbesuch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Sigmar Gabriel vor dem Kapitol: Vorerst behält er lieber das große Ganze im Blick.

(Foto: dpa)

Ehrenbürger in den USA ist Sigmar Gabriel bereits - in der Kleinstadt Rapid City. Seine erste Amerikareise als Außenminister gilt jedoch Washington - Trumps Washington. Es ist eher vorsichtiges Abtasten als harte Diplomatie.

Ein USA-Besuch ohne großen Streit und ohne Eklat gilt seit der Wahl Donald Trumps schon als Erfolg. Insofern war Sigmar Gabriels Abstecher in die Vereinigten Staaten fast schon ein Triumph. Nicht nur hatte es der Vizekanzler geschafft, als erster Minister und vor allem früher als die Kanzlerin ins Trumpsche Amerika zu jetten, sondern auch ein paar frohe Botschaften mitzubringen. Tenor: Man habe "ausgesprochen gute Gespräche" geführt. Wer hätte gedacht, dass das noch möglich sein sollte?

Gabriel selbst hatte diesbezüglich wohl seine Zweifel. Jedenfalls legte er die Latte erkennbar tief, um am Ende irgendwie drüber zu kommen. Man kann sagen, er hat es locker geschafft. Zum ersten Abtasten war der neue deutsche Außenminister nicht darauf aus, gleich alle Streitthemen auszupacken und sich ordentlich zu zoffen, sondern stattdessen lieber das große Ganze im Blick zu behalten: Die transatlantischen Beziehungen etwa, die gemeinsamen Verteidigungsinteressen, die Vorteile des freien Marktes. Mit Trump wären diese Themen vielleicht schon Anlass für ein Scharmützel gewesen, doch Vizepräsident Mike Pence und US-Außenminister Rex Tillerson machten es Gabriel einfach. Im Wesentlichen signalisierten sie Zustimmung und Verständnis. Wo ist also das Problem?

Das Problem liegt darin, dass die neue US-Administration nicht immer mit einer Stimme spricht. Wessen Wort gilt? Das der zuständigen Minister? Oder das des Präsidenten? Um offenkundige Differenzen nicht auch noch öffentlich zu zelebrieren, wurde die gemeinsame Pressekonferenz von Gabriel und Tillerson kurzerhand abgesagt. Die deutsche Seite bemühte sich, das als Selbstverständlichkeit erscheinen zu lassen.

"New Kids On The Block"

Leider nur war die Begegnung mit der Presse schon im Programmheft verewigt - und auch früher stets üblich gewesen. Offenkundig, so hieß es vertraulich, scheuten die Amerikaner das Risiko offener und möglicherweise unangenehmer Fragen vor allem von den eigenen Berichterstattern, die sich kaum für den deutschen Minister, dafür aber umso mehr für den chaotischen Start der Regierung Trump interessieren dürften.

Wie auch immer. Zumindest gab es ein paar schöne Fotos: Gabriel mit Pence, Gabriel mit Tillerson. Der neue Außenminister, bislang nicht als Diplomat aufgefallen, erlaubte sich sogar, anders als es sein stets staatstragender Vorgänger Frank-Walter Steinmeier getan hätte, ein paar durchaus ernst gemeinte Scherze. Man sei so etwas wie die "New Kids On The Block". Ergo, das war die Nachricht, sitze man in einem Boot und müsse miteinander klar kommen. Im Übrigen frage er sich, so Gabriel, was es mit dem Slogan "Make America Great Again" denn auf sich habe? In seinen Augen sei Amerika schon immer groß und stark gewesen.

Offenkundig aber machen dem Amerika des Donald Trump ein paar Minderwertigkeitskomplexe schwer zu schaffen. Überall sieht sich Washington gewissermaßen übers Ohr gehauen. Beim freien Handel etwa, der stets zu Lasten der USA ausginge. Oder in Sachen Verteidigung, in der Europa zwar von den Militäranstrengungen der Amerikaner profitiere, selbst aber nur kluge Ratschläge zu bieten habe.

Oberste Priorität: Europa

Letzteres konnte auch Gabriel nicht vollends widerlegen und zeigte Verständnis für den Unmut der Amerikaner. Mehr Geld für die Verteidigung und möglicherweise auch weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr - das ist längst Konsens in Berlin. In der Zwischenzeit kann Gabriel seinen Gastgebern völlig kostenneutral schon eine Logik präsentieren: Ein geeintes Europa wäre in der Lage, mehr Verantwortung zu übernehmen. Ein zerfallender Kontinent jedoch wäre möglichen Aggressoren gegenüber weitgehend schutzlos ausgeliefert. Und dann müssten die Amerikaner wieder ran.

Womit wir wieder beim großen Ganzen wären - Europa genießt in der Außenpolitik Gabriels oberste Priorität. Und er selbst zieht Vorteile aus dem geeinten Europa. Anders als etwa die Vertreter Großbritanniens werden die Emissäre Deutschlands als Stimme des ganzen Kontinents wahrgenommen. Das soll so bleiben, auch wenn es Donald Trump nicht passt. Man kann davon ausgehen, dass man den offenen Streit mit den USA, wenn er denn notwendig werden sollte, nur gemeinsam riskiert.

Gabriel selbst hat allen Grund, den Amerikanern gegenüber wohlwollend aufzutreten. Schließlich ist er Ehrenbürger in den USA, wenn auch nur in Rapid City, South Dakota. Während seiner ersten Amerika-Reise im Rahmen eines Stipendiums der Fulbright Kommission Ende der 90er Jahre verschlug es den jungen Landtagsabgeordneten Gabriel auch in die Mitte des Landes, wo ihm in besagter Ortschaft sogleich die Ehrenbürgerwürde zuteilwurde - verbunden übrigens mit dem Privileg, sein Leben lang von der Steuer befreit zu sein.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Man muss dafür in Rapid City leben. Und noch macht Gabriel nicht den Eindruck, als ob er Umzugspläne hegt. In seinem neuen Amt jedenfalls fühlt er sich schon fast zuhause.

Quelle: ntv.de

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