Politik

"Damit hätte ich nie gerechnet"Geschockte Familien: Was wir über die Schüsse vor Kuba wissen

26.02.2026, 13:23 Uhr WhatsApp-Image-2025-01-14-at-07-23-43Von Tobias Hauser
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Ein Boot der kubanischen Küstenwache im Jahr 2021. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Ein Vorfall vor der Küste Kubas löst Spannungen aus. Der Inselstaat spricht von "terroristischer Infiltration". Aus den Familien der zehn Exil-Kubaner kommen verschiedene Reaktionen, von Verwirrung bis Trauer. Was über die Hintergründe der Schießerei bekannt ist.

Am Mittwochmorgen kubanischer Zeit sollen Grenztruppen ein Schnellboot in kubanischen Territorialgewässern entdeckt haben. Das in den USA registrierte Boot habe sich der Nordküste Kubas genähert und das Feuer eröffnet, teilt die Regierung des Inselstaats mit. Kuba spricht von "terroristischer Infiltration", die USA streiten eine Beteiligung ab und versprechen Aufklärung. Die Schießerei fällt in eine Phase der wachsenden Spannungen zwischen den Staaten. Was wir wissen.

Der Vorfall

Bei den Schüssen wurden vier der zehn Menschen auf dem Schnellboot getötet, auch der Kommandant des kubanischen Bootes soll verletzt worden sein. An Bord des Bootes seien Waffen, Sprengsätze und Tarnuniformen gefunden worden. Ein Verdächtiger wurde den Angaben zufolge zudem in Kuba festgenommen. Er habe gestanden, aus den USA "entsandt" worden zu sein, um sich an der terroristischen Operation zu beteiligen. Der Regierung zufolge sollte er den "Empfang der bewaffneten Eindringlinge" gewährleisten.

Die Verdächtigen

Über die Beschuldigten ist noch nicht viel bekannt. Laut kubanischer Regierung seien alle Beteiligten in den USA lebende Kubaner, die meisten von ihnen schon vorher wegen krimineller und gewalttätiger Aktivitäten bekannt. Die Tochter eines festgenommenen Mannes sagte der "Washington Post", sie habe keine Ahnung gehabt, dass ihr Vater nach Kuba gereist sei, bis sie seinen Namen auf der von der kubanischen Regierung veröffentlichten Liste gesehen habe. "Es war eine totale Überraschung. Ich bin geschockt. Damit hätte ich nie gerechnet", zitiert die Zeitung sie. Ihren Vater habe sie zuletzt vor drei Tagen gesehen. Er sei Paketzusteller für Amazon in Gebieten um Miami.

Die Namen der sechs Festgenommenen hatte die kubanische Regierung veröffentlicht. Einer der vier Toten sei bereits identifiziert, die anderen drei noch nicht. Der Bruder des Getöteten gab gegenüber der Nachrichtenagentur AP an, er trauere um seinen Bruder. Er bedauere jedoch, dass dieser sich auf eine "obsessive und teuflische" Suche nach der Freiheit Kubas begeben habe. Sein Bruder sei Lkw-Fahrer und amerikanischer Staatsbürger gewesen und habe mehr als 20 Jahre in den USA gelebt. Er hinterlasse seine Frau, seine Mutter, zwei Schwestern und eine schwangere Tochter.

AP zufolge wurde ein weiterer Gefangener vergangenen Sommer von einer in den USA ansässigen Nachrichtenseite interviewt, die seit Langem einen Regierungswechsel in Kuba fordert. In dem spanischsprachigen Audio-Interview sei er als "Legende" und ehemaliger politischer Gefangener vorgestellt worden. Er habe im Verlauf des Interviews das kubanische Regime kritisiert und seine Unterstützung für die Proteste vor Ort bekundet.

Das Boot

Das in Florida registrierte Boot ist laut der "New York Times" (NYT) ein rund sieben Meter langes Pro-Line-Motorboot aus dem Jahr 1981. Dies recherchierte die Zeitung mithilfe der von den kubanischen Behörden angegebenen Registrierungsnummer FL7726SH. Es handele sich eher um ein Fischerboot, das Platz für acht bis zehn Personen bietet.

Die Unterlagen zu dem in Florida registrierten Boot geben laut NYT nicht viel Aufschluss, auch nicht darüber, wem es gehörte. Aus Unterlagen gehe hervor, dass das Boot zuletzt im Dezember 2022 gekauft wurde und für die gewerbliche Nutzung registriert ist. Vor acht Jahren war es demnach für die Freizeitnutzung registriert.

Die Reaktion Kubas

"Kuba bekräftigt seinen Willen, die Territorialgewässer zu schützen, wobei die nationale Verteidigung eine grundlegende Säule für den kubanischen Staat zum Schutz seiner Souveränität und der Stabilität in der Region ist", ließ das Präsidialamt über die Plattform X wissen. Das Eintreten des Bootes in kubanische Gewässer sei illegal gewesen. Zwei der verletzten Bootsinsassen stehen laut Regierung auf der offiziellen Terrorliste der Karibikinsel.

Die Reaktion der USA

US-Außenminister Marco Rubio äußerte sich während eines Besuchs im karibischen Inselstaat St. Kitts und Nevis zu dem Vorfall. Verschiedene Teile der US-Regierung seien damit befasst, Informationen zu sammeln und zu verifizieren, sagte er vor Journalisten. Bis Näheres feststeht, wolle er nicht über das Geschehen spekulieren. "Es reicht zu sagen, dass es sehr ungewöhnlich ist, solche Schießereien auf offener See zu sehen", sagte Rubio. Mit Kuba sei so etwas schon sehr lange nicht mehr passiert. US-Beamte waren Rubio zufolge nicht beteiligt. Aktuell stammten die meisten Informationen, die die USA hätten, noch von kubanischen Behörden, so der Minister.

Einen härteren Ton schlug Floridas Justizminister James Uthmeier an: "Der kubanischen Regierung kann man nicht trauen, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um diese Kommunisten zur Rechenschaft zu ziehen", versprach der Republikaner. US-Vizepräsident JD Vance sagte, das Weiße Haus überprüfe den Vorfall. Hoffentlich sei der "nicht so schlimm, wie wir fürchten, dass er sein könnte".

Trump macht Druck wegen Deal

Nachdem die Trump-Regierung Anfang des Jahres den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro entführt hatte, übernahm sie die Kontrolle über die Ölexporte Venezuelas. Dabei verbot die US-Regierung die Lieferung von Erdöl, auf das Kuba angewiesen ist. Das verschärft die schwere Energie- und Wirtschaftskrise in dem Karibikstaat. Trumps Regierung kündigte daraufhin jüngst an, den Verkauf von venezolanischem Öl an das kubanische Volk und an die Privatwirtschaft wieder zu genehmigen - ein Teil der Sanktionen soll jedoch bestehen bleiben. Ein Großteil des Landes ist von Stromausfällen betroffen, die täglich zwischen 12 und 20 Stunden andauern können.

In einer Durchführungsverordnung vom letzten Monat erklärte Trump die "Politik, Praktiken und Handlungen" der kubanischen Regierung zu einer "ungewöhnlichen und außerordentlichen Bedrohung" für die nationale Sicherheit der USA und drohte mit der Verhängung von Zöllen auf alle Waren aus Ländern, die Kuba mit Öl beliefern.

Wie es weitergehen könnte

Andy Gomez, ehemaliger Direktor des Instituts für kubanische und kubanisch-amerikanische Studien der Universität Miami, sagte der "Washington Post", das beste Wort für die derzeitige Situation in Kuba sei "Unsicherheit". "Da ist Raúl Castro, der in ein paar Monaten 95 Jahre alt wird", sagte Gomez, "und dann haben wir einen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der nach Lust und Laune handelt."

"Dieser Vorfall passt nicht wirklich ins Konzept von Trump und Rubio", sagt ntv-US-Korrespondent Peter Kleim. Es könnte sich bei den Männern um Exil-Kubaner handeln, die, angespornt von Trumps Venezuela-Eingriff, "eine Art Privatkrieg" mit Kuba anzetteln wollten. Die Spannungen zwischen den beiden Ländern stiegen schon vor dem Zwischenfall immer weiter. Trump macht kein Geheimnis daraus, dass er einen Regimewechsel im kommunistischen Kuba will. Rubio, der in Miami geborene Sohn kubanischer Einwanderer, sagte, die Regierung hoffe, dass ihre wirtschaftliche Blockade dazu beitragen werde, das von ihm als "illegitime Regierung" bezeichnete Regime in Havanna zu stürzen.

Die Trump-Regierung greift seit September private Schiffe in der Karibik und im östlichen Pazifik an. Die US-Behörden haben 42 Angriffe auf Boote gemeldet, die ihrer Aussage nach Drogen schmuggelten, wobei mindestens 143 Menschen ums Leben kamen.

Ein langjähriger Konflikt

Die Beziehungen zwischen den USA und Kuba sind seit der Revolution von 1959 unter Fidel Castro angespannt. Washington hält seitdem ein Embargo für den Großteil des Handels mit Kuba aufrecht. Die diplomatischen Beziehungen sind seit 1961 unterbrochen. Unter Barack Obama tauten die Beziehungen 2015 auf, doch mit dem Beginn seiner ersten Amtszeit änderte Donald Trump den Kurs wieder drastisch. Er kündigte einen Großteil der diplomatischen Bemühungen und verstärkte den Druck auf Havanna.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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