Politik

Hoffen auf ein Ende des Krieges "Gibt es einen Brutus in Russland?"

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"Wie im Führerbunker": Putin bei der Arbeit.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Kein Staatslenker spricht sie aus, aber die Frage steht im Raum: Wo bleibt der Attentäter, der Putin erledigt? Ein republikanischer US-Senator hat sie öffentlich gestellt und an die Verschwörer des 20. Juli 1944 erinnert. Aber er sagt zugleich: "Das russische Volk muss mit ihm fertig werden."

Nicht einmal eine Viertelstunde - überliefert sind 13 Minuten - fehlte und der Holocaust sowie der Zweite Weltkrieg hätten vermutlich nicht in dem Ausmaß und der Brutalität stattgefunden, wie es der Fall war. Georg Elser scheiterte am 8. November 1939 - rund zwei Monate nach dem Überfall auf Polen - ganz knapp mit seinem Anschlag auf Hitler und weitere hochrangige Nationalsozialisten. Die Bombe zündete erst, nachdem der Diktator den Münchner Bürgerbräukeller schon verlassen hatte. Wegen Nebels konnte er nicht fliegen, Hitler nahm die Bahn.

"Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten", erklärte Elser sein Motiv. Der Württemberger war schon zur Machtergreifung Hitlers ein erklärter Gegner der Nazis. Rund einen Monat vor Kriegsende wurde er im KZ Dachau ermordet - auf Befehl des "Führers".

Claus Schenk Graf von Stauffenberg ging einen anderen Weg als Elser. Der Wehrmachtsoffizier war zunächst Anhänger der nationalsozialistischen Idee, später verabscheute er Hitler und seine Verbrechen. Der Soldat hielt, als der Krieg allerdings längst verloren war, die Zeit für reif, dass "etwas getan wird", auch wenn man "wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen."

Das Attentat vom 20. Juli 1944 scheiterte, Stauffenberg und einige enge Mitstreiter wurden schon Stunden danach hingerichtet. Den Verschwörern ging es auch um ein Signal, dass nicht alle Deutschen Hitlers Wahnsinn weiterhin unterstützten. Stauffenbergs Verbündeter Henning von Tresckow kalkulierte ein Scheitern ein. Für ihn kam es neben dem "praktischen Zweck" darauf an, "dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."

"Das russische Volk muss mit ihm fertig werden"

Der Republikaner Lindsey Graham, der im US-Senat den Bundesstaat South Carolina vertritt, hat es gewagt, offen eine Analogie zwischen Hitler und Putin zu ziehen. Er rief zur Ermordung des russischen Präsidenten auf. "Gibt es einen Brutus in Russland?", fragte er in Anspielung auf den Mörder des römischen Diktators Julius Cäsar. Graham dachte auch an das Militär, wo es vielleicht einen "effizienteren Oberst Stauffenberg" gebe, sprich: einen Attentäter, der Erfolg hat. "Sie würden Ihrem Land und dem Rest der Welt einen großen Dienst erweisen", meinte der Senator. Später stellte er klar, dass sich sein Appell allein an das russische Volk richte und er kein Eingreifen amerikanischer Truppen fordere, "um ihn zu beseitigen". Graham: "Das russische Volk muss mit ihm fertig werden."

Die Frage steht im Raum: Wo bleiben die Elsers, Stauffenbergs und Tresckows, die sich Putin zur Brust nehmen? Man darf getrost davon ausgehen, dass Hunderte Millionen Menschen auf der Erde dem Kreml-Chef die Pest an den Hals wünschen. Auch Staatslenker der westlichen Welt werden sich diesem Gedanken kaum komplett verschließen - aber öffentlich darüber reden, werden sie niemals. Nicht einmal dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geht so etwas über die Lippen, jedenfalls nicht vor laufenden Kameras.

Der amerikanische Präsident Joe Biden versuchte es mit einer Andeutung. Er hatte in einer Rede in Warschau - abweichend vom Redemanuskript - gesagt: "Dieser Mann kann nicht an der Macht bleiben." Mit der Aussage kann sowohl ein gewaltsames als auch ein gewaltloses Ende Putins als Kreml-Herrscher gemeint sein. Erstaunlich ist sie in jedem Fall: "Regimewechsel" sind kein offizielles Ziel der US-Außenpolitik mehr. Anders als vor Jahren folgen die Amerikaner der Devise, dass ein Volk nicht zur Demokratie mit Bomben bewegt werden kann.

Während das Weiße Haus beteuert, diese Doktrin habe sich nicht geändert, beharrt der Präsident zugleich auf seiner Position, will sie aber lediglich als "moralische Empörung" verstanden wissen. "Ich entschuldige mich nicht für meine persönlichen Gefühle." Biden nennt Putin einen "Kriegsverbrecher". Bundeskanzler Olaf Scholz tut das nicht. Auch beteuert er, dass ein Regimewechsel in Moskau nicht das Ziel der NATO sei.

Putin lässt nur wenige Leute an sich ran

"Der russische Präsident ist ein Kriegsverbrecher", sagt wiederum Rolf Mützenich, Chef der Fraktion der Sozialdemokraten im Bundestag. Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil gesteht: "Natürlich sind wir alle froh, wenn Herr Putin weg ist." Zusammengefasst bedeutet das: Die Führung von Deutschlands stärkster politischer Kraft hält den Kreml-Chef für einen Kriegsverbrecher, der virtuell an Friedensverhandlungen mit der Ukraine teilnehmen kann, aber zugleich eben auch abgelöst und nach Den Haag gebracht werden sollte - und der Kanzler schweigt dazu. Ob das die Öffentlichkeit nachvollziehen kann?

Vielleicht hat Scholz das frühere Jugoslawien als Beispiel vor Augen. Die NATO bombardierte die Residenz von Staatspräsident Slobodan Milošević, ohne seinen Sturz zu verlangen oder nach seinem Leben zu trachten. Der Serbe war im Oktober 2000 nach Massendemonstrationen zurückgetreten und 2001 von Belgrad an das UN-Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert worden. Milošević starb 2006 vor der Urteilsverkündung.

Entscheidend für das politische Ende von Milošević war der heftige Widerstand der Bevölkerung - doch der ist gegen Putin bisher nicht in Sicht. So gut wie nichts deutet darauf hin, dass es in Russland zu Protesten kommt, die so stark wären, dass sie den Präsidenten hinwegfegen könnten. Auch ein Sturz - mit oder ohne Gewalt -durch das Militär oder einen Mitstreiter aus seinem engsten Zirkel ist derzeit nach Einschätzung bedeutender Osteuropa-Experten sehr unwahrscheinlich.

Putin verhält sich überaus vorsichtig, wie schon seine riesigen Tische zeigen. Er lässt nur wenige Leute an sich ran, nimmt bevorzugt per Video an Konferenzen teil und schirmt sich ab. Außerdem gilt als gesichert, dass der Präsident häufig in seinem Atombunker im Ural nahe der Stadt Ufa ist, der sich in rund 1600 Meter Tiefe befindet und militärisch faktisch nicht zu zerstören ist. Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik sagte ntv: "Putins Kriegsrede mutete so ein bisschen an wie der Führerbunker 1945, völlig abgedunkelt, abgeschlossen, abgekanzelt."

Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore, der auf russische Geschichte spezialisiert ist, zieht einen Vergleich zu Stalin, der eines natürlichen Todes starb. "Er genoss nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Umfeld hohes Ansehen, es gab kaum Versuche, ihn zu stürzen", sagte er der "Welt". "Putin ist da, denke ich, in weitaus größerer Gefahr." Allerdings warnt der Experte vor Illusionen: "Die Männer in Putins Umfeld wurden alle von ihm selbst groß gemacht; sich gegen ihren Gönner zu wenden, der seit 22 Jahren die Macht innehat - das wäre für sie ein immenser Kampf und ziemlich schwierig durchzuführen." Allerdings: "Es kann passieren - und es wäre das bestmögliche Szenario."

Quelle: ntv.de

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