Politik

Wie Hitlers Luftwaffe in Spanien Putins perfides Kriegsmanuskript aus Syrien

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Von den ursprünglich 440.000 Einwohnern Mariupols sind bereits die Hälfte evakuiert worden, aber Russland griff wie in Syrien immer wieder Evakuierungsrouten an.

(Foto: REUTERS)

Angriffe auf die Zivilbevölkerung, verbotene Waffen, Bombardierungen von Fluchtkorridoren: Die Kriegstaktiken Russlands in der Ukraine stammen aus dem Experimentierfeld Syrien. Putin kopiert damit einen Luftwaffen-Testlauf von 1937. Und doch stockt sein Vormarsch.

Am vergangenen Donnerstag postete der offizielle Twitter-Account der ukrainischen Luftwaffe eine eigens erstellte Infografik, die die Anzahl der in Syrien abgeworfenen Bomben mit denen in der Ukraine vergleicht. Der Vergleich wurde vielerorts für eine ungenaue Darstellung der Tatsachen verurteilt - die Abbildung spricht von 100 Raketen in fünf Jahren in Syrien (die gemeinnützige Transparenz-Organisation Airwars zählte mehr als 45.000 Luftangriffe in den ersten drei Jahren des russischen Einsatzes vor Ort) und 1100 Raketen in 22 Tagen in der Ukraine - aber auch für seine Pietätlosigkeit. Die Luftwaffe löschte den Tweet, die Nationalgarde, die den Post geteilt hatte, ebenfalls.

Das Leid zweier Völker miteinander zu vergleichen, ist nicht nur unmoralisch, sondern führt auch zu nichts. Doch eine andere Untersuchung hinsichtlich der Bombardierungen der beiden Länder ergibt durchaus Sinn. Was sich nämlich vergleichen lässt, sind die Kriegstaktiken aus Syrien, die der russische Machthaber Wladimir Putin nun in seinem Angriffskrieg auf die Ukraine einsetzt. Seit 2015 machte Moskau Syrien zu einer Art perfidem, gigantischem Experimentierfeld. Wohl bereits mit weiteren, eigenen Kriegen im Kopf - und ganz ähnlich dem Test einer neuen Kriegsführung durch Hitlers Luftwaffe 1937 in Spanien.

Am 26. April 1937 machte die deutsche "Legion Condor" für den faschistischen Verbündeten, Diktator Francisco Franco, die komplette baskische Stadt Guernica dem Erdboden gleich. Knapp zweieinhalb Jahre vor dem Überfall auf Polen erprobte Hermann Göring, damaliger Chef der Luftwaffe, dabei die Wirksamkeit neuer Flugzeuge, Bomben und Taktiken für den Ernstfall. Der Bombenangriff gilt als einer der ersten ohne Rücksicht auf Kinder, Frauen und Senioren. Nicht nur galt der Grundsatz der Verschonung von Zivilisten nicht mehr, die Terrorisierung und Demoralisierung der Zivilbevölkerung wurde sogar zum Kriegsmittel, um den Widerstandswillen in anderen Regionen zu brechen.

"Dieselben Taktiken und Szenen"

Putin machte Syrien zu einem riesigen Truppenübungsplatz, und schnell stellten sich Moskaus anfängliche Behauptungen, lediglich den sogenannten Islamischen Staat anzugreifen zu wollen, als haltlos heraus. Stattdessen richtete sich Russlands Hauptaugenmerk auf die von den Gegnern des Machthabers Baschir al-Assad gehaltenen Gebiete in Syrien. Der brutale Feldzug kommt aus heutiger Sicht wie ein Kriegsmanuskript für den Angriff auf die Ukraine daher: ganze Siedlungen, die in Schutt und Asche gelegt werden, Angriffe auf zivile Ziele, Einsatz von verbotenen Waffen und die Bombardierung von Fluchtrouten.

Bei den Überlebenden in Syrien rufen Moskaus Taktiken in der Ukraine schlimme Erinnerungen hervor. Angriffe auf zivile Ziele, etwa auf Krankenhäuser, Schulen oder Marktplätze, mussten sie immer wieder erleiden. "Es war genauso, wie wir es erlebt haben. Dieselben Taktiken und Szenen", sagte Rami al-Fares, der in einem Krankenhaus in der Region Idlib als Röntgenassistent gearbeitet hat, dem Sender Al-Jazeera, nachdem die russische Armee ein Entbindungskrankenhaus in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol bombardiert hatte. Im acht Monate andauernden Kampf um Aleppo soll Russland der Organisation Airways zufolge 16 Angriffe auf Krankenhäuser geflogen haben. Nach Angaben des Syrian Archive, einer NGO, die digitales Material aus dem Krieg archiviert, wurden seit 2011 mindestens 270 medizinische Einrichtungen in Syrien von Russland und dem Assad-Regime angegriffen.

Laut Airways wurden bisher in Syrien bis zu 24.743 Zivilisten durch russische Raketen getötet. Die Kriegsblaupause fordert auch in der Ukraine täglich neue zivile Opfer. Sowohl in Syrien als auch in der Ukraine hat Russland zivile Ziele zu militärischen Zielen und Terror zur Kriegstaktik gemacht. Die WHO berichtete bereits vor einigen Tagen von mindestens 43 Angriffen auf medizinische Einrichtungen in der Ukraine. Organisationen wie Amnesty International werfen Putin deshalb Kriegsverbrechen vor - in beiden Ländern. Denn gezielte Angriffe auf Zivilisten sind nach internationalem Recht illegal. Aber ähnlich der deutschen Bombardierung von Guernica können sie effektiv Schrecken und Verzweiflung sähen, wenn etwa schon die Ernährung der eigenen Familie zum tödlichen Unterfangen werden kann.

Leid der Syrer ist Leid der Ukrainer

Eine weitere, ebenfalls demoralisierend wirkende und illegale Taktik in beiden Kriegen scheint Russlands Bombardierung von Fluchtkorridoren zu sein. Immer wieder wurden aus Moskau Angebote für Evakuierungsrouten aus Mariupol gemacht, nur um den Hauch von Hoffnung anschließend mit Angriffen auf die Fluchtwege im Keim zu ersticken. Umsonst auf Zivilisten wartende Busse wurden sowohl im Experimentierfeld Syrien als auch in der Ukraine fast schon zu einem gewohnten Anblick. Laut Airways wurde Russland in Syrien mindestens siebenmal beschuldigt, bei Angriffen auf humanitäre Konvois, einschließlich solcher, die Lebensmittel transportierten, Zivilisten zu töten oder zu verletzen.

Darüber hinaus versucht die russische Armee in der Ukraine - wie zuvor der Widerstand gegen Assad erfahren musste - zunächst größere Städte zu erobern und dabei Gebiete vom Rest des Landes und deren Versorgung abzuschneiden. Eine Belagerung als Teil der Blaupause. Was in Mariupol passiert, geschah zuvor in Aleppo oder in Ost-Ghouta, einem Vorort von Damaskus. Intensive Bombardierungen gepaart mit dem Kappen der Wasser-, Gas- und Stromversorgung. 2017 bezifferte die UNO die Zahl der in belagerten oder schwer zugänglichen Gebieten lebenden und humanitäre Hilfe benötigenden Syrer auf beinahe fünf Millionen.

Des Weiteren kam und kommt es in beiden Kriegen zu einem weitverbreiteten Einsatz von wahllosen Waffen, darunter auch Streubomben, die ganze Wohnviertel einäschern. Streubomben in Wohnvierteln sind besonders gefährlich, weil jede Bombe weitere kleine Bomben freigibt, die wahllos in der Umgebung einschlagen. Die Streubomben-Konvention von 2010 verbietet den Einsatz dieser Waffen, allerdings haben weder Russland noch die Ukraine (auch die USA nicht) den völkerrechtlichen Vertrag unterschrieben. Die UNO sagte, dass der wahllose Einsatz solcher Waffen in der Ukraine ein Kriegsverbrechen Russlands darstellen könnte.

Kein Testfeld für Bodentruppen

Die schlechte Nachricht für die Ukraine lautet: Putins Kriegstaktiken funktionieren. Zumindest im Testfeld Syrien. Die brutale Kampagne war letztlich erfolgreich und half Machthaber Assad dabei, fast das gesamte Land aus den Händen seiner Gegner zurückzuerobern. Die gute Nachricht: In der Ukraine ist Russland mit einer ganz anderen Situation konfrontiert. Russland kämpft nicht als der Verbündete eines Diktators, er ist der alleinige Aggressor, dem dazu noch heftiger Gegenwind aus dem Westen ins Gesicht weht.

Die fast schon totale Dominanz aus Syrien, die Putin und seine Experten wohl auch in der Ukraine erwartet hatten, ist verpufft. Im Nachbarland ist Russland mit einer Armee konfrontiert, die von westlichen Staaten bewaffnet und unterstützt wird und ganz andere Möglichkeiten der Luft- und Panzerabwehr als die der syrischen Rebellen besitzt.

Auch war Syrien zwar ein abartiges Testfeld für die russische Luftwaffe, doch die Bodentruppen kamen bis auf ein paar Eliteeinheiten überhaupt nicht zum Einsatz. Und gerade diese fehlende Erfahrung scheint mitverantwortlich für das Stocken des russischen Einmarschs zu sein. Die russische Militärmacht, die auch viele westliche Experten als sehr stark eingeschätzt hatten, wurde in Syrien nur für spezielle Bereiche gestählt. Auch die breite Logistik, eine der wichtigsten Komponenten in jedem Krieg, wurde in Syrien nicht getestet, denn es mussten nicht ständig Munition, Treibstoff, Material, neue Soldaten und Verpflegung an die Front gebracht werden.

Sanktionen zeigen Wirkung, Leiden geht weiter

Die Abteilungen und die Ausstattung, die nichts mit dem Luftkampf zu tun haben, sollen sogar in Sachen Qualität abgenommen haben. Nach der Annexion der Krim verhängten die USA und die EU Sanktionen gegen den russischen Waffen- und Verteidigungssektor. Die Ausfuhren von Gütern mit doppeltem (militärischem und zivilem) Verwendungszweck nach Russland hatten 2013 einen geschätzten Wert von 26 Milliarden US-Dollar. Die Spitzentechnologie nötig für modernes Kriegsgefährt fiel also weg. Russland, das traditionell Panzer als mehr oder minder billige Verbrauchseinheit herstellt, kann nun aufgrund der neuen Sanktionen nicht mal mehr die vielen überholten und zerstörten Panzer mit neuen desgleichen Typus ersetzen, da Lieferprobleme die Produktion stoppen.

Ähnlich wie Hitlers Luftwaffen-Angriff 1937 hat Putin hat mit einem perfiden Testverfahren seine Kriegstaktiken in Syrien erprobt und bombt wie damals in Guernica ohne Rücksicht sowohl auf syrische als auch ukrainische Zivilisten. Sein völkerrechtswidriger Einmarsch stockt nun zwar - doch das syrische Kriegsmanuskript in Putins Händen fügt Unschuldigen weiterhin täglich unermessliches Leid zu.

Quelle: ntv.de

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