Politik

Fädelt Kiew clevere Deals ein?Golfstaaten sollen mehr Patriots verschossen haben als Ukraine in vier Jahren

09.03.2026, 18:24 Uhr
imagevon Robin Grützmacher
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Die teuren Patriot-Flugabwehrraketen sollen auch gegen billige iranische Shahed-Drohnen eingesetzt worden sein. (Foto: AFP)

Im Nahen Osten werden in wenigen Tagen Hunderte Patriot-Flugabwehrraketen eingesetzt. Das könnte auch Folgen für die Ukraine haben, die nach genau diesen immer wieder händeringend sucht. Bekäme das Land weniger über Partnerstaaten bereitgestellt, wäre das verheerend. Doch Kiew ist dabei, wichtige Deals abzuschließen.

Der Krieg im Nahen Osten lässt die Bestände an Patriot-Flugabwehrraketen in mehreren Ländern schmelzen. Für die chronisch unterversorgte Ukraine könnte das zum Problem werden, weil sie in hohem Maße auf Lieferungen angewiesen ist. Die Flugabwehrraketen sind fast die einzige Möglichkeit der Streitkräfte, um russische ballistische Raketen abzuwehren.

Der "New York Times" hatten ukrainische Offizielle gesagt, dass die Ukraine während des gesamten Krieges nur etwa 600 moderne Patriot-Abfangraketen erhalten habe. Im Nahen Osten sollen laut Präsident Wolodymyr Selenskyj in den ersten Tagen allein 800 eingesetzt worden sein. Wie groß die Bestände in der Region sind, ist nicht öffentlich bekannt.

Der Militärexperte Fabian Hoffmann gab gegenüber Dow Jones anhand von öffentlich zugänglichen Quellen an, dass die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) weniger als 1000 Patriot-Raketen bestellt hätten, Kuwait etwa 500 und Bahrain weniger als 100. Die VAE und Bahrain wiesen Anfang des Monats Berichte zurück, wonach ihre Bestände erschöpft seien. Allein die VAE wurden laut Verteidigungsministerium bis Sonntag insgesamt mit 1422 iranischen Drohnen und 238 ballistischen Raketen angegriffen.

Viele ukrainische Beobachter sind mehr als verwundert, dass die rund vier Millionen Dollar teuren Patriot-Raketen im Nahen Osten auch zur Abwehr von Shahed-Drohnen verwendet worden sein sollen. Für die Ukrainer ist das ein Unding. Denn sie bekämpfen russische Shaheds seit Langem mit deutlich günstigeren Methoden wie zum Beispiel dem Gepard-Flugabwehrpanzer, Hubschraubern oder Abfangdrohnen.

Kommt es zum Tausch?

Nach dem Kriegsausbruch im Nahen Osten machte die Ukraine schnell ein Angebot: Ihre Hilfe bei der kostengünstigen Abwehr von Shaheds im Tausch gegen Patriot-Flugabwehrraketen. "Derzeit liegen elf Anfragen aus Nachbarländern des Iran, europäischen Staaten und den USA vor", schrieb Selenskyj kürzlich auf X. Das Potenzial, um Geschäfte zu machen, ist also vorhanden. Einige Anfragen seien bereits mit konkreten Entscheidungen und spezifischer Unterstützung beantwortet worden, so der Staatschef.

Mittlerweile schickt Kiew laut "New York Times" Abfangdrohnen und Drohnenexperten zu US-Militärstützpunkten nach Jordanien. Was die Ukraine dafür im Gegenzug erhält, ist nicht bekannt. Selenskyj will jeden unterstützen, der im Gegenzug hilft, das Leben von Ukrainern zu schützen. Das dürfte heißen: Jedem, der Patriot-Flugabwehrraketen liefert.

Für die Ukraine wären die Tauschgeschäfte ein Erfolg. Denn die Beschaffung ist seit Jahren ein zähes Unterfangen. Ein Beispiel: Die von Deutschland und Großbritannien angeführte Ukraine Defence Contact Group mit mehr als 50 Nationen schafft es seit vergangenem Monat nicht, eine Lieferung von 35 der modernsten Patriot-Raketen vom Typ PAC-3 auf den Weg zu bringen. Deutschland komme seinem Beitrag vollumfänglich nach, wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums auf Anfrage von ntv.de sagte. Doch die anderen Nationen erreichen bislang anscheinend nicht die gewünschte Menge. Man sei "nahe an der geplanten Zielmarke", so der Sprecher.

Das Institut für Kriegsstudien (ISW) warnte, dass Russland wahrscheinlich versuchen werde, die bereits begrenzten Patriot-Abfangraketen der Ukraine weiter zu erschöpfen. Moskau dürfte die Hoffnung haben, dass die USA wegen des Nahostkrieges nicht bereit oder in der Lage sein werden, Kiew weitere Exemplare zur Verfügung zu stellen.

Hersteller können Nachfrage nicht bedienen

EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius sagte Euronews, vergangenes Jahr wurden insgesamt rund 900 russische ballistische Raketen auf die Ukraine gefeuert. Zur Bekämpfung von einer müssen oft mehrere Abwehrraketen eingesetzt werden. Da es davon in Kiews Streitkräften zu wenige gibt und zudem auch ein Mangel an Patriot-Systemen herrscht, trafen die Geschosse immer wieder ihre Ziele.

2025 wurden zudem nur rund 600 PAC-3-Raketen vom US-Hersteller Lockheed Martin produziert - für sämtliche Kunden weltweit. Neben PAC-3 können zwar auch PAC-2 GEM-T-Flugabwehrraketen gegen ballistische Raketen eingesetzt werden, sie eignen sich dafür aber weniger. Und auch bei PAC-2 sind die Bestände oft knapp und die Produktionszahlen nicht hoch.

Militärexperte Hoffmann teilte auf seinem X-Account einen Beitrag, der noch eine weitere Möglichkeit eröffnet: Tomahawk-Marschflugkörper aus den USA für die Ukraine, um die großen russischen Rüstungsfabriken tief im Hinterland zu zerstören. Dann könnten die Kreml-Truppen weniger ballistische Raketen oder auch Marschflugkörper und Drohnen auf das Land schießen. Die ukrainische Flugabwehr wäre weniger auf Patriot und andere Systeme angewiesen. US-Präsident Donald Trump schließt allerdings bislang die Lieferung von Tomahawks aus.

Quelle: ntv.de

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