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"Alle Atomwaffen müssen weg" Gorbatschow sieht Trump als Kleingeist

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"Für den Mauerfall verdiene ich Anerkennung": Gorbatschow 2014 in Berlin.

(Foto: AP)

Der Fall der Berliner Mauer hat viele Väter, doch Michail Gorbatschow muss wohl als Übervater gelten. Umso abgeklärter schaut der 88-Jährige auf das unterkühlte Verhältnis zwischen Russland und den USA. Ein Fan des US-Präsidenten ist er nicht, über Putin schweigt der Ex-Sowjetchef.

Knapp 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer hat der ehemalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow zur Abschaffung von Atomwaffen aufgerufen. "Alle Nationen, alle, sollten erklären, dass nukleare Waffen zerstört werden müssen", sagte der 88 Jahre alte ehemalige Politiker der BBC. Solange Massenvernichtungswaffen existierten, vor allem Atomwaffen, seien die derzeitigen Spannungen zwischen Russland und dem Westen "kolossal" gefährlich.

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Gesundheitliche Probleme: Gorbatschow meidet die Öffentlichkeit.

(Foto: imago images / ITAR-TASS)

Vor drei Monaten endete der INF-Vertrag über das Verbot landgestützter atomarer Mittelstreckenwaffen. Er war 1987 von dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und Gorbatschow unterzeichnet worden. Gespräche über eine Verlängerung des New-Start-Vertrags zur Begrenzung strategischer Atomwaffen hatte Russlands Präsident Wladimir Putin den USA erst vor wenigen Wochen angeboten. Das Abkommen läuft 2021 aus. Moskau und Washington hatten sich bereit erklärt, über eine Verlängerung zu sprechen. Greifbares gab es bisher nicht. Der Vertrag sieht vor, die Nukleararsenale auf je 800 Trägersysteme und 1550 einsatzbereite Atomsprengköpfe zu verringern.

"Ein neuer Kalter Krieg kann verhindert werden"

Mit Blick auf den Mauerfall und die friedliche Revolution in der DDR warnte Gorbatschow vor neuen Mauern zwischen Ost und West. "Jede Mauer ist ein Versuch, sich von den realen Problemen abzuschotten, anstatt sie zu lösen", erklärte der 88-Jährige in einem schriftlich geführten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Mit US-Präsident Donald Trump ging Gorbatschow hart ins Gericht: Die Entscheidung der USA, den INF-Abrüstungsvertrag über aufzukündigen, sei "nicht die Arbeit eines großen Geistes" gewesen, sagte der Friedensnobelpreisträger. Er sei besorgt über den Zustand der Beziehungen zwischen den USA und Russland und vor allem über den mangelnden Dialog in der Rüstungskontrolle, schrieb Gorbatschow. Aufgrund gesundheitlicher Probleme meidet er öffentliche Auftritte.

Eine Neuauflage des Kalten Krieges erwarte er trotzdem nicht. "Es gibt keinen ideologischen Kampf zwischen Russland und dem Westen." Stattdessen sehe er wirtschaftliche Verbindungen, Bewegungsfreiheit, Kommunikation und kulturelle Konvergenz. "Ich bin überzeugt, ein neuer Kalter Krieg kann verhindert werden."

Mauerfall: "Ich verdiene dafür Anerkennung"

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"Danke Gorbi": In Russland ist der Ex-Sowjetchef nicht so populär.

(Foto: imago images / Rolf Zöllner)

Seinen Anteil am Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 unterstrich Gorbatschow. "Ich denke, ich verdiene dafür Anerkennung", erklärte er und erinnerte sich an den Herbst vor 30 Jahren. "Zu der Zeit waren 380.000 unserer Soldaten auf dem Gebiet der DDR, ihnen wurde befohlen, in ihren Kasernen zu bleiben." Ein "unglaublich komplexer Prozess" sei deshalb "ohne Blutvergießen" verlaufen. "Die Geschichte entwickelte sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit", schrieb Gorbatschow.

"In den Städten der DDR versammelten sich Menschenmengen und brachten ihre Meinungen zum Ausdruck. Und es wurde klar, dass sich die Dinge in Richtung Wiedervereinigung sehr viel schneller entwickeln würden, als irgendjemand erwartet hätte."

Gorbatschow hatte bereits vor dem Fall der Mauer einen Abzug der sowjetischen Truppen aus Osteuropa in Aussicht gestellt und mehrfach betont, er werde sich nicht in die inneren Angelegenheiten der DDR einmischen. Nach dem Fall der Mauer stimmte er der Wiedervereinigung Deutschlands sehr schnell zu. Er war der letzte Generalsekretär der sowjetischen KPdSU und bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991 deren Präsident.

Nach seinem Rückzug als Politiker verbrachte Gorbatschow viel Zeit auch in Deutschland. Russland hat er nach eigenen Angaben aber nie dauerhaft verlassen. Im Westen ist Gorbatschow allerdings sehr viel populärer als in seiner Heimat, weil er für den Zusammenbruch der Sowjetunion und die sich daran anknüpfende Wirtschaftskrise in Russland verantwortlich gemacht wird.

Quelle: n-tv.de, mau/dpa/rts

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