Politik

Grüner Landesvater tritt ab Kretschmann prägte eine Ära in Baden-Württemberg

08.03.2026, 12:43 Uhr
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Politiker Winfried Kretschmann: Seit 1996 ist er ununterbrochen für die Grünen im Landtag.

Ein Spitzenpolitiker geht: Nach 15 Jahren endet die Amtszeit von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. So lange wie er regiert noch keiner im "Ländle". Der 77-Jährige ist im Südwesten beliebt, hinterlässt aber ein herausforderndes Erbe für die neue Landesregierung.

Es sind die letzten Wochen von Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Am Sonntag wird gewählt - sobald sich danach eine neue Landesregierung bildet, scheidet der erste Grünen-Ministerpräsident Deutschlands aus. Kretschmann wird zu seinem Abschied vermutlich viel Würdigung erfahren. Der oft sperrig wirkende Pragmatiker schaffte es, als Landesvater wahrgenommen zu werden - das politische Erbe des 77-Jährigen ist allerdings ein Bundesland in der Krise.

"Ich bin froh, dass ich aufhöre", sagte Kretschmann kürzlich der "Zeit". Das Amt sei auch eine Bürde - er schlafe oft schlecht und zu wenig. Anders als sein CDU-Kollege Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt verzichtete Kretschmann aber auf einen vorzeitigen Abgang vor der Wahl.

Özdemir tritt ohne Amtsbonus an

Deshalb musste Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir ohne den Nimbus des Amtsinhabers versuchen, die Wahl zu gewinnen. Im Schlussspurt des Wahlkampfs konnte Özdemir in den Umfragen kräftig aufholen - er kann hoffen, die 15 Jahre grüner Regentschaft durch Kretschmann in der Villa Reitzenstein fortzusetzen. Kretschmann ist mittlerweile der am längsten amtierende Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Die Menschen mögen ihn, im ARD-Deutschlandtrend bekam er bessere Zustimmungswerte als alle Spitzenkandidaten.

Kretschmann kam am 17. Mai 1948 am Westrand der Schwäbischen Alb als Kind von Heimatvertriebenen in katholischem Milieu zur Welt. Als Student wurde er Mitglied einer kommunistischen Hochschulgruppe - eine "Sekte", wie Kretschmann heute sagt. Seine Frau Gerlinde, mit der er seit 1975 verheiratet ist, habe ihn daraus gerettet. So konnte Kretschmann es als Lehrer auch noch in den Beamtenstatus schaffen - wegen seiner radikalen Anfänge blieb ihm dies zunächst verwehrt.

Schützenverein und Kirche

Mit seiner Gerlinde ging Kretschmann einen bürgerlichen Weg. Sie leben im oberschwäbischen Örtchen Laiz im Einfamilienhaus, zogen dort drei Kinder groß. Ehemann Winfried ist Mitglied im Schützenverein, bringt im Blaumann selbst seinen Sperrmüll weg und praktiziert als Katholik.

Vieles davon klang in Baden-Württemberg eigentlich immer nach einer typischen CDU-Biografie - Kretschmann aber war von Anfang an Grüner. Aus Liebe zur Natur zog es ihn nach eigenen Worten zu den Grünen, bei denen er 1979 Mitgründer des Landesverbands in Baden-Württemberg war. Er gehörte auch zur ersten Landtagsfraktion ab 1980, der Realpolitiker wurde gleich in der ersten Legislaturperiode Fraktionschef.

Nach internen Grabenkämpfen mit dem linken Flügel zog er sich zurück, kehrte 1988 aber in den Landtag zurück. Erneut kam es zum Streit mit den Fundis. Das ist längst überwunden - seit 1996 ist er ununterbrochen für die Grünen im Landtag.

Erst kam viel Lob, jetzt gibt es Kritik

2011 wurde dann Kretschmanns Jahr. Nach dem Konflikt um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 sowie unter dem Eindruck der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und anhaltender Querelen innerhalb der CDU gelang es ihm als erstem Grünen überhaupt, Ministerpräsident eines deutschen Bundeslands zu werden. Zunächst regierte Kretschmann eine Legislaturperiode lang mit der SPD, seit seiner Wiederwahl 2016 dann mit der CDU.

Lange wurde seine Bilanz gelobt, inzwischen fällt die Bewertung aber kritischer aus. Denn Kretschmann fand im Autoland Baden-Württemberg von Anfang an trotz der oft autokritischen Haltung der Grünen einen pragmatischen Umgang mit Mercedes, Porsche und den vielen Zulieferbetrieben. Das ging auch viele Jahre gut - doch mittlerweile trifft Baden-Württemberg die Krise der Autoindustrie hart. Die Abhängigkeit von der Branche ist groß.

Zu Jahresbeginn stieg die Arbeitslosenzahl auf Werte wie zuletzt vor fast 20 Jahren. Ein rascher Ausweg ist nicht in Sicht. Kretschmanns Antwort darauf klingt ein bisschen wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) oder Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), die von den Deutschen mehr Arbeitszeit fordern.

"Wir haben die geringste Jahresarbeitszeit aller Industrienationen", sagte Kretschmann schon im vergangenen Juli im Südwestrundfunk. Dass ein Grüner wie ein Konservativer spricht, verwundert eigentlich - im Fall des eigenwilligen Kretschmanns allerdings nicht, was auch ein Teil seines Erbes ist.

Quelle: ntv.de, lol/AFP

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