Politik

"Von der Macht vergiftet" Gülen rechnet mit Erdogan ab

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Fethullah Gülen sagt über seine Bewegung: "Die Kernidee von Hizmet lebt."

(Foto: dpa)

Ein sichtlich gealterter Fethullah Gülen gibt deutschen Medien ein Interview. Der türkische "Staatsfeind Nr. 1" erhebt schwere Vorwürfe gegen Präsident Erdogan. Er gibt sich aber auch nachdenklich, spricht von Heimweh und dem eigenen Tod.

Der Vorwurf hält sich hartnäckig. Jetzt versucht der einflussreiche türkische Geistliche Fethullah Gülen ihn zu erhärten. Er habe es bisher immer als eine Möglichkeit angesehen, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Putschversuch vom 15. Juli inszeniert haben könnte, sagte er der deutschen Presseagentur, der Wochenzeitung "Die Zeit" und dem spanischen Blatt "El Pais" in einem gemeinsamen Interview. "In den vergangenen Tagen kamen so viele Beweise ans Licht, dass dies zur Gewissheit wird", so Gülen,

Erdogan habe den Coup Jahre im Voraus geplant, sagte der Prediger, der im Exil in den USA lebt. "Er hat nur auf die richtige Gelegenheit gewartet." Die Beweise, von denen Gülen spricht, spezifiziert der Prediger in dem Interview allerdings nicht weiter.

Der türkische Staat wirft dem 78-Jährigen vor, Drahtzieher des Aufstands gewesen zu sein. Gegen seine Hizmet-Bewegung, die in der Türkei viele Unterstützer hat, gehen Justiz und Polizei in einer Härte vor, die etliche Beobachter als Abkehr von der Rechtsstaatlichkeit einstufen.

Gülen sagte dazu, dass viele seiner Anhänger gefoltert, dass ihre Bankkonten eingefroren und ihr Eigentum konfisziert worden seien. Trotzdem sieht Gülen Hizmet nicht am Ende: "Die Kernidee von Hizmet lebt, und Menschen, die sie vertreten sind am Leben. Auch wenn die Bewegung in der Türkei einer Hexenjagd ausgesetzt ist, wächst sie im Rest der Welt weiter, mit Gottes Hilfe."

Eigenen Angaben zufolge ist die Bewegung mittlerweile in 170 Ländern aktiv. Laut Gülen gehe ihm darum, dabei zu helfen, soziale Probleme wie Armut, Intoleranz und Ignoranz zu bekämpfen und internen Aufstieg über Bildung zu ermöglichen. Die Hizmet-Bewegung betreibt etliche Schulen, auch in Deutschland.

Gülen bezeichnet Erdogan als paranoid

Die Vorwürfe, selbst hinter dem Putschversuch zu stecken und in der Türkei parallele Strukturen aufgebaut zu haben, weist Gülen zurück: "Wenn sich Menschen eines Volks in ihrem Land um Positionen bewerben, dann ist das sehr normal. Wenn ein Türke Polizist wird, dann ist das sehr normal. Das ist keine Infiltration." Gülen fordert, dass eine internationale Kommission, die Hintergründe des Putsches untersucht.

Noch deutlicher als im Interview mit dpa, "Zeit" und "El Pais" wird Gülen bei diesem Punkt in einem Gespräch mit dem ZDF, das er am Mittwoch geführt hat. Erdogan sei "von der Macht vergiftet", und "schädlich für die Türkei". Gülen wirft dem Präsidenten "Paranoia" vor.

Der Gesundheitszustand Gülens scheint nicht sonderlich gut zu sein. "Der Staatsfeind Nr. 1 in der Türkei, von Präsident Recep Tayyip Erdogan gar zur Gefahr für das gesamte Weltgefüge stilisiert, ist ein kranker, alter Mann. Gezeichnet von Jahrzehnten auf der Flucht, immer neuen Anschuldigungen, aber auch dem eigenen Drang, immer dort mitzumischen, wo es in Sachen türkischer Staat irgendwie brennt", heißt es in einem Bericht der dpa über den Interview-Termin in Gülens Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania.

Gülen bringt zum Ausdruck, dass er sich nach einer Rückkehr in seine Heimat sehnt, sieht offenbar aber auch den eigenen Tod nahen. "Ich habe oft gesagt, dass ich, wenn ich hier sterben sollte, in der Heimaterde begraben werden möchte, neben meiner Mutter, zu ihren Füßen." In den USA, wo er mit Respekt behandelt worden sei und Frieden gefunden habe, wolle er wenn nötig aber solange bleiben, bis er zum Gehen aufgefordert wird. Wenn die USA zu der Forderung aus Ankara nach einer Überstellung "Ja sagen", werde er seine restlichen Tage von der türkischen Regierung "gepeinigt" in der Türkei verbringen.

Quelle: ntv.de, ieh