Politik
Linken-Politiker Gregor Gysi zeigt Verständnis für die finanziellen Forderungen Athens.
Linken-Politiker Gregor Gysi zeigt Verständnis für die finanziellen Forderungen Athens.(Foto: imago/ZUMA Press)
Mittwoch, 10. Oktober 2018

Zwangskredit im Weltkrieg: Gysi: Deutsche schulden Griechenland Geld

Kurz vor dem Besuch des Bundespräsidenten wird in Griechenland wieder die Forderung nach Reparationszahlungen laut. Linken-Politiker Gregor Gysi, der Steinmeier auf seiner Reise begleitet, hat zumindest Verständnis für eine Forderung der Griechen.

Vor dem Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Griechenland hat der Linken-Politiker Gregor Gysi Verständnis für finanzielle Forderungen Athens geäußert. "Mir liegt ein bisschen auf der Seele, dass das damals besetzte Griechenland vom Nazi-Regime zur Zahlung eines Zwangskredits verpflichtet wurde", sagte der Chef der europäischen Linken den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Reparationen
  • Der Begriff Reparationen kommt vom lateinischen Wort "reparare" und heißt übersetzt "wiederherstellen". Reparationen sind Transferleistungen in Form von Kriegsentschädigungen.
  • Die deutschen Reparationsleistungen an den griechischen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden aus Sachleistungen und Zahlungen. Die Pariser Verträge von 1954 beendeten die Leistungen Deutschlands an den einstigen Kriegsgegner.
  • Im Frühjahr 2013 prüfte eine Kommission staatlicher griechischer Juristen, ob Griechenland noch berechtigte Reparationsforderungen aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs an Deutschland richten kann. Insbesondere ging es um einen angeblichen Zwangskredit an Deutschland während der Besatzungszeit. Eine entsprechende offizielle Forderung an Deutschland wurde von der damaligen griechischen Regierung bislang nicht erhoben.

"Meines Erachtens ist die Bundesrepublik für dieses Darlehen immer noch haftbar." Die entscheidende Frage sei die Höhe der Zinsen, sagte Gysi weiter. "Die Bundesregierung sollte aus rechtlichen, politischen und moralischen Gründen sagen, wir zahlen das Darlehen zurück und bieten Verhandlungen über die Zinsen an." Nach griechischen Angaben würde sich der zu zahlende Betrag auf etwa zehn Milliarden Euro belaufen.

Gysi begleitet Steinmeier bei dem Staatsbesuch. Der Bundespräsident will am Donnerstag das ehemalige Konzentrationslager Chaidari bei Athen besuchen und Gespräche mit dem griechischen Präsidenten Prokopis Pavlopoulos und mit Ministerpräsident Alexis Tsipras führen. Gysi sagte: "Ich wäre dem Bundespräsidenten sehr dankbar, wenn er ein Zeichen setzt, dass wir die Spannungen aus der Euro-Krise zwischen beiden Ländern überwinden wollen."

Die Bundesregierung vertritt den Standpunkt, dass Griechenland völkerrechtlich keinen Anspruch auf Entschädigungszahlungen für die Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg mehr besitzt. In Griechenland, wo im nächsten Jahr gewählt wird, ist das Thema unverändert brisant und dürfte auch bei Steinmeiers Besuch eine Rolle spielen.

Griechenland fordert insgesamt 376 Milliarden Euro

Vor wenigen Tagen wurde bereits bekannt, dass sich Griechenland weiterhin Reparationsforderungen an Deutschland für Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg vorbehält. Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, sollen diese Forderungen sogar höher sein als bislang bekannt. Wie das Blatt berichtet, soll aus einer Studie einer Kommission des griechischen Parlaments hervorgehen, dass sich der Betrag mittlerweile auf 376 Milliarden Euro summiert.

Die Forderung nach Entschädigungszahlungen ist nicht neu. Eine vom Parlament einberufene Kommission aus Experten hatte bereits vor drei Jahren den Umfang der Kriegsschäden auf mindestens 289 Milliarden Euro beziffert. Nun sagte Triantafyllos Mitafides, Präsident der Reparations-Kommission im griechischen Parlament, im Gespräch mit "Bild": "Die Frage der deutschen Reparationen wird bei jeder Gelegenheit vom griechischen Präsidenten Prokopis Pavlopoulos angesprochen. Leider bislang nur während Gedenkfeiern in Dörfern, die unter den Gräueltaten der Nazis litten. Ich denke, der Besuch des Bundespräsidenten ist eine gute Gelegenheit, diese Frage nicht nur durch öffentliche Erklärungen, sondern auch zwischen den beiden Präsidenten persönlich zu klären. Unser Bericht und der Gesamtbetrag der Reparationen basieren nicht auf Spekulationen oder Schätzungen, sondern auf offiziellen Dokumenten. Und für uns gibt es keine Verjährungsfrist, um die deutschen Reparationen in Anspruch zu nehmen."

Griechenland ist nicht das einzige Land, das Entschädigungszahlungen von Deutschland verlangt. Auch in Polen gibt es Bestrebungen, Reparationen für die von Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg verursachten Schäden zu fordern. Für Deutschland ist das Thema mit dem 1990 als internationale Grundlage für die deutsche Wiedervereinigung unterzeichneten Zwei-plus-Vier-Vertrag abgeschlossen. Darin heißt es, es seien "keine weiteren Reparationen" vorgesehen.

Quelle: n-tv.de