Politik

Der Kriegstag im Überblick Hälfte der Russen "entsetzt" über Einberufungen - Erste Rekruten an der Front schon tot

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Einberufungsstelle im sibirischen Krasnojarsk.

(Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Die Ukraine geht von fast 60.000 toten russischen Soldaten aus: Die ersten frisch einberufenen Rekruten seien bereits an der Front gefallen. Eine Moskauer Umfrage zeigt, dass die Hälfte der Russen die Mobilmachung mit Entsetzen betrachtet. Gegen die Massenflucht Wehrpflichtiger schließt Finnland seine Grenzen. Der 218. Kriegstag im Überblick.

Umfrage: Nur noch 23 Prozent sind "stolz auf Russland"

Fast jeder zweite Russe hat einer Umfrage zufolge erschrocken auf die von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Teilmobilmachung reagiert. Insgesamt 47 Prozent der Befragten beschrieben ihre Gefühlslage nach Putins Rede vor gut einer Woche mit "Angst, Furcht, Entsetzen", wie aus Ergebnissen des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada hervorgeht. 23 Prozent gaben dagegen an, "stolz auf Russland" zu sein. Das ist ein Einbruch um fast zehn Prozent seit dem Angriff am 24. Februar. Die Umfragen des unabhängigen Lewada-Instituts werden von westlichen Experten als vergleichsweise authentisch geschätzt.

"Profiboxer gegen Schuljungen": Erste Rekruten wohl gefallen

Die ukrainische Regierung geht davon aus, dass schon Dutzende frisch einberufene Russen in den vergangenen Tagen getötet worden sind. Dies sagt Präsidentenberater Olexij Arestowitsch der "Bild"-Zeitung. Er erwarte, dass Russlands Präsident Wladimir Putin seine frisch mobilisierten Soldaten in den besetzten Gebieten einsetzen werde. "Aber wir werden diesen Kampf gewinnen. Die Vernichtung dieser mobilisierten Kräfte wird uns nicht schwerfallen." Auf die Frage, wie viele der 300.000 neuen russischen Soldaten ausgebildet seien und überleben würden, sagte Arestowitsch: "Keine. Sie sind schlecht ausgerüstet, haben keine Medikamente und sind mit rostigen Gewehren bewaffnet. Sie haben überhaupt keine Ausbildung. Sie haben nicht einmal eine schlechte Ausbildung, sie haben einfach keine Ausbildung - es ist schrecklich. Es ist, als würde ein Profiboxer gegen einen Schuljungen kämpfen."

Nach ukrainischen Angaben verlor Russland seit Beginn seines Angriffskriegs 58.580 Soldaten. 430 sollen dabei allein in den vergangenen 24 Stunden gestorben sein, wie der Generalstab in Kiew berichtete. Außerdem sollen unter anderem 2325 russische Panzer, 4.909 gepanzerte Kampffahrzeuge, 1385 Artilleriesysteme, 262 Flugzeuge und 995 Drohnen seit dem 24. Februar zerstört worden sein.

Moskau zieht Bodentruppen von Balten-Grenzen ab

Um seine Verluste in der Ukraine auszugleichen, zog bis zu 80 Prozent seiner Truppen aus Stützpunkten an der Grenze zu den baltischen Staaten und Finnland ab. Das berichtete die Zeitschrift Foreign Policy unter Berufung auf einen Verteidigungsbeamten, der anonym bleiben will. "Der Abzug, den wir in den letzten sieben Monaten aus dieser Region erlebt haben, ist sehr bedeutsam", so der Beamte. "Russland hatte jahrzehntelang eine Bodentruppenstellung, die jetzt praktisch verschwunden ist." Neben Truppen verlege Russland auch andere hochwertige militärische Ausrüstung, darunter Flugabwehrsysteme und Raketen, aus der Region in die Ukraine. Satellitenbilder hatten zuvor bereits bestätigt, dass einige S-300-Flugabwehrsysteme aus einem Schutzring um St. Petersburg, nahe der finnischen Grenze, abgezogen wurden.

Exodus junger Russen hält an: Finnland schließt Grenze

Die russische Teilmobilisierung läuft weiterhin nicht nach Plan. Seit Putins Ankündigung gibt es einen beträchtlichen Exodus von Russen, die sich der Einberufung entziehen wollen. Wie das britische Verteidigungsministerium berichtete, sind die genauen Zahlen zwar unklar, aber übersteigen wohl die Größe der gesamten Invasionstruppe, die Russland im Februar 2022 aufgestellt hatte. Das Fazit des Ministeriums: "Zusammen mit den Reservisten, die mobilisiert werden, dürften die Auswirkungen der geringeren Verfügbarkeit von Arbeitskräften und der beschleunigten Abwanderung von Fachkräften auf die russische Wirtschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen."

Finnland schließt um Mitternacht seine Grenze für russische Touristen. Der finnische Außenminister Pekka Haavisto erläuterte, die Ereignisse rund um die Nord-Stream-Lecks und die Scheinreferenden in der Ukraine hätten den Beschluss der Regierung beschleunigt. Finnland schließt sich damit der Anfang September von Polen und den drei baltischen Ländern Litauen, Estland und Lettland beschlossenen Visa-Regelung für Russen an. Somit gilt für alle fünf an Russland grenzenden EU-Staaten eine Einreisesperre für Russen mit Touristen-Visa für den Schengen-Raum. Zum Schengen-Raum gehören 22 EU-Länder sowie die Schweiz und drei weitere Staaten.

Litauens Ex-Staatschef warnt vor Asyl für Wehrverweigerer

Litauens früheres Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis warnte davor, dass Russen, die vor der Mobilmachung ins Ausland fliehen, möglicherweise zur Destabilisierung ihrer Gastländer eingesetzt werden könnten. "Jetzt fliehen sie an einen sichereren Ort, aber die Frage ist, ob diese Massenflucht nicht auch geplant und eine weitere hässliche Waffe ist", sagte er. Demnach könnte der Kreml "sie für einige Referenden, Abstimmungen verwenden, um Onkel Putin um Hilfe zu bitten", so der 89-Jährige, der nach Litauens wiedererlangten Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1990 an der Spitze des baltischen EU-Landes stand.

Viertes Nordstream-Leck: Ermittler vermuten 500-Kilo-Sprengsätze

Nach der Entdeckung eines vierten Lecks in der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee gehen Ermittler nach Informationen des "Spiegel" davon aus, dass Sprengsätze dafür verantwortlich sind. Für die Zerstörung der Röhren hätten jeweils Bomben eingesetzt worden sein müssen, deren Wirkung mit der von 500 Kilogramm TNT vergleichbar ist. Die Schätzungen legen nahe, dass ein staatlicher Akteur für die Lecks verantwortlich sein müsse, schrieb das Magazin. Der Westen macht Russland für die Sabotageakte verantwortlich, Beweise gibt es allerdings nicht.

Kreml: Dumm, Russland zu verdächtigen

Auch Moskau geht von Sabotage aus. "Natürlich ist es sehr schwer vorstellbar, dass ein solcher Terrorakt ohne die Beteiligung eines Staates stattgefunden haben könnte", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Allerdings sei es "dumm" zu glauben, Russland stecke dahinter.

Moskau will Annexion morgen vollziehen

Nach den völkerrechtswidrigen Scheinreferenden will Putin die Annexion mehrerer ukrainischer Gebiete bereits am morgigen Freitag offiziell machen. "Im Großen Kremlpalast findet um 15.00 Uhr eine Zeremonie zur Unterzeichnung von Abkommen über den Beitritt neuer Gebiete in die Russische Föderation statt", sagte Peskow laut Agentur Interfax. International wird der Schritt nicht anerkannt.

In der Ukraine kommt dann der Nationale Sicherheitsrat zusammen. "Präsident Wolodymyr Selenskyj beruft für morgen dringend eine Sitzung des Rates für nationale Sicherheit und Verteidigung der Ukraine ein", teilte Präsidentensprecher Serhij Nykyforow bei Facebook mit.

"Putin wird vor Gericht erscheinen"

Die ukrainische Menschenrechtsaktivistin Olexandra Matwijtschuk geht davon aus, dass Putin eines Tages wegen Kriegsverbrechen vor Gericht stehen wird. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass er das wird", sagte sie in einem Online-Gespräch mit Journalisten, nachdem ihr und anderen Preisträgern der Alternative Nobelpreis zugesprochen worden war. "Viele autoritäre Führer der Welt denken, dass sie unantastbar sind. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass autoritäre Regime zusammengebrochen sind und ihre Führer früher oder später in Gerichtsprozessen erschienen sind."

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Quelle: ntv.de, mau/dpa/rts

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