Politik

Die Akteure hinter dem syrischen Chaos Hat Assad noch die Kontrolle?

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Die Freie Syrische Armee ist dank ausländischer Hilfe gut bewaffnet. Ihre Kommandostruktur ist schwer zu durchschauen.

(Foto: REUTERS)

Längst ist der Konflikt in Syrien nicht mehr auf zwei klare Fronten begrenzt. Am neuen Pulverfass des Nahen Ostens mischen verselbstständigte Regime-Milizen, Guerilla-Kämpfer und ausländische Dschihadisten kräftig mit. Ganz zu schweigen vom Ausland, das zunehmend Einfluss nimmt. Die wichtigsten widerstreitenden Akteure im Überblick.

Ein Land, das schon immer schwer zu durchschauen war, "versinkt im Chaos", wie es in vielen Medienberichten heißt. Was sich hinter der drastischen Wortwahl verbirgt, ist vor allem eines: Die Hilflosigkeit, das Treiben eines unübersichtlichen Haufens von widerstreitenden Akteuren zu beschreiben, deren Motive nicht immer klar sind.

Selbst ausgewiesenen Experten fällt es zunehmend schwer, die Gemengelage zu überblicken. "Das Land ist von einem Akteur zur Arena der Regionalpolitik im Nahen Osten geworden", sagt der Syrienexperte André Bank vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (Giga) in Hamburg. Nicht nur innerhalb, auch außerhalb des Landes sind politisch und religiös motivierte Akteure in Stellung gegangen.

Bank sieht innerhalb Syriens inzwischen drei Gruppen am Werk, die jeweils stark ausdifferenziert sind. Zur staatlichen oder regimeloyalen Seite und der aus vielen Fraktionen bestehenden Opposition sind als neuestes Phänomen Dschihadisten aus anderen arabischen Ländern hinzugekommen.

Wer tötete wen in Al-Haula?

Kompliziert genug sind die beiden Lager, die sich nur sehr verkürzt mit "Regime" und "Opposition" umschreiben lassen. Zur staatlichen Seite zählt neben dem engen Führungszirkel um Präsident Baschar al-Assad die Armee. Eliteeinheiten sind dafür zuständig, Städte von den Kämpfern der oppositionellen Freien Syrischen Armee zurückzuerobern. Die Eliteeinheiten unterstehen Maher al-Assad, einem Bruder des Präsidenten. Gesichert werden diese Städte anschließend von der regulären Armee.

Hinzu kommen regionale Milizen, die zumindest ursprünglich einmal dem Regime gehorchten. Laut André Bank ist es jedoch fraglich, "wie stark die Regierung etwa die Schabiha-Miliz noch unter Kontrolle hat". Die ambivalente Reaktion von staatlicher Seite nach dem Ende Mai mit 108 Toten deutet demnach auf diesen Kontrollverlust hin. Direkt nach dem Massaker von Al-Haula hatte der Armeegeneral Qassim Sulaiman den Kontrollverlust des Militärs sogar überraschend offenherzig eingestanden, indem er zugab, dass sich in der Gegend keiner ohne die Duldung der "Terrorbanden" bewegen könne. Damit allerdings wollte er auch die Beteiligung der Armee an dem Massaker abstreiten, was ebenso wenig bewiesen werden kann wie vieles, was die Opposition behauptet.

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Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan bei einer weiteren Sitzung des Uno-Sicherheitsrates.

(Foto: REUTERS)

Während das Massaker also bislang der Assad-nahen Schabiha zugeordnet wurde, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) nun eine andere Version: Die Gräueltaten hätten keineswegs den Sunniten in der Stadt gegolten, sonder seien vielmehr von Sunniten verübt worden. Opfer waren demnach die alawitischen und schiitischen Minderheiten. Vor allem Konvertiten habe es getroffen. Die Zeitung beruft sich dabei auf "glaubwürdige Zeugenaussagen". Diese Zeugen berichten, dass die Täter nach dem Massaker ihre Opfer gefilmt hätten. Die Videos wurden dann über das Internet verbreitet, in den Begleittexten ist von sunnitischen Opfern die Rede. Laut FAZ bestätigte die syrische Regierung diese Berichte.

Opposition hat sich militarisiert

Nicht weniger undurchsichtig als die Regimeseite ist die der Opposition. Wegen der von der syrischen Regierung verhängten Medienblockade können Journalisten kaum verifizieren, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie mit Regimegegnern sprechen. Zitiert werden diese meist als "Aktivisten" oder "Oppositionelle". Nach der Eskalation der vergangenen Monate hat jedoch nach Einschätzung des Syrien-Experten Bank die ursprünglich friedliche Protestbewegung an Einfluss verloren – zugunsten von lokalen Milizverbänden, Guerilla-Gruppen und Deserteuren. Der waffentragende Teil der Opposition ist in der Freien Syrischen Armee organisiert, wobei von Organisation nur begrenzt die Rede sein kann. "Die Kommandostrukturen sind unklar", sagt André Bank.

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Regimegegner demonstrieren im jordanischen Amman gegen Präsident Assad.

(Foto: REUTERS)

Begonnen haben die Proteste 2011 tatsächlich mit einer weitgehend friedlichen Protestbewegung, die sich weniger direkt für einen Sturz Assads, als vielmehr für Reformen, bessere Zukunftschancen und Korruptionsbekämpfung einsetzte. Die Protestierer waren nach Einschätzung des Syrien-Kenners Bank "mehrheitlich junge Männer, sunnitische Muslime, die frisch politisiert begannen, auf die Straße zu gehen". Nachdem die Demonstranten mit Repressalien belegt worden waren und die Situation schnell eskalierte – mit Toten auf beiden Seiten – militarisierten sich Teile dieser Opposition.

Täglich tauchen neue Gruppen auf, erst diese Woche gab eine "Front der Revolutionäre Syriens" auf einer Konferenz in Istanbul ihre Gründung bekannt. Mit der Militarisierung und Internationalisierung des Konflikts habe die "lokale Protestbewegung immer mehr an Einfluss verloren", resümiert Giga-Experte Bank. Die Gewalt auch vonseiten der bewaffneten Opposition veranlasste die amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch im März zu einem offenen Brief an den Syrischen Nationalrat, er möge die Rebellen zur Ordnung rufen.

Im (SNR) finden sich hauptsächlich alte Oppositionelle. "Das sind alte Männer, die teilweise ins Exil gegangen sind und viel gelitten haben", beschreibt Bank die Mitgliederstruktur. Der SNR kann als Versuch gesehen werden, alle Oppositionsgruppen zu vereinen. Mit Zentrale in Paris fungiert der Rat auch als Sprachrohr der Opposition, lanciert Berichte und fordert seit Monaten Waffenlieferungen für die Kämpfer im Land sowie einen ausländischen Militäreinsatz. Im Nationalrat finden sich auffällig viele Muslimbrüder, die seit Beginn der Herrschaft des eher säkular orientierten Assad-Clans in Syrien verfolgt wurden.

Dschihadisten mischen das Feld auf

Als wäre das alles nicht schon kompliziert genug, nutzen inzwischen auch noch das Chaos, um weiteres Chaos zu stiften. Sie kommen zum Teil aus Syrien, zum Teil sind es Kämpfer unterschiedlicher Nationalitäten, die aus dem Irak, dem Libanon und Libyen nach Syrien gekommen sind. "Sie geben dem Konflikt eine neue, regionale oder sogar globale Komponente", so Bank. Sie tragen den religiös motivierten Terror, etwa aus dem Irak, nach Syrien. Auch in den Libanon hinein wirken diese Gruppen. Ein in Damaskus etwa wird einer solchen dschihadistischen Gruppe, den Nusra-Brigaden zugeordnet.

Und eigentlich gibt es noch mehr Fraktionen, nämlich solche aus dem Ausland. Die , allen voran Saudi-Arabien, finanzieren die bewaffnete Opposition und heizen damit den Bürgerkrieg weiter an. Der lässt seine Spezialeinheit namens Quds-Brigaden aufseiten der syrischen Armee mitmischen. Damit ist Syrien längst zu einem Schauplatz des Kampfes zwischen Saudi-Arabien und Iran um die regionale Vormachtstellung geworden, wo es um Wirtschaftsinteressen, religiöse Deutungshoheit und politischen Einfluss in der Region geht.

Die Vetomächte des UN-Sicherheitsrates sowie Europa und die Türkei stehen angesichts dieser Gemengelage recht unbeholfen da. Obwohl sie alle einen Militäreinsatz ablehnen, steht dieser ständig im Raum – in Form des Dementis. Tatsächlich spricht kaum etwas für einen Einsatz ausländischer Truppen. Die ständige Betonung der Tatsache, dass es keinen Militäreinsatz geben solle, deutet womöglich eher darauf hin, dass die Öffentlichkeit in westlichen Staaten sich schon an derartige Einsätze gewöhnt hat.

Insbesondere die westlichen Staaten argumentieren wie jüngst US-Außenministerin Hillary Clinton immer noch nach der Logik, hier gehe es um einen Konflikt zwischen einem Regime und seinen Gegnern. Assads Sturz soll die Lösung sein für einen ausgewachsenen Bürgerkrieg, der sich mit zunehmender Brutalität konfessionalisiert hat. Die vielbeschworene Warnung vor einem "Flächenbrand" in der Region ist allzu berechtigt.

Quelle: ntv.de